Chaos und Begeisterung – 30 Jahre Mauerfall

Zeitungsausschnitt aus dem November 1989
Erinnerungen aus dem Osten Berlins

Was für eine rastlose Zeit war dieser Herbst 1989!
 Damit sich die im Kopf herumschwirrenden Erinnerungen besser ordnen, habe ich meinen alten Taschenkalender aus jenem Jahr herausgesucht und staune, was damals bei uns alles los war: Neben der anspruchsvollen Arbeit im Verlag und dem Familienalltag mit unserem ersten Kind verfolgten wir begierig alle Nachrichten, erst im Ost-, dann im Westfernsehen, empfingen schon im Frühherbst zum Teil wildfremde, von Freunden vermittelte, Gäste aus Prag und Moskau, Leipzig und Bautzen, diskutierten halbe Nächte durch, gingen zu Konzerten und Podiumsgesprächen in die Erlöser- und Gethsemanekirche, wo sich im Schutze der evangelischen Kirche kritische Bürger trafen.

Wir waren aus dem jahrelangen Trott gerissen worden, ließen uns mitreißen und wurden mutiger im Denken und Tun. Zu keinem Zeitpunkt hatten wir auch nur im entferntesten daran gedacht, das Land zu verlassen, aber so konnte es nicht weitergehen. Wohin es gehen sollte, war allerdings völlig offen. Spannung lag in der Luft, Umbruchsstimmung, Ungewissheit.

Am 4. November reihten wir uns euphorisch in die von zahlreichen „Ordnern“ begleitete Großdemonstration zum Alexanderplatz ein. Wie den meisten ging es uns dort vor allem um mehr Medien- und Reisefreiheit. Begeistert lasen wir gewagte Formulierungen auf Transparenten und Plakaten. Atemlos hörten wir die ungewohnt offenherzigen Reden von Schauspielern, Schriftstellern, Studenten und Pfarrern, erlebten ungläubig, wie die Politiker Markus Wolf und Günter Schabowski von den Massen ausgepfiffen wurden.

Juliane Metz hat vor 30 Jahren einen Aktenordner mit Originalzeitungsausschnitten angelegt, den sie damals ihrem Vater zum 50. Geburtstag schenkte – heute eine wertvolle historische Dokumentation der damaligen Ereignisse und Entwicklungen in Text und Bild. Fotos: Juliane Metz

Als Letzterer am 9. November zur Pressekonferenz seinen legendären Zettel zückte und baldige Reiseerleichterungen versprach, hatten wir dies in der „Aktuellen Kamera“ zwar mit Befriedigung vernommen, aber keinesfalls die Konsequenzen überschaut. Unsere kleine Tochter war krank und forderte unsere ganze Aufmerksamkeit. Gegen Mitternacht knipste ich noch einmal den Fernsehapparat an und traute meinen Augen kaum: Menschenmassen strömten über die Berliner Grenze, fielen sich in die Arme, lachten und weinten. „Chaos und Begeisterung“ steht in meinem Kalender notiert.

Am nächsten Morgen konnte ich nicht einfach zu Hause bleiben, also gab ich meine Tochter schlechten Gewissens in der Kinderkrippe ab und fuhr in den Aufbau-Verlag, wo heiß diskutiert wurde. Auf meine Lektoratsarbeit konnte ich mich kaum konzentrieren.

Die Nachrichtensendungen berichteten von turbulenten Szenen an den Grenzübergängen und im überfüllten West-Berlin. Am Sonntag, den 12. November, konnten endlich auch wir dank babysittender Großeltern zur Eberswalder Straße fahren, wo eine gewaltige Lücke in der Grenzmauer klaffte. Dazwischen klemmte eine Art Bauwagen, zum provisorischen Büro umfunktioniert, in dem wir ein Expressvisum für den „Goldenen“ Westen erhielten. Dessen Glanz erwies sich im Wedding als ziemlich abgewetzt, am Ku`damm als etwas realer, in Kreuzberg als ziemlich bunt. Die am Straßenrand für hungrige DDR-Bürger aufgestellten Gulaschkanonen mieden wir und bissen stattdessen in unsere mitgebrachten Käsebrote. Gekauft haben wir lediglich für ersparte fünf D-Mark Schokoriegel als Mitbringsel und fuhren übervoll mit Eindrücken wieder nach Hause.

Foto rechts: Juliane Metz

Schon vier Tage später kam unsere Freundin aus Hamburg angereist, um sich die Chose aus der Nähe anzugucken. Mit ihr sind wir bis heute freundschaftlich verbunden, weil unser gegenseitiges Interesse nie erlahmte – im Gegensatz zu so vielen Ost-West-Verbindungen, die ohne die Hürde der Mauer an Reiz verloren. „Erstaunen über unsere Skepsis“ steht im Kalender.

Unmittelbar danach machten sich tschechische Freunde ein eigenes Bild vom bröckelnden „antifaschistischen Schutzwall“. Einer von ihnen, engagiert bei der Charta 77, traute dem Frieden nicht und blieb vorsichtshalber im Ostteil Berlins. Nach langen nächtlichen Diskussionen fuhren die drei anderntags wieder zurück, um in Prag dabei zu sein, wo auf dem Wenzelsplatz Abend für Abend die Samtene Revolution eingeläutet wurde. Und tatsächlich hieß der neue Präsident der Tschechoslowakei nur einen Monat später Václav Havel.

Jeder erinnert sich anders an diesen heißen Herbst 1989. Dies sind meine Erinnerungen. Natürlich gäbe es noch viel mehr zu erzählen von spannenden persönlichen und politischen Umbrüchen …

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