Darf frau das?

Seit drei Jahren spielt Hadisse jetzt Fußball und inzwischen sogar auf sehr hohem Niveau. Von ihren Mitspielern wird sie scherzhaft oft nur „Energie“ genannt: auf dem Rasen sorgt sie mit ihrem großen Humor stets für gute Stimmung. Foto: Ali Ahmad Rezaie
Hadisse ist ein Beispiel dafür, wie grenzenlos Fußball sein kann

Eine Frau spielt Fußball – das selbst ist nichts Ungewöhnliches. Hadisse Ebrahimi jedoch spielt in einer wirklich gemischten Mannschaft. „Gemischt“ bedeutet zuerst, dass die Spieler sehr international sind. Es spielen nicht nur Geflüchtete mit, sondern jeder und jede kann mitmachen. Damit ist das Wort „Mannschaft“ falsch, denn sie spielt mit Männern und Frauen in einem Team. Der Vereinsname ist daher Programm: „Champions ohne Grenzen“.

Seit drei Jahren spielt Hadisse jetzt Fußball und inzwischen sogar auf sehr hohem Niveau. Ihr Team misst sich bundesweit: von Hamburg über Berlin bis München. Aber um welchen Titel spielen sie? Wie heißt die Liga? Hadisse sagt, es gehe ihr weder um Titel, noch um eine Liga. Es geht ihr um Fußball – und zwar „ohne Grenzen“ und um interkulturelle Werte.

Vor sechs Jahren musste Hadisse den Iran verlassen. Als Afghanin im Iran hatte sie keine Freiheit und erlebte viel Unrecht. „Aus noch tausend weiteren Gründen“ musste sie fliehen. Sie verließ ihre Familie, schloss sich einer kleinen Gruppe an und gelangte nach einer komplizierten Grenzüberschreitung in die Türkei. Dort ging es nicht weiter, und sie blieb für zwei Jahre in Istanbul. Um Geld für das Allernötigste zu haben, arbeitete sie in einem Restaurant. „In der Türkei war ich mit der Freiheit zufrieden. Nur hatte ich keine Ziele, keine Perspektive. Als Frau dort allein zu leben ist besonders schwierig. Daher entschloss ich mich, ein zweites Mal zu fliehen.“ 2016 schließlich kam sie in Berlin an und stellte einen Asylantrag. Damals war sie gerade 18 Jahre alt. Ihr erstes Jahr lief gar nicht gut – in keinem Bereich. Auch kam sie mit der Sprache nicht zurecht. Sie erinnert sich an einen Tag in der Willkommensklasse ihrer Schule. Ihre Lehrerin bat sie sich vorzustellen. Sie musste dies fünf Mal wiederholen, bis Hadisse überhaupt verstand, was sie wollte.

Foto: Ali Ahmad Rezaie

In dieser Zeit fand sie jedoch einen guten Freund, Ali, der im Team von „Champions ohne Grenzen“ war und sie einlud, einfach mitzuspielen. „Am Anfang war das extrem schwierig – ich hatte noch keinerlei Erfahrungen mit Sport, schon gar nicht mit Fußball. Jetzt, drei Jahre später, denke ich, wenn ich hier in Deutschland aufgewachsen wäre, wäre ich längst eine berühmte Fußballerin in einem großen Team.“

Champions ohne Grenzen spielen zwar regelmäßig, jedoch nicht immer „grenzenlos“ – also gemischt. Als Verein haben sie trotzdem drei Bereiche: ein Frauenteam, ein Männerteam und auch ein Kinderteam. Am Spannendsten jedoch findet sie die Wettkämpfe mit gemischten Teams, und diese gibt es tatsächlich bundesweit, und hier hat Hadisse auch schon mehrfach Auszeichnungen errungen.

Besonders wertvoll ist für sie – sowie für zahlreiche andere Geflüchtete, die noch nicht sehr lange hier sind – neben der Möglichkeit, Spaß am Fußball zu haben, auch der soziale Wert, Kontakte zu knüpfen. Menschen lernen sich kennen, sprechen miteinander und helfen einander bei Problemen des Alltags.

„Ich bin so glücklich darüber, frei zu sein, Fußball zu spielen, auch mit Männern, und ganz ohne Kopftuch. Gleichzeitig aber vermisse ich meine Familie, die ich im Iran zurückgelassen habe. Doch nur, weil ich hier ohne sie bin, darf ich so viel machen und entscheiden. Viele andere Afghaninnen, auch hier in Deutschland, dürfen das nicht, weil ihre Familien das nicht zulassen.“

Von ihren Mitspielern wird sie scherzhaft oft nur „Energie“ genannt. Damit meinen sie, dass Hadisse auf dem Rasen für gute Stimmung sorgt. Sie hat Humor, und das motiviert das ganze Team.

Abseits des grünen Spielfeldes hat sie noch andere Pläne und Ziele für ihr Leben. Sie hat in Deutschland bereits die neunte Klasse absolviert und versucht nun, einen Ausbildungsplatz zur Erzieherin zu erhalten, weil ihr die Arbeit mit Kindern große Freude bereitet. Wenn sie den Abschluss hat, möchte sie später gern in einer freien Kita arbeiten, die möglichst unbürokratisch funktioniert, und wo für all die Kinder Platz ist, die woanders keinen haben.

Der Artikel wurde im Tandem mit Ali Ahmad Rezaie und Stefan Hage ins Deutsche übertragen.

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