Ein denkwürdiger Abend

Juliane Metz hat vor 30 Jahren einen Aktenordner mit Originalzeitungsausschnitten angelegt, den sie damals ihrem Vater zum 50. Geburtstag schenkte – heute eine wertvolle historische Dokumentation der damaligen Ereignisse und Entwicklungen in Text und Bild. Foto: Juliane Metz
Erinnerungen zum Mauerfall aus dem Westen Berlins

Am 9. November 1989, einem Donnerstag, war ich zusammen mit meiner Schwester bei einer Chorprobe unseres Kirchenchores. Eine Mitsängerin nahm uns nach der Probe gegen 22 Uhr ein Stück im Auto mit. Auf der kurzen Fahrt hörten wir im Radio Redefetzen von „die Mauer ist offen”. Zu Hause saß ich dann mit Freudentränen in den Augen den restlichen Abend vor dem Fernseher.

Eigentlich hätte ich Lateinvokabeln lernen sollen, denn am nächsten Morgen stand mir eine Lateinklausur in den ersten beiden Stunden bevor. Ich war 18 Jahre alt und in der dreizehnten Klasse, wenige Monate vor dem Abitur. Die Klausur schrieb ich wie in Trance, aufgekratzt und abgelenkt, denn draußen auf den Schulfluren hörte man fröhliches Lärmen. Aus ganz Dahlem versammelten sich Schülerinnen und Schüler verschiedener Schulen, um gemeinsam zum Brandenburger Tor zu fahren. Und was machte ich? Brav, wie ich damals noch war, fragte ich meinen Geschichtslehrer, bei dem ich die nächste Stunde hatte, ob ich ausnahmsweise den Unterricht ausfallen lassen dürfte, um auch nach Mitte zu fahren. Aber nein: Unser Lehrer er-laubte es nicht, mit dem Argument, der Unterricht sei wichtiger. Die ganze Stunde lang diskutierten wir, er aber blieb hart. Bis heute weiß ich nicht, was er sich dabei gedacht hat, angesichts der Bedeutung dieses Ereignisses, das historischer nicht sein konnte.

Juliane Metz hat vor 30 Jahren einen Aktenordner mit Originalzeitungsausschnitten angelegt, den sie damals ihrem Vater zum 50. Geburtstag schenkte – heute eine wertvolle historische Dokumentation der damaligen Ereignisse und Entwicklungen in Text und Bild. Fotos: Juliane Metz

Am Abend fuhr ich dann schließlich zum Brandenburger Tor, zum Checkpoint Charlie und zum Grenzübergang Invalidenstraße. Es war sehr ergreifend. Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich an die Szenen denke, die ich dort sah. Ost- und Westberliner kletterten auf die Mauer, halfen sich gegenseitig hinauf, lachten miteinander. Jeder Trabi wurde mit Klatschen und Klopfen aufs Dach begrüßt.

Wieder zu Hause, wartete Besuch: die Brieffreundin meiner Mutter aus Thüringen, der wir regelmäßig Care-Pakete mit Schokolade, Kleidung und Westlebensmitteln geschickt hatten, war mit ihrer Familie einfach losgefahren, um uns zu besuchen. Am nächsten Tag trafen meine Schwester und ich uns mit einem Jungen, den wir im Sommer 1989 bei einer Chorfahrt nach Falkensee (damals DDR) kennengelernt hatten. Er holte sich sein Begrüßungsgeld (100 DM, das sind ca. 50 €) ab, das jedem Ostberliner zustand, und dann zeigten wir ihm „unser” West-Berlin, waren am Reichstag und am Ku‘damm, wo an jenem Wochenende Himmel und Menschen unterwegs waren.

Fotos: Juliane Metz

Ich habe damals ein kleines Tagebuch mit Fotos gemacht und auch einen Leitz-Ordner mit Zeitungsausschnitten angelegt, denn schon damals war mir die Tragweite dieses Ereignisses absolut bewusst. Als Zehlendorferin verlebte ich meine Kindheit und Jugend nahe der Mauer, dahinter war „die Welt zu Ende”, und jedes Jahr, wenn wir mit der Familie mit dem Auto in den Sommerurlaub fuhren, nach „Westdeutschland”, wie man als Berliner sagte, mussten wir durch die „Zone” – meinem Vater war das immer ein Graus, und er schimpfte die ganze Fahrt über. Als freiheitsliebendem Menschen war die Drangsalierung durch die Grenzkontrollen für ihn unerträglich.

Bis heute ist der Fall der Berliner Mauer für mich ein historisches Beispiel dafür, wozu Menschen aus Liebe zu ihrer Freiheit fähig sind, wenn die Zeit gekommen ist.

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