Mein Geburtstag in der Fremde

Foto: Hareth Almukdad

Es schlägt Null Uhr     ein neuer Tag ist eingeläutet
Der Tag meiner Geburt    der 28. März bedeutet für mich nur Kummer
Von meinen vergangenen Tagen   blieben nur Schall und Rauch

Nicht vorausgesehen habe ich    wie ausgelaugt ich mich fühle
für die übrigen Jahre     bis sie eilig und einsam verstreichen
und dem Tode weichen.

Da sitze ich mit mir allein und mein neues Lebensjahr bricht inmitten dieser Finsternis in einem Zimmer in der Ferne über mich herein. Ich beuge mich den Erinnerungen der Bilder an der Wand entgegen und lasse mich vom Augenblick der Einsamkeit in die Vergangenheit entführen: Das ganze Haus dekoriert, um mich zu feiern, als wäre es mein erster Geburtstag, war meine Mutter immer die Erste, von der ich am Morgen meines Ehrentags nach dem Aufwachen Glückwünsche erhielt.

An ihren Kuchen, dessen Geschmack mir noch heute auf der Zunge liegt, erinnere ich mich gut.

Ich denke an meine Brüder und ihre einfachen, aber deshalb nicht weniger wunderbaren Geschenke für mich, ebenso an meine Freunde, die meinen Geburtstag stets gemeinsam mit mir feierten. Und auch mein Vater – mein Rückhalt, Vorbild und Stolz – ist Teil der Erinnerung an diesen Tag, an dem seine fröhlichen Augen mich stets glücklich, stark und sicher fühlen ließen. Heute bin ich wieder ein Jahr älter, aber noch immer auf der Suche nach der Bedeutung von Glück und Beständigkeit. Bis auf die Erinnerungen an meine Familie ist mir nichts geblieben. Sie verschaffen mir ein Gefühl des Seelenfriedens und der Sicherheit. Meine Lieben sind das größte Geschenk, das mir vom Universum gegeben wurde. Ihnen schicke ich meine Küsse der Sehnsucht an meinem Geburtstag. Ich möchte ihnen sagen: Ihr seid das Wunderbarste in meinem Leben, ohne euch ist mein Geburtstag ganz und gar kein Fest.

Mit einem Mal bin ich wieder in der Realität angekommen und sehe nichts außer den vier Wänden, an denen meine Erinnerungen an jene Zeit als Bilder hängen. Wie jedes Jahr an diesem Tag zünde ich die mit jedem Jahr mehr werdenden Kerzen an, um sie anschließend allein wieder auszublasen. Niemand teilt mit mir die Freude dieses Festtages, niemand gratuliert mir oder erkundigt sich nach mir – bis auf mein Handy, das meine Gedankenkette abrupt unterbricht, als es mich mit einem lauten Ton an meinen eigenen Geburtstag erinnert. Ich schaue auf den Display und lese: „Erinnerung: Heute ist der 28. März und dein Geburtstag. Alles Gute und viel Heiterkeit.“ Wie jedes Jahr in trauter Einsamkeit. Als ich diesen letzten Satz in Gedanken ergänze, muss ich lächeln und Tränen steigen mir in die Augen. Meine Güte, wie kann dieses kleine Gerät nur so treu sein? Ich frage mich schon heute: Wird mein nächster Geburtstag anders verlaufen oder wird sich das Szenario der letzten Jahre immerfort wiederholen?

Wenn es eigentlich Zeit wäre zu feiern, drängen sich mir wieder einmal die Erinnerungen auf.

Ich warte darauf, dass irgendjemand an meine Tür klopft und mir jene Geschenke überreicht, von denen ich mir so sehr gewünscht hatte, dass sie mich erreichen. Die Kerzen, die jedes Jahr um eine weitere ergänzt werden, brennen noch immer, und der Kuchen wartet darauf, verspeist zu werden. Und dann?

Die Uhrzeiger bedeuten, dass das Fest nun vorüber ist. Noch immer allein kämpfe ich gegen meine Trostlosigkeit an. Ich warte darauf, dass sich vielleicht jemand daran erinnert, mir gratulieren zu wollen. Aber nein, da ist niemand. Plötzlich aber ertönt mein Handy erneut und kündigt eine neue Nachricht an – ich lächle. Vielleicht hat sich ja doch noch jemand an mich erinnert und mir seine Geburtstagswünsche geschickt?! Enttäuscht lese ich jedoch: „Erinnerung angelegt: Dein Geburtstag ist in 364 Tagen. Na dann alles Gute und viel Heiterkeit.“ Wie jedes Jahr in trauter Einsamkeit.

Aus dem Arabischen übertragen von Melanie Rebasso.

Geschrieben von
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