Sei mutig: sei tolerant!

Grafik: Fadi Zyeada
Das hilft bei der Ankunft in der neuen Gesellschaft

Viele Geflüchtete stoßen in ihren Ankunftsländern auf so manche Hindernisse, die sich bis auf die kleinsten Dingen ihres Lebens erstrecken. Während sie einerseits an dem ihnen aus ihrer eigenen Gesellschaft vertrauten Lebensstil festhalten und andererseits mit dem neuen Lebensstil im Ankunftsland konfrontiert werden, tut sich ein Widerspruch in ihrem neuen Leben auf. Er ist die Folge des Konflikts, den sie innerlich mit sich austragen und der zwischen ihnen und der neuen Gesellschaft Mauern errichtet.

Der Lebensstil der Geflüchteten in den Diaspora-Ländern kennt – abgesehen von den unzähligen Randphänomenen – im Wesentlichen zwei Ausprägungsformen: Entweder schließt man sich den Diasporagemeinden an, deren Mitglieder die gleiche Staatsangehörigkeit haben und einen Lebensstil praktizieren, der den Traditionen und Gepflogenheiten der Herkunftsländer entspricht; Beispiele dafür finden sich in europäischen Städten zur Genüge. Oder man nimmt am Leben der einheimischen Gesellschaft aktiv teil, sodass die eigene Denk- und Lebensweise jene Form annimmt, die in ebendieser Gesellschaft vorherrscht; auch hierfür lassen sich unzählige Beispiele finden. Vielen ist genau das gelungen und jene Menschen werdengern als Beispiel dafür herangezogen, wie das Zusammenleben und die aktive Teilnahme an der Gesellschaft funktionieren.

Der Zwang, von dem man spricht, wenn man dazu gezwungen ist, ein Leben im Asyl zu führen, bringt in der Tat gut das auf den Punkt, worum es beim Tun des Geflüchteten in der neuen Gesellschaft geht: es ist nicht freiwillig. Denn es ist keine Frage der Wahl, ob man die Regeln, Gepflogenheiten und Gesetze der neuen Gesellschaft befolgt. Damit, dass einem keine Wahl darin gelassen wird, den neuen Lebensstil abzulehnen oder anzunehmen, tut sich eine starke Kluft auf. Die Auffassung von den persönlichen Rechten in der neuen Gesellschaft greift hier zu kurz. Die Gesetze und die Verfassung garantieren vor allem die Freiheit der Person sowie deren Würde, und beides wird in zivilisierten Gesellschaften dahingehend interpretiert, eine Wahl zu haben. Die Wahl zu haben, bedeutet wiederum nicht, dass Gebote keine Rolle mehr spielen. So gilt auch dann, wenn man die Wahl hat, nach wie vor das wichtigste dieser Gebote, nämlich dass man die Freiheit und Wahlmöglichkeiten der anderen ebenso respektiert. Nur dann ist die Integrität der Beziehungen zwischen den Mitgliedern der Gesellschaft sichergestellt. Diesen Gedanken zu Ende gedacht, wird deutlich, dass die Akzeptanz gegenüber den anderen Mitgliedern der Gesellschaft und das Zusammenleben mit ihnen die unentbehrliche Basis für den gesellschaftlichen Frieden sind, ohne den eine Gesellschaft wiederum als solche nicht existieren kann.

Als ich in Deutschland ankam, war ich überrascht davon, als wie einfach sich die Dinge herausstellten und wie verständnisvoll sich die Leute hier gegenüber meiner Situation als vor dem Krieg geflohener Flüchtling zeigten.

Doch schon bald sollte sich der auf mich anfänglich so einfach wirkende Alltag verkomplizieren. Es blieb keine Zeit, dem zu folgen, was man als Deutscher von mir erwartete oder wovon man mit mir bei Begegnungen etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln, öffentlichen Stellen oder auch im privaten Rahmen sprach. Die Missverständnisse aufgrund der neuen Sprache, des neuen Lebensstils und der andersartigen Denkweise nahmen derart zu, dass sich in mir eine enorme Unsicherheit ausbreitete; sie war darauf zurückzuführen, dass ich mein neues Umfeld und seine Menschen nur unzureichend zu erfassen vermochte.

Die Lösung dafür lag für mich darin, mit einer gewissen Leichtigkeit und sicher auch mit einer guten Portion Mut auf die Leute zuzugehen und sie verstehen zu lernen, indem man Freundschaften mit ihnen aufbaut – beispielsweise dadurch, dass man in einem ersten Schritt die Initiative ergreift und sie grüßt. „Freundschaft“ meint hier nicht, woran man bei diesem Wort normalerweise denkt, sondern eher „Kommunikation mit seinen Mitmenschen“. Auch wenn mich einige Leute ob meiner schwachen Sprachkenntnisse nicht zu verstehen vermochten, war die Mehrheit davon sehr wohl dazu imstande, wenn ich es nur wollte.

Im Grunde denke ich, dass ich ein ganz passables Leben führe. Das liegt vermutlich auch daran, dass ich aufgehört habe, Schwierigkeiten zu viel Gewicht beizumessen und ich nicht mehr so viel Zeit damit vergeude, über sie nachzugrübeln. Ja, es bedarf meist einer gewissen Tapferkeit, um mein eigenes Leben zwischen den Leuten zu behaupten und ihre Schikanen zu ignorieren. Jedenfalls sind sie kein Maßstab für die gesellschaftlichen Verhältnisse, und der Friede mit sich selbst beginnt immerhin nach meinem Dafürhalten in erster Linie mit der inneren Einstellung, dass sich eine Gesellschaft durch ihre Vielfalt und den verschiedenen Formen menschlicher Verhaltensweisen auszeichnet.

Aus dem Arabischen übertragen von Melanie Rebasso.

Geschrieben von
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