Was sehe ich wirklich und was glaube ich zu sehen?

Szenische Darstellung über ein vermeintlich gestohlenes Handy Foto: Hareth Almukdad
Seit zwei Jahren lehrt die HeldenAkademie Jugendliche mit und ohne Fluchthintergrund, wie Konflikte ohne Gewalt gelöst werden können

„Die wollen mein Handy klauen!“, ruft der Erste. „Ich will mein Handy wieder!“, schreit die Letzte der fünfköpfigen Gruppe aggressiv. Eine Gruppe junger Menschen hat das Gelernte in einer Theaterarbeit in szenischen Ausschnitten zum zweijährigen Fest der Heldenakademie auf die Bühne gebracht. Was glauben wir zu sehen? Wer bestiehlt hier wen? Einer von ihnen will dem Mädchen offensichtlich helfen, und wieder ein ande rer scheint dem ersten jungen Mann beistehen zu wollen. Das Publikum mag sich fragen: Haben wir zu schnell den ersten, dunkelhaarigen jungen Mann schon als Dieb verurteilt? Glauben wir eher der jungen Frau mit den helleren Haaren, die „ihr“ Handy wiederhaben möchte? Die Auflösung durch die Gruppe überrascht durch die Vielfalt der Handlungsmöglichkeiten. Diese Situation und weitere szenisch dargestellte Konflikte lösen die jungen Menschen beispielhaft in fairen Gesprächen. Wie funktioniert das? Jugendliche mit und ohne Fluchterfahrung machen es uns auf der Bühne vor.

Beate Müller, Projektleiterin der HeldenAkademie und ein Team von Teilnehmer*innen, Sprachmittler*innen und Mediator*innen haben unter dem Titel „Zwei Jahre HeldenAkademie … oder: wenn sich zwei streiten…“ im Februar zu einer Feier ins Refugio Neukölln eingeladen, um den Abschluss dieses Jugendmodellprojekts zu feiern.

Die HeldenAkademie wird in Trägerschaft des Mediationszentrums Berlin e.V. durchgeführt und vom Bundesverband Mediation und der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert.

„Meine Mutter war 14, als sie auf der Flucht war. Wir haben unsere Erinnerung an den Krieg – vielleicht hat mich das deshalb motiviert“, erzählt Beate Müller. Bei den Gründern entstand 2015 angesichts der vielen Geflüchteten die Idee, zunächst minderjährigen, unbegleiteten Jugendlichen in Berlin einen Halt zu geben und ihre Persönlichkeit für diese Gesellschaft zu stärken. „Eine Idee, deren Zeit reif geworden ist, war nicht mehr aufzuhalten“, erklärt sie die Weiterentwicklung zur HeldenAkademie.

Wie und wo knüpft man Kontakte? Wie baut man Vertrauen auf, um die Projektinhalte zu vermitteln? Wie überwindet man die Sprachbarrieren? In einem Basisangebot „Interkulturelle Kompetenz“ als Schulworkshop in einer Projektwoche wurden Schülerinnen und Schülern mit und ohne Fluchterfahrung gewaltfreie Konfliktlösung und interkulturelle Sensibilisierung angeboten: Welches sind die eigenen Erfahrungen, die eigenen Konflikte? Wie definiere ich mich und den anderen? Welches sind die unterschiedlichen Werte und Vorurteile? Wie lerne ich Anerkennung und Wertschätzung?

Vertiefende Aufbauworkshops in Projektwochen mit Übernachtungen folgten. „Unser Ansatz war immer Inklusion, nicht Integration“, betont Beate Müller. Wegen fehlender Sprachkenntnisse führten nicht nur Mediator*innen und Co-Trainer*innen durch die Projekte, sondern auch Sprachmittler*innen, und manchmal wurde die Methode umgestrickt: Weniger Sprache und mehr Körpereinsatz. Jugendliche aus Berlin und die Zugewanderten sollten sich gut verständigen und den Inhalten folgen können.

Das war nicht nur eine Herkulesaufgabe für das Trainerteam, sondern auch für die Jugendlichen, die mit Mut, Anstrengung und Verzicht auf Freizeit neben Schule und Ausbildung diese Lernbereitschaft aufgebracht haben. Rund 100 Teilnehmer*innen aus fünf Berliner Schulen und einer ehemaligen Unterkunft für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge (UMF), nahmen diese Angebote seither an. „Wir haben zusammen gelebt, übernachtet, getanzt, geweint“, blickt Beate Müller bewegt zurück. An diesem Abend haben einige Jugendliche den Mut und den Weg auf die Bühne gefunden, um das Gelernte spielerisch eindrucksvoll darzustellen.

„Ihr habt unser Leben bereichert“, sind sich Beate Müller und die Verantwortlichen der Trägerschaft einig. „Man kann nie auslernen, wie man Konflikte löst.“ Bewegende Worte des Dankes kommen abschließend von Berliner und zugewanderten Jugendlichen, die die HeldenAkademie als ihre große Familie ansehen, die ihnen geholfen hat, zusammenzuwachsen und für die Zukunft in dieser Gesellschaft gewappnet zu sein.

Das gewaltfreie Lösen von Konflikten ist aber schon in der Grundschule und nicht begrenzt auf geflüchtete Jugendliche ein Thema. Unter dem Namen Helden AG® bietet daher seit 2013 auch das DRK Berlin Südwest ein ähnliches Angebot für Grundschüler der ersten bis sechsten Klasse an.

KONTAKT: FÜR JUGENDLICHE:
www.heldenakademie.org

Ansprechpartnerin: Beate Müller, Tel. 0179 470 61 61
Email: be.Mueller@mediationszentrumberlin.de

FÜR GRUNDSCHÜLER:
https://www.drk-berlin.net/angebote/kinder-jugend-und-familie/gewaltpraevention/helden-ag.html

Ansprechpartnerin: Anne Waterstraat, Tel.: 030 79 01 13-0
Email: Familienberatung@drk-berlin.net

Geschrieben von
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