„Wenn ich Geld hätte, würde ich…“

Der ersehnte Moment der Schlüsselübergabe lässt bei Geflüchteten nicht selten mehrere Jahre auf sich warten. Aber wenn es soweit ist, ist das Glücksgefühl riesig. Foto: Hareth Almukdad
Von großen und von kleinen Wundern

Seit Januar 2019 gibt es auch für Geflüchtete Unterstützung bei der Wohnungssuche in der DRK Südwest gGmbH. Für Deutsche und EU-Bürger*innen gab es das schon länger. Ich bin als Sozialarbeiterin im Projekt „Wohnraumanmietung für Geflüchtete“ tätig. Meine Klienten kommen größtenteils aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und dem Iran. Sie leben in Notunterkünften auf engstem Raum. Der Traum von einer eigenen Wohnung begleitet viele von ihnen schon einige Jahre.

Die Enttäuschung bei der Erstberatung ist groß, wenn ich erzähle, dass ich weder Wohnungen parat habe noch Wunschimmobilien vermitteln kann. Stattdessen sichte ich Unterlagen, beantrage Dokumente, gestalte Bewerbungsmappen und begleite meine Klienten zu Wohnungsbesichtigungen und zu Ämtern, um notwendige Formalitäten zu erledigen. Oft sind die Sprachbarrieren noch so hoch oder meine Klienten sind so erschöpft, dass sie es alleine gar nicht schaffen würden. Natürlich geht es in den Beratungsgesprächen in erster Linie um die Wohnungssuche – aber nebenbei erfahre ich Geschichten, von denen ich kaum glauben kann, dass es sie gibt. Und meine Klienten sind dankbar, dass da jemand ist, der sie wahrnimmt, ihnen zuhört, sie ernst nimmt und ihnen zur Seite steht.

Da es mit dem Wohnungen finden nie schnell geht, verbringen wir viel Zeit miteinander und ich lerne die Menschen, die ich begleite, immer besser kennen.

Für mich selbst mache ich die Erfahrung, dass der erste Eindruck oft, aber nicht immer der entscheidende ist. Erst beim zweiten, dritten, weiteren ganz genauen Hinschauen lässt sich erkennen, welche Talente und Schätze dieser Mensch in sich trägt.

Manchmal besichtigen meine Klienten und ich bis zu drei Wohnungen am Tag. Die Schlangen vor dem Eingang des Hauses sind lang, alle haben den gleichen sehnsüchtigen Blick: Diese Wohnung soll es endlich sein. Manchmal drängt sich ein Mensch nach vorne, spricht mit dem Vermieter, zieht ein Bündel Geldscheine aus der Tasche. Die Besichtigung endet dann meist abrupt, die Wohnung ist vergeben.
„Wenn ich Geld hätte, würde ich …“, sagen meine Klienten. Aber sie haben kein Geld und ich auch nicht. Ich rate ihnen ab. Es muss doch auch anders möglich sein, an eine eigene Wohnung zu kommen. Wir trainieren weiter: Eine gute Bewerbungsmappe, ein ansprechender Text, engagiertes Auftreten bei der Besichtigung, Nachfragen, beim Vermieter in guter Erinnerung bleiben.

Manchmal denke ich: „Klar, der Vermieter muss eine Entscheidung treffen“. Meistens orientiert sie sich am Nettogehalt – und oft auch an der Nationalität. Das ist definitiv keine Unterstellung, sondern ein trauriger Erfahrungswert. Aber ich denke auch: „Wenn der Vermieter wüsste, was ihm menschlich gesehen gerade entgeht, wenn er sich gegen einer meiner Klienten entscheidet. Namen und Zahlen – ist das wirklich das Wichtigste? Könnte er nicht einmal mutig sein und jemandem eine Chance geben, der sie so sehr verdient hätte?“ Die meisten meiner Klienten wären für ihre Nachbarschaft ein echter Gewinn! – Wäre das nicht die wahre, wirklich gelebte Integration?

„Wenn ich Geld hätte, würde ich …“ – auch ich denke diesen Satz… „Ja, was würde ich eigentlich tun, wenn ich Geld hätte? Die Genossenschaftsanteile für eine Großfamilie, z.B. bei Begeno 16, einer vor wenigen Jahren neu gegründeten Wohnungsbaugesellschaft finanzieren? Eine Wohnung kaufen und sie selbst an Geflüchtete vermieten? Würde ich das wirklich tun? Ganz ohne Angst und Vorbehalte? Meine spontane Antwort lautet: Nein. Nicht sofort. – Natürlich müsste ich diesen Menschen kennenlernen, wissen, dass ich ihm vertrauen kann. Wissen, dass er meine Form der Wertschätzung achtet und sie für sich im Hinblick auf die Wohnung, die ich ihm zur Verfügung stellen würde, adaptiert. Aber dann: Ja, dann würde ich es tun. Es gibt gute Beispiele dafür: Im Kirchenkreis Reinickendorf stellen private Vermieter Geflüchteten Wohnungen zur Verfügung und auch im Kirchenkreis Steglitz denkt man über ein solches Modell nach. Wenn sich genügend private Vermittler finden ließen, wäre das wie ein großes Wunder…“

Abrupt werde ich aus meinen Gedanken gerissen. „S-Bahnhof Schöneweide“ tönt knarzend die Lautsprecheransage der BVG. Ich steige aus und entdecke schon von weitem meine Klientin. Sie strahlt über das ganze Gesicht. Heute ist für sie ein besonderer Tag. In wenigen Minuten wird sie ihren ersten eigenen Mietvertrag unterzeichnen. Sie hat es geschafft, hat nicht aufgegeben. Nach drei Jahren ist sie am Ziel. „Ihre Bewerbungsmappe, Ihr Auftreten und Bemühen, das hat mich beeindruckt und überzeugt“, sagt die Vermieterin der Wohnungsbaugesellschaft und meine Klientin wischt sich mit der Hand eine kleine Träne aus den Augen.

Der Mietvertrag ist unterzeichnet – Formalitäten technisch geht der Marathon jetzt erst richtig los. Aber das macht nichts. Meine Klientin wird das schaffen und ich bleibe an ihrer Seite. „Alles wird gut“, sagt sie, „und wenn alles fertig ist, feiern wir ein großes Fest.“

„Das machen wir“, sage ich – und auch für mich mutet das an wie ein großes Wunder. Zugleich überkommt mich eine große Dankbarkeit und ein großes Glück: Dafür, dass ich diese Menschen begleiten, ihnen helfen darf und soviel zurückbekomme. Jeder Tag ist anders, jeder Tag ist neu – und immer auch ein kleines Wunder.

KONTAKT:
Annette Kaiser
Projekt „Wohnraumanmietung für Geflüchtete“
Tel: 0174-346 45 42
Email: kaisera@drk-berlin.net

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