Aufgeheiztes Klima

Luftverschmutzung in Teheran: Die Dunstglocke hängt fast das ganze Jahr über Irans Hauptstadt. Foto: Yvonne Schmitt
Iran im Kampf gegen Austrocknung und Überflutungen

Noch vor zwanzig Jahren konnte ich abends neben Familien, Liebespaaren und Jugendlichen am Zayandehrud-Fluss in Isfahan, 500 km südlich von Teheran, die beleuchteten Brücken sehen, die sich im Wasser gespiegelt haben. Heute ist er fast das ganze Jahr über ausgetrocknet wegen geringer Niederschläge und ungesteuerter Ausbeutung des Grundwassers. Landwirte wandern ab, weil sie ihre Ackerflächen nicht mehr fruchtbar machen können.

In der Provinz Isfahan sind im Dezember letzten Jahres 18 Abgeordnete aus Protest gegen das schlechte Wassermanagement zurückgetreten. „Solange es dieser Regierung nicht gelingt, das Recht von Millionen Menschen auf eine ordentliche Trinkwasserversorgung zu sichern, sehen wir keinen Grund, im Parlament zu sitzen“, heißt es in einer Erklärung der Zurückgetretenen.“[1] Ein weiteres Beispiel für die massive Austrocknung großer Flüsse und Seen ist das langsame Verschwinden des Urmia-Sees im Nordwesten des Iran. Von einst 52 Quadratkilometern ist er bereits um ein Fünftel geschrumpft. Dort protestierten schon 2011 nicht nur Umweltaktivisten gegen die Versalzung des Biosphärenreservats, zu dem die UNESCO den großen See 1976 erklärt hatte. Neben den klimatischen Veränderungen wird auch die Errichtung von Staudämmen für die Austrocknung verantwortlich gemacht. Bereits an dreizehn Flüssen, die den See mit Wasser versorgen, wurden Staudämme gebaut. Darüber hinaus sind zahlreiche illegale Brunnen gebohrt worden. Im gesamten Land wird die Zahl der illegalen Brunnen auf 350.000 geschätzt. [2]

Noch vor zwanzig Jahren konnte man abends neben Familien, Liebespaaren und Jugendlichen am Zayandehrud-Fluss in Isfahan, die beleuchteten Brücken sehen, die sich im Wasser gespiegelt haben. Heute ist er fast das ganze Jahr über ausgetrocknet. Foto: Yvonne Schmidt

Der Dürre steht die schlimmste Überflutungskatastrophe seit 50 Jahren gegenüber, die in diesem März 23 von 31 Provinzen, mehr als 1900 Dörfer und Städte erfasst hatte. Über 15 Tage hielten die heftigen Regenfälle an, das Wasser stand meterhoch, die Menschen retteten sich auf die Dächer, und doch gab es mehr als 70 Opfer.

In diesem aufgeheizten Klima gibt es Schuldzuweisungen und Machtkämpfe zwischen Umweltaktivisten, Regierung und den Revolutionsgarden, denen fehlerhaftes Bauund Wassermanagement vorgeworfen wird und die große Teile der iranischen Wirtschaft kontrollieren.

Ein weiteres großes Umweltproblem in Iran ist die massive Waldrodung, die zu Dürre, aber auch Überflutungen führt. Noch vor 50 Jahren gab es 18 Millionen Hektar Wald, die seit mehr als 60 Jahren in Staatseigentum sind, heute sind es nur noch etwa 12 Millionen Hektar. Es gibt die illegale Abholzung für Baugenehmigungen von Luxusvillen oder massive Rodungen für z.B. eine Zementfabrik am Kaspischen Meer in der nördlichen Provinz Mazanderan, die laut Financial Tribune mittlerweile 160 Hektar Wald, also 224 Fußballfelder, roden ließ. 2017 hat die Regierung ein Gesetz verabschiedet, das die Abholzung der Kaspischen Wälder auf zehn Jahre untersagt hat.[3] Wie kommt das? Die Kaspischen Hyrkanischen Wälder, die zur Ökoregion des Kaukasus gehören, verfügen über eine hohe Biodiversität (dort lebt noch der persische Leopard), und sollten in das UNESCO Weltnaturerbe aufgenommen werden, was nur unter hohen Umweltauflagen im Juli 2019 geschehen konnte.[4]

In engem Zusammenhang mit fehlendem Umweltbewusstsein und klimatischen Veränderungen steht die hohe Sterblichkeit aufgrund der enormen Luftverschmutzung in Iran – besonders in der Hauptstadt Teheran, über der der Smog wie eine Glocke hängt. Mehr als 1000 Tonnen schädlicher Autoabgase und Feinstaub führen zu durchschnittlich 277 Toten im Monat. Das Gesundheitsministerium empfiehlt Atemschutzmasken, oft werden Schulen geschlossen und Sportveranstaltungen abgesagt. Auch dort hört man immer wieder von Verhaftungen von Umweltaktivisten.

So bleibt die Hoffnung, dass die Empfehlungen der 2017 herausgegebenen Studie der Heinrich-Böll-Stiftung „Paradise lost? Developing solutions to Irans environmental crisis“ in Staat und Gesellschaft beherzigt werden, damit sich die Natur erholen kann und wir alle wieder den lebensspendenden Fluss in Isfahan, so heißt der Zayandehrud-Fluss in der Übersetzung, erleben können.[5]

Der Artikel wurde von Yvonne Schmitt aus dem Deutschen ins Farsi übersetzt

[1] http://iranjournal.org/news/iran-wasserkrise-isfahan
[2] https://www.dw.com/de/hilfe-für-den-urmia-see-im-iran/a-17439369
http://iranjournal.org/news/iran-wasserkrise-isfahan
[3] https://financialtribune.com/articles/environment/66770/caspian-forests-destroyed-by-cement-factory
[4] https://www.nabu.de/news/2019/07/26649.html
[5] https://www.boell.de/de/2017/01/25/iran-geht-das-wasser-aus

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