Zeit umzudenken

Regelmäßig feiert das kulturTÜR-Team mit Familie und Freunden - wie zuletzt im September 2019 mit einem kleinen Sommerfest. Die Redaktionsmitglieder schätzen die vertraute Atmosphäre, die in den letzten Jahren gewachsen ist. Foto: Ali Ahmad Rezaie

Menschen brauchen Zeit für Veränderungen — drei Jahre reichen da nicht aus

Es ist zehn Uhr abends, als ich das Wohnzimmer betrete. Ich kann fast nichts erkennen, weil es so dunkel ist. Ich taste mich also an der Wand entlang, um den Lichtschalter zu finden. Als ich ihn drücke, sieht die Welt vor mir augenblicklich anders aus. Ich lächle in mich hinein und wünsche mir, dass sich auch andere Dinge so schnell anders darstellen ließen. Mit „anderen Dingen“ meine ich unsere Probleme, unsere Denkweisen und vor allem die heutige Situation und das neue Leben. Ich stelle mich vor den Spiegel, betrachte mich selbst und stelle fest: Mein Äußeres hat sich nicht sehr verändert, seitdem ich in dieses Land gekommen bin – außer dass meine Haare immer grauer werden!

In mir drin jedoch sieht es heute anders aus als früher: Dort trage ich Konflikte mit mir aus. Mein früheres Ich steht in Konflikt mit meinem neuen Ich, das von völlig anderen gesellschaftlichen Bedingungen umgeben ist als mein früheres Ich. Jene Konflikte währen nun schon seit drei Jahren. Die Auswanderung in ein neues Land mit einer neuen Kultur ist nun mal keine einfache Angelegenheit. Insbesondere dann nicht, wenn man aus einem Land wie Syrien kommt, das von einem Diktator regiert wird, der seit acht Jahren sein Volk tötet. Seit fünfzig Jahren wird der syrischen Gesellschaft der Stempel des Diktators aufgedrückt: Gesellschaft, Familie, Schule – die Mentalität des Diktators ist allgegenwärtig, und das wiederrum spiegelt sich in unserer Denkweise, unserem gesellschaftlichen Leben und unserer Akzeptanz anderer wider.

Meine Mutter zum Beispiel konnte ihre schulische Ausbildung aufgrund der geltenden Praxis des Familienoberhaupts, dessen Entscheidungen als heilig galten und nicht zur Diskussion standen, nicht abschließen. Daneben war da natürlich noch das gesellschaftliche Umfeld, das Mädchen den Universitätsbesuch zu jener Zeit nicht gestattete und stattdessen eine frühe Eheschließung und Familiengründung für sie vorsah. Sämtliche Träume und Ambitionen junger Frauen wurden so einfach übergangen.

Darin liegt vermutlich auch der Grund, weshalb meine Familie irgendwann zu so etwas wie dem Schauplatz meiner ersten Revolution wurde: Ich stellte mich auf die Seite meiner Mutter, die sich sehr für den Universitätsbesuch meiner Schwestern einsetzte, obwohl viele aus unserem Umfeld dagegen waren. Sie wollte nicht, dass es ihren Töchtern so ergehen würde wie ihr einst. Meine jüngste Schwester hat erst kürzlich ihr Studium der Zahnmedizin beendet, und alle meine Schwestern sind heute berufstätig und unabhängig. Auch meine vierjährige Tochter Maria wird, wenn sie es möchte, in ferner Zukunft natürlich zur Universität gehen, und ich werde sie in dieser Entscheidung vollauf unterstützen, ohne dass sie zuvor bei mir Überzeugungsarbeit wird leisten müssen.

Fast 30 Jahre und drei Generationen – von meiner Mutter über meine Schwestern bis hin zu meiner Tochter – mussten vergehen, bis sich die Einstellung innerhalb meiner Familie in dieser Weise geändert hat. Ist es also überhaupt möglich, dass sich mein Leben innerhalb von drei Jahren vollkommen wandelt?!

Die naheliegende Antwort auf diese Frage führt uns zur gegenwärtigen Debatte darüber, wie lange Integration braucht oder wie Geflüchtete in die neue Gesellschaft integriert werden können. Einige sind der Auffassung, dass fünf Jahre genügen, um den Integrationsprozess abzuschließen, was allerdings ein absoluter Irrglaube ist. Gesellschaften ändern sich nun mal nicht so einfach über Nacht, ja sogar die deutsche Gesellschaft hat fast 70 Jahre gebraucht, um dort anzulangen, wo sie in Bezug auf Offenheit, Akzeptanz von anderen, grenzenlose Freiheit und gleiche Rechte und Pflichten für alle heute steht. Und trotz dieser vielen Jahrzehnte gibt es noch immer Menschen, die rassistisches Gedankengut in sich tragen.

Wir sind also auf dem richtigen Weg und wissen nur nicht, wie lange es dauern wird, bis wir ankommen. Die Haltung gegenüber vielem, was einst als rote Linie galt und als indiskutabel angesehen wurde, hat sich meiner Meinung nach bereits verändert. Ich selbst habe mittlerweile einiges dazugelernt, etwa wie man andere akzeptiert und ihre Meinungen respektiert, auch wenn sich letztere noch so sehr von den eigenen Einstellungen und Standpunkten unterscheiden. Ich habe auch viele überholte Traditionen und Überzeugungen aufgegeben, die nicht mehr zeitgemäß sind, und mich von den Überbleibseln befreit, die der Diktator in meinem Kopf hinterlassen hatte. Ich habe aufgehört, Hautfarbe oder Religion als Maßstab zur Bewertung von Leuten heranzuziehen. Für mich zählt, dass sie einfach Menschen sind – und zwar so, wie es das Wort meint. Nicht nur mir geht es so, auch der Lebensstil vieler anderer, die ich kenne, und deren Umgang mit ihren Mitmenschen haben sich Schritt für Schritt verändert. Ein Vierteljahrhundert lang habe ich in einem Land gelebt, in dem alles von einer Diktatur geprägt war. Gerade auch deswegen ist es keine einfache Aufgabe, das eigene Leben innerhalb kurzer Zeit an ein demokratisches System anzupassen.

Veränderungen sind auch in den Familien auszumachen: Viele Männer haben aufgehört, ihre Frauen – sei es die Mutter, die Schwester, die Tochter oder die Ehefrau – als ihr Eigentum anzusehen oder sie so zu behandeln, wie es ihnen gerade passt. Es ist die traurige Wahrheit, dass in unserem Land eine derartige Haltung gegenüber den Frauen weit verbreitet war. Aber: Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung. Ich habe hier deshalb die Frau als Beispiel angeführt, weil sie das verletzlichste Glied in der gesellschaftlichen Kette und am häufigsten Ungerechtigkeiten ausgesetzt ist.

Der Großteil der Geflüchteten hat die erste Hürde im neuen Land inzwischen wohl genommen: die deutsche Sprache. Ihre Beherrschung ist der Schlüssel zu diesem Land. Alle anderen Hürden werden im Laufe der Zeit bewältigt werden. Diese Aussagen stammen im Übrigen nicht von mir, sondern basieren auf Statistiken. So hat der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeber Ingo Kramer bereits im Dezember 2018 bestätigt, dass die Integration der Geflüchteten in die deutsche Wirtschaft erfolgreicher verläuft als angenommen. Er erklärte auch, dass von mehr als einer Million Menschen, die vor allem seit 2015 nach Deutschland gekommen sind, inzwischen etwa 400.000 einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz hätten.*

Die soziale Zugehörigkeit unterscheidet sich von Fall zu Fall. Nicht zu vergessen ist auch der unterschiedliche Bildungshintergrund der Geflüchteten, der sich auf die Integration in die neue Gesellschaft je nachdem sowohl positiv als auch negativ auswirken kann.

Auf beiden Seiten – auf der der Geflüchteten wie auf jener der Deutschen – sind Vorurteile vorhanden. Und es wird auch eine gewisse Zeit vergehen müssen, bis diese beiderseitigen Vorurteile durch direkten Austausch miteinander und Klarstellung aller Missverständnisse der Vergangenheit angehören.

Ich schalte das Licht aus, und es ist wieder dunkel. Ich taste mich an der Wand entlang Richtung Schlafzimmer, während ich mir wie ein Mantra immer wieder sage: „Die Veränderung wird kommen, es ist nur eine Frage der Zeit.“ * www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/fluechtlinge-die-integration-laeuft-besser-als-erwartet-a-1243659.html

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