Im Tal der Ahnungslosen

Zeitungsausschnitt aus dem November 1989
Wie die Mauer für mich fiel

Das „Tal der Ahnungslosen“ nannte man die Oberlausitz. Auch bei Überreichweiten konnte man hier kein Westfernsehen schauen. Bei uns gab es „DDR 1“ und „DDR 2“. Das waren die beiden einzig zulassenen Sender in der DDR – das „Staatsfernsehen“. Was da so kam, kann man sich ja ganz gut vorstellen. Ich sag nur: „Unsere Genossen vom sozialistischen Werk Waggonbau Bautzen haben ihren Plan bereits im Oktober doppelt erfüllt. Erich Honecker sandte einen Blumengruß zu den Genossen. Der gesamte Betrieb wird zu den Feierlichkeiten zum 40-jährigen Bestehen der DDR in die Hauptstadt eingeladen. Die Genossen bedankten sich für die roten Nelken.“ Mein Vater hat über die Nachrichten gewiehert wie ein Pferd. Alle wussten, dass das Volk schon seit Wochen auf die Straße geht, dass die Dörfer sich leerten, die Züge nach Prag von Leuten überquollen. Mein Vater hatte mit patenten Nachbarn gemeinsam eine Mega-Antennenanlage und später sogar eine Satellitenschüssel selbst gebaut. Wir – und nicht nur wir – hatten 1989 Zugang zu westdeutschen Nachrichten. Das entblößte die ganzen Widersprüche und Spannungen in diesem Herbst.

Links: Warteschlange für das Begrüßungsgeld am 11.11.1989, rechts: Ku’damm am 11.11.1989. Fotos: Juliane Metz

Und ich? Ich war 12 und in der siebten Klasse. In dieser beginnt der echte „Ernst des Lebens“, denn ab der siebten Klasse hatte man „Staatsbürgerunterricht“. Meine Familie war systemkritisch, mein Vater nicht in der Partei, meine Brüder und ich nicht bei den Pionieren (der einzig zugelassene Jugendverband). Unser Lehrer bereitete uns zum Schuljahresbeginn darauf vor, dass der Staatsbürgerunterricht neben ESP (Einführung in die Sozialistische Produktion) und PA (Produktive Arbeit) das wichtigste Fach für die spätere Arbeit in der Volksgenossenschaft sei. Ein Nichtpionier, der sich bewusst gegen das System stellt, wird in diesem Fach, keine 1 oder 2 als Note auf dem Zeugnis erwarten dürfen. Bei voller Punktzahl bekommen alle Nichtpioniere maximal die Note 3. Ich kannte diese Ansage bereits von meinen großen Brüdern. Der November 1989 begann, und die erste große Klassenarbeit war angekündigt. Ich kann mich an das Thema nicht mehr erinnern. Aber an das wirklich Wichtige was damals noch so geschah erinnere ich mich sehr detailreich. Das DDR-Fernsehen kam in Erklärungsnot. Die Beiträge zur innenpolitischen Lage wurden immer lustiger, obwohl keinem zum Lachen zumute war. Montags fanden in den Kirchen Friedensgebete statt.

Links: Ku’damm am 11.11.1989 abends, rechts: am Brandenburger Tor 11.11.1989. Fotos: Juliane Metz

Die Kirchen waren allerorts voll. Da waren längst nicht mehr nur die wenigen übrig gebliebenen Christen dabei. Das waren politische Kundgebungen für die ganze Familie. Ich habe einen Kindermalwettbewerb gewonnen. Ich habe gemalt wie ein dickes Loch in einer Mauer ist, durch welches man Westberliner Kaufhäuser sehen konnte. Die zehn besten Kinder standen mit ihren Bildern in der Kirche vorn am Altar. Ich hab das Bild noch vor mir. So voll kannte ich die Kirche nur zu Weihnachen. Hinten standen die „Beobachter“ und machten Notizen. Dann kam der 9. November. Abends quollen die Massen über die Brücke an der Bornholmer Straße.

Am nächsten Morgen saßen wir verwirrt in der Schule. Vor jedem von uns lag ein Blatt: Rand gezogen, Name und Datum in der Ecke, Überschrift: „1. Klassenarbeit, Staatsbürgerkunde“. Es klingelte zum Stundenbeginn. Der Lehrer riss die Tür auf und rief empört mit hochrotem Kopf: „Tut nicht so unwissend! Wir können heute keine Arbeit schreiben. Gestern Nacht hat der kapitalistische Klassenfeind gesiegt.“ Er verschwand sogleich wieder – und wir? Wir waren kurz irritiert und dann überglücklich. Wir waren gerettet.

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