Berlin kann nur profitieren | In allen politischen Handlungsfeldern sollte auf Integration gesetzt werden

Andreas Germershausen, der Beauftragte des Berliner Senats für Integration und Migration, koordinierte den Prozess zur Entwicklung des Gesamtkonzeptes. Foto: Hareth Almukdad

Ein Beitrag von Hareth Almukdad und Rita Zobel
Der Berliner Integrationsbeauftragte Andreas Germershausen erläutert im Gespräch mit der kulturTÜR, welche Chancen und Herausforderungen er bei der Umsetzung des Gesamtkonzeptes sieht.

Herr Germershausen, seit 1984 beschäftigen Sie sich mit Flüchtlings- und Asylfragen. Was tragen Geflüchtete aus Ihrer Sicht zur Stadt-Gesellschaft bei?

Ich glaube, dass Berlin sehr von Geflüchteten profitiert. Berlin wird wahrgenommen als eine wirklich kreative Stadt, die von Vielfalt und Diversität geprägt ist. Das sieht man auch an der lokalen Kultur, und das macht Berlin aus.

Was sehen Sie als die größten Erfolge in Ihrer Zeit als Integrationsbeauftragter an?

Es ist natürlich eine große Stärke, dass unter meiner Zuständigkeit die Integrationslots*innen in der Stadt tätig geworden sind. Oder dass wir allen, die neu ankommen, über die Volkshochschulen Sprachförderung bieten. Auch, dass wir ein gutes Netzwerk zur Anerkennung von beruflichen Kompetenzen von Migrant*innen haben und zur Vermittlung von Geflüchteten in Arbeit. Und auch dass wir die Berufs-Kampagne „Berlin braucht dich“ machen. Damit haben wir sehr viele Auszubildende aus Einwandererfamilien in den öffentlichen Dienst oder in öffentliche Unternehmen gebracht.
Darüber hinaus ist es uns gelungen, das Gesamtkonzept zu entwickeln. Wir hatten ja bereits die Federführung für die Koordination der Aktivitäten aus dem Masterplan. Da sind ja sehr viele Förderprogramme entstanden, und wir haben das für den Senat zusammengefasst. Das haben wir offensichtlich ganz gut gemacht, so dass uns der Senat jetzt aufgefordert hat, das Gesamtkonzept zu koordinieren. Also, das sind schon Highlights.

Wo liegt da für Sie die größte Herausforderung in Bezug auf die Integration?

Uns war es bei der Integration von Geflüchteten sehr wichtig, dass es schnell geht. Zum Beispiel, dass wir von Beginn an Sprachförderung anbieten und nicht erst nach Klärung des Asylverfahrens. Das hat sich auch bewährt. Der Übergang in Arbeit und Ausbildung war dann erstmal die größte Herausforderung. Und das ist offensichtlich erfolgreicher verlaufen als es im Sommer 2015 eingeschätzt wurde. Und heutzutage ist natürlich die größte Herausforderung der Übergang in selbstbestimmtes Wohnen. Das ist insgesamt in der Stadt eine große Schwierigkeit, wie wir an der Mietentwicklung sehen. … Hier zeigt sich ein sehr wichtiger, grundsätzlicher Punkt in der Frage nach der Integration, nämlich die Frage der Bevorzugung oder Benachteiligung. Das Risiko liegt darin, dass sich damit Neiddebatten schüren lassen. Bei Bildung und Arbeit gibt es das weniger. Da sehen alle ein, dass es notwendig ist. Hier aber hören Sie jetzt mitunter von Menschen, die eigentlich grundsätzlich liberal denken, Sätze wie „Den Flüchtlingen wird alles hinterher geschmissen, und wir müssen uns selbst eine Wohnung suchen“. Dabei ist es für Flüchtlinge viel schwieriger eine Wohnung zu finden. … Und dieser Punkt hat eine hohe Sprengkraft. Politische Parteien, die gegen Migrant*innen und Flüchtlinge eingestellt sind, können genau da eine sehr negative Stimmung erzeugen. Das ist natürlich für jeden, der Integrationspolitik betreibt, eine immense Herausforderung. Es erscheint jetzt so, als wäre der Zugang zu Wohnungen die eigentliche Integrationsfrage. Dabei ist alles andere genauso wichtig. Und wie Frau Foroutan in ihrem Vortrag sagte, muss man bei der Integration auch an die denken, die sich abgehängt fühlen.

Welches Thema liegt Ihnen für die Umsetzung des Gesamtkonzeptes Partizipation und Integration besonders am Herzen?

Berlin hat nur eine Chance, wenn es migrationsgerecht entwickelt ist. Es ist wichtig für die Stadt, dass es Strukturen gibt, in die sich Geflüchtete schnell integrieren und in denen sie sich zurechtfinden können. Eine aufnahmebereite Stadt zu sein heißt, dass in allen politischen Handlungsfeldern der Fokus auf Migration gesetzt wird. Aus der Perspektive der Flüchtlinge hoffe ich, dass möglichst viele eine gute Zukunft für sich entwickeln können, die auch sozialen Aufstieg beinhaltet.

Ich empfand es als ein großes Kompliment, dass Frau Foroutan sagte, wir sollen das jetzt nicht nur für die Geflüchteten machen, sondern ausweiten auf die ganze Gesellschaft und alle einbeziehen. Da haben wir dann doch offensichtlich einiges richtig gemacht.

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