Fatima sucht eine Zweitfrau

Gemälde von Mersedeh Jamzadeh, Foto: Hareth Almukdad

Die Arbeitsüberlastung von Frauen im ländlichen Sudan führt zu außergewöhnlichen Schritten

Ich möchte euch gern die Geschichte einer Frau namens Fatima erzählen. Obwohl sie im gleichen Zeitalter und auf dem gleichen Planeten lebt wie wir, führt sie ein Leben, das an jenes vor 1000 Jahren oder mehr erinnert.

Ihr Tag beginnt sehr früh, mit dem Sonnenaufgang. Taumelnd steht sie aus dem Bett auf, um den Tag wie immer gleich mit der Hausarbeit anzufangen: Putzen, kochen, auf die Kinder aufpassen – von dem Moment an, an dem die Sonne ihre ersten Strahlen wirft, bis zum Zeitpunkt, an dem Fatima zu ihrer Arbeit aufbricht und ihre kleinen Kinder und ihren schlafenden Mann zurücklässt. So manches Mal schon musste sie ihr Baby mit zur Arbeit auf dem Feld nehmen, wo noch widrigere Bedingungen herrschen, als zur Zeit der Sklaverei. Nach der Arbeit schleppt sie mit ihrem eingefallenen, müden Körper noch spät in der Nacht Brennholz, Wasser und ein wenig Essen mit sich nach Hause, wo sich ihre Kinder schon vor Hunger krümmen, während sie ihren Mann entweder im gleichen Zustand vorfindet, wie am Morgen, oder in einem angrenzenden Café auf ihn stößt, wo er mit den anderen Männern aus dem Viertel gerade Domino oder Seega spielt. All das Geld, das seine Frau den ganzen Tag über verdiente, nimmt er ihr ab, um es anschließend im Café auszugeben.

Gemälde von Watheq Al-Ghrebawi Foto: Hareth Almukdad

Die Tage vergehen, das Elend wird immer mehr, die Lasten immer größer und die Lebensbedingungen – ob der Dürre und harten Klimaverhältnisse und Temperaturen von bis zu 50 Grad im Land – immer schwieriger. So fasst Fatima einen Entschluss – den wohl schwierigsten überhaupt: „Ich werde meinem Mann eine Zweitfrau suchen. Zumindest wird mir so etwas Hausarbeit abgenommen und nach den Kindern geschaut, während ich weg bin. Und vielleicht arbeitet sie sogar mit mir auf der Weide oder auf dem Feld und trägt so zum monatlichen Auskommen bei.“

Ohne zunächst mit irgendjemandem über ihr Vorhaben zu sprechen, beginnt Fatima mit ihrer Suche. Als sie eines Tages jedoch ihre Pläne mit einer Arbeitskollegin teilt, erzählt ihr diese, dass sie mit dem gleichen Gedanken spielt und bisher ebenfalls niemandem davon berichtet hat. Doch damit nicht genug: Allmählich kommt heraus, dass alle Frauen im Dorf so denken wie Fatima.

Der Kampf um die „Zweitfrau-Perle“ zwischen den Arbeiterinnen beginnt. Alle von ihnen möchten ihre Ehemänner zufrieden wissen – und dafür tun sie, was immer es dazu braucht.

Man kann sich also denken, wie groß die Freude bei den Frauen ist, sobald die ein oder andere von ihnen eine „Perle“ aufgetan hat. Auch Fatimas Freude ist mit Worten kaum zu beschreiben, als ihr eine ihrer Nachbarinnen mitteilt, dass ihre Tochter einverstanden ist, ihre „Perle“ zu werden. Doch kaum hat sie ihrem Mann die gute Nachricht überbracht, die ihn noch zufriedener stimmen sollte, und gedacht, dass ihr das Leben endlich zulächeln würde, bricht eine Welle grausamer Kriege aus, die sie dazu zwingen, ihr Dorf zu verlassen und mit ihren Kindern in tiefster Wüste einigermaßen sicher in Zeltlagern unterzukommen. Omar al-Baschirs Dschandschawid-Milizen aber, die der derzeitige stellvertretende Präsident des Militärrates Hemeti anführt, lassen Frauen und Vertriebene freilich nicht einfach in Frieden leben. Sie nötigen sie zu Zwangsarbeit, vergewaltigen sie und beuten Hunderte Frauen sexuell aus.

Alles, wovon Fatima heute träumt, ist ein sicherer Hafen für sich und ihre Kinder. Sie träumt von einem Leben in einer Gesellschaft, die keinen Unterschied zwischen Mann und Frau macht und die auf dem Prinzip der Gleichheit basiert. Nun, da al-Baschir gestürzt wurde, bleibt zu hoffen, dass die Frauen in Darfur zu ihren Rechten kommen, dass Ruhe und Stabilität in ihr Leben einkehren und sich die Dinge für sie zum Besseren wenden. Es bleibt außerdem zu hoffen, dass die Menschenrechtsorganisationen sich ihnen zuwenden und sie dabei unterstützen, dass sie ihre Würde zurückbekommen.

Der Artikel wurde von Melanie Rebasso aus dem Arabischen ins Deutsche übertragen.

Geschrieben von
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