Lasst uns wie die Kinder leben

Foto: Hareth Almukdad
Nicht ich habe mich für die Toleranz entschieden, sondern sie hat sich für mich entschieden

Kann man ein Lächeln für jemanden übrig haben, der einem einst Böses tat? Kann man jemandem, den man liebte, seine Fehltritte verzeihen? Kann man seinen Zorn bändigen, wenn man am liebsten Rache nehmen würde?

Als ich noch so klein war, dass meine Hand kaum mehr als die Größe einer großen Walnuss hatte, sorgte mal ein Junge für dicke Tränen bei mir. Er hatte mir etwas von meinen Süßigkeiten weggenommen. Und dennoch ging ich kurz darauf zu ihm, um ihm etwas von meinen restlichen Süßigkeiten abzugeben.

Einmal hatte ich einen Radiergummi, der nach Rosen duftete. Als meine Freundin ihn verlor, stritt ich fürchterlich mit ihr und schwor mir, dass ich nie wieder meine Sachen mit ihr teilen würde. Mit großem Abstand zueinander saßen wir auf einer alten Holzbank, in der die Namen Hunderter Schüler eingeritzt waren. Unter ihnen auch die Namen meiner Freundin und mir. Noch immer den Duft meines Radiergummis in der Nase entdeckte ich eines Tages auf dem Boden den Lieblingsstift meiner Freundin. Mit meinen Füßen schob ich ihn etwas näher an mich heran, in der Absicht, ihn anschließend vor ihr zu verstecken. Das sollte die Rache für meinen verlorenen Duftradiergummi sein. Doch da meldete sich eine Stimme in meinem Inneren, die mir sagte, dass es nicht in Ordnung war, was ich da tat. Ich war einfach nicht dazu imstande, den Stift noch länger vor ihr zu verstecken. Also gab ich ihn ihr mit einer Entschuldigung zurück, deren Grund sie nicht verstand. Die Einzigen, die den Grund kannten, waren der Stift und ich.

Die Jahre vergingen, mit meinen Sitznachbarn war es ein Kommen und ein Gehen, und jede der Sitzbänke hatte ihre ganz eigenen eingeritzten Namen. Mit der Zeit wurde auch jene Stimme immer leiser, die früher so präsent war. Sie meldete sich nur noch selten zu Wort, und wenn sie es doch mal tat, schenkte ich ihr kein Gehör.

Das Kind in mir ließ sich nicht mehr vom Gefühl der Toleranz einnehmen, sondern fand heraus, dass es noch andere Möglichkeiten gab.

Toleranz war nicht mehr die einzige Option. Fortan ballte sich meine Faust fester, meine zarten Fingernägel von damals waren nunmehr scharf.

Ich war sechzehn Jahre alt, als sich eines Tages vier Mädchen um mich herum versammelten. Sie spotteten und lachten über mich, weil ich nicht so aussah wie sie. Im Gegensatz zu ihnen trug ich keine bunten Ketten, mit denen ihr Outfit überladen war. Doch wie sollte ich als Einzelne gegen vier Mädchen ankommen?

Schließlich wählte ich den einfachsten Weg und knöpfte mir nur eine von ihnen vor. Sie saß gerade mit ihrem Freund zusammen, als ich in ihre innige Zweisamkeit platzte. Vor den Augen der Person, in die sie verliebt war, zog ich über ihr Aussehen her, und zwar so lange, bis sie in Tränen ausbrach. Von der Stimme in meinem Inneren, die mich für mein Verhalten tadelte, wollte ich nichts wissen. Ich war ganz und gar nicht dazu bereit, mir diesen Moment der Genugtuung nehmen zu lassen.

Die Jahre vergingen, und mit ihnen auch meine Ansichten. Die Zeit hat mich in vielerlei Hinsicht des Besseren belehrt. Meine Verluste bestehen nicht mehr in wohlriechenden Radiergummis, und auch die glitzernden Ketten von damals sind mir in diesen Tagen nur noch blass in Erinnerung. Heutzutage geht es um andere Dinge, etwa dass ich eine Arbeitsmöglichkeit vertat, weil ich auf den Rat einer Freundin hörte, den Job wegen des schlechten Managements dort nicht anzunehmen. Im Nachhinein erfuhr ich, dass sie sich ebendiesen Job, den ich aufgrund ihres Rates abgelehnt hatte, selbst unter den Nagel gerissen hatte!

Aufgrund meiner Art, mich zu kleiden, ist man mir in der Gesellschaft, in der ich heute lebe, bereits öfter mit Ablehnung begegnet. Wiederholt ließ ich Beleidigungen über mich ergehen, ohne dabei auch nur einmal mit der Wimper zu zucken. Nicht, weil ich Toleranz walten lassen wollte, sondern weil ich es ihnen nicht heimzahlen konnte. Natürlich fiel es mir nicht leicht, mich daran zu gewöhnen, nicht zu reagieren. Irgendwann aber habe ich gemerkt, dass Rache keine dauerhafte Befriedigung verschafft, sondern negative Gefühle anfacht. Beispielsweise solche, die dich den gedankenverlorenen Blick von jemanden auf dir sofort als feindseligen Angriff deuten lassen, auch wenn er gar nicht so gemeint ist.

Es ist schön, wenn sich die Toleranz in unseren schwachen Momenten ermächtigt und die Oberhand behält. Noch schöner aber ist es, wenn wir uns aus eigener Stärke heraus für sie entscheiden. Denn es liegt in der Natur der Toleranz, dass sie uns in Frieden leben lässt und uns hilft, unserem Gegenüber mit Nachsicht, Geduld und Gelassenheit zu begegnen.

Aus dem Arabischen übertragen von Melanie Rebasso.

Geschrieben von
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