„Empfindungen ausdrücken“

Coverfoto: Hareth Almukdad. Das Bild von Watheq Al-Ghrebawi ist bei einem Malprojekt in der Gemeinschaftsunterkunft Hohentwielsteig in Zehlendorf enstanden.
Wie Malen Menschen aus anderen Kulturen helfen kann, das Leben im Exil leichter zu bewältigen, zeigt eine Ausstellung in Zehlendorf

Mersedeh, Mohannad und Watheq haben sich schon in ihren Heimatländern mit dem Malen beschäftigt. In ihren Zimmern in den Unterkünften begannen sie, mit geschenkten Farben zu malen. Seit Juni 2019 haben sie sich alle zwei Wochen zum Malen in der Gemeinschaftsun- terkunft Hohentwielsteig getroffen. Mit großem Erfolg – denn bereits während der Ausstellungseröffnung, der ersten Begegnung mit Nachbarinnen und Nachbarn am 24. September, haben sie einige ihrer Kunstwerke verkaufen können.
Das Malprojekt wurde von Heidi Kröger initiiert und organisiert. Bei der Eröffnung der Ausstellung erzählte sie, wie es dazu kam. Den Ausstellungsraum im Ifarus – dem Sportzentrum in der Potsdamer Chaussee – hatte sie vor drei Jahren für andere Maler*innen gebucht. Der Zuschlag kam aber erst in diesem Jahr, so dass sie sich kurzerhand entschied, ein neues Projekt zu realisieren, und zwar mit Menschen aus den Zehlendorfer Gemeinschaftsunterkünften.

Im Sprach-Café Mittelhof traf sie auf den Maler Nil Ausländer und fragte ihn, ob er sich vorstellen könne, eine kleine Künstlergruppe anzuleiten. Über Freunde kam auch Mersedeh aus der GU Lissabonallee dazu. Durch die Bewilligung des Förderantrags bei BENN Zehlendorf (Berlin Entwickelt Neue Nachbarschaften in Zehlendorf), konnten Farben und Leinwände für die Teilnehmer*innen eingekauft werden. Hareth Almukdad von der kulturTÜR war bei der Eröffnung dabei und stellt die drei Maler*innen vor.

Foto: Hareth Almukdad

WATHEQ AL-GHREBAWI, IRAK

Für Watheq bedeutet Malen, für einen Moment die Sorgen um seine Familie im Irak zu vergessen. Watheq hat im Irak viel geschrieben. Einige seiner Artikel und Gedichte wurden auch in der Presse veröffentlicht. Sehr gerne möchte er sich auch in der deutschen Sprache ausdrücken können, aber es fällt ihm schwer, sie zu lernen. Aus Sorge um seine Frau und die acht Kinder, die noch im Irak sind, kann er sich kaum auf das Lernen konzentrieren. Mit dem Malen hat er nun eine neue Möglichkeit gefunden, sich auszudrücken, obwohl er durch eine Schussverletzung erst lernen musste, mit links zu malen. Am liebsten malt er Bilder aus seiner Heimat, von denen er so viele im Kopf hat. Die bringt er nun zu Papier. Er malt aus seiner Stimmung heraus. Dann fühlt er sich seinem Zuhause näher und ist für Stunden glücklich und befreit von seinen Sorgen.

Foto: Hareth Almukdad

MERSEDEH JAMZADEH, IRAN

Mersedeh verarbeitet durch das Malen ihre Geschichte. „Ich male Bilder, in denen meine Erlebnisse der Verfolgung im Iran ausgedrückt werden, aber ich male auch Bilder, die Freiheit und Hoffnung zum Inhalt haben“, sagt sie bei der Eröffnung. Für Mersedeh ist das Malprojekt die erste Chance, einer kleinen Öffentlichkeit ihre künstlerische Arbeit vorzustellen. Sie hat zwei Jahre an der Art-Universität in Teheran studiert und wünscht sich, in Berlin ein Kunst- oder Designstudium aufnehmen zu können. Erste Kontakte zur Kunsthochschule Weißensee wurden schon geknüpft.

Foto: Hareth Almukdad

MOHANNAD ABDULRAZZAK, SYRIEN

Mohannad hat sich durch das Malprojekt neue Ausdrucksmöglichkeiten erschlossen. Im Malen entwickelt er sich weiter. Durch die Begegnung mit dem Maler Nil Ausländer ist er freier geworden, mit Acryl und Ölfarben mit dem Spachtel zu malen. Zwei Ziele hat er fest vor Augen: Er möchte bald einen Studienplatz an der TU erhalten. Und er möchte Bilder malen, in denen er anderen gegenüber ausdrückt, was er empfindet.


Die Ausstellung „Empfindungen ausdrücken” läuft noch bis zum 31. Dezember 2019.
Ort: Foyer der Ifarus plus GmbH, Physio & Fitness (Eingang bei der Apotheke, 2. OG)
Potsdamer Chaussee 80,  14129 Berlin
Öffnungszeiten: Mo – Fr 7.30 – 21.00 Uhr, Sa 9.00 – 16.00 Uhr

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