Erhoffte Wendung

Bakr verließ seine Familie und floh aus dem Irak zunächst nach Belgien. Nach der Ablehnung des Asylantrages wegen der angeblichen Zustände in Bagdad kam er nach Deutschland. Auch hier ist jedoch noch keineswegs sicher, ob er bleiben darf. Foto: Hareth Almukdad

Gerechtigkeit in Europa

Eine Definition von Gerechtigkeit ist „Unvoreingenommenheit gegenüber allen Parteien im Verfahren“. Dieser humanistischen Anschauung des gesellschaftlichen Umfelds schließt sich wohl jeder an. Gerechtigkeit ist – laut dieser Definition – also nicht im Geringsten voreingenommen oder parteiisch, vielmehr ist sie das Gegenteil von Ungerechtigkeit und Unrecht. Der wichtigste Zweck dieser Definition ist die Wahrung von Gerechtigkeit und Gleichheit, der Schutz individueller und öffentlicher Interessen, ein moralisches Konzept, das auf Recht und Moral, Vernunft, Gesetz und Gerechtigkeit basiert.

Ich verließ meine Heimat, weil mein Zuhause von bewaffneten Milizen in die Luft gesprengt wurde und wegen der Gefahrensituation, der ich mit Morddrohungen und Vertreibungen in meinem Land ständig ausgesetzt war. Ich habe meine Familie zurückgelassen, meinen Vater, der dieser bedrohlichen Lage ebenso hilflos gegenüberstand und uns nicht davor schützen konnte, und meine kranke Mutter, die auf ihre Operation wartete, um danach gemeinsam mit meinem Vater und meinen Brüdern zur mir ins Land der Gerechtigkeit nachzukommen und als Familie hier wieder vereint zu sein.

Meine Flucht führte mich zuerst nach Belgien, das ich für ein Land der Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit hielt. Tatsächlich aber fühlte ich mich dort derart eingeschränkt, als würde ich in einem Gefängnis leben: eine Gesellschaft, die ganz anders war als die, aus der ich kam, eine Sprache, die ich nicht verstand, unangenehme Blicke von links und rechts.

Wann immer ich sagte: „Ich bin Flüchtling“, folgte darauf ein verächtlicher Blick, als ob ich dieses Leben als Flüchtling bewusst und aus freien Stücken gewählt hätte.

Nichtsdestotrotz versuchte ich, mich an dieses neue Leben zu gewöhnen und die Sprache zu erlernen, die der Schlüssel zum Land und zur Integration in die Gesellschaft ist. Und tatsächlich gelang es mir, diese größte Hürde zu überwinden und die Sprache bald gut zu beherrschen. Doch dann erhielt ich den ersten Beschluss des Asylgerichts, in dem man mir mitteilte, dass mein Asylantrag abgelehnt wurde. Die Ablehnung wurde damit begründet, dass meine Stadt sicher sei und es in Bagdad keinen Krieg gebe. Das bedeutet, dass jener Beschluss auf Grundlage meines Geburts- und Wohnortes und nicht unter Betrachtung meines individuellen Falles gefällt wurde. Ich legte Berufung ein.

Ungefähr zwei Wochen nach dem Erhalt der Ablehnung erreichte mich aus dem Irak die Nachricht, dass das von uns gemietete Haus von bewaffneten Milizen überfallen, meine Mutter getötet, mein Vater und mein jüngster Bruder, der damals 12 Jahre alt war, entführt wurden. Bis heute habe ich nichts von ihnen gehört. Kann sich irgendjemand nur ansatzweise vorstellen, wie es ist, in dieser Situation zu stecken? Kann irgendjemand auch nur im Geringsten nachempfinden, was ich empfunden habe, als mein Herz stehen blieb, meine Seele Trauer trug? Während ich darauf gewartet hatte, sie alle wieder in die Arme zu schließen, kam alles anders, und es ereilte mich diese traurige Nachricht. Es war einer der schwärzesten Tage in meinem Leben, ich werde ihn niemals vergessen.

Ungefähr eine Woche später ging ich erneut zum Asylgericht, um dort mitzuteilen, was geschehen war. Als Antwort bekam ich Folgendes zu hören: „Bagdad ist eine sichere Stadt. Dort herrscht kein Krieg. Ihr Asylantrag wird daher erneut abgelehnt.“ Sie nahmen mir die Unterkunft, stellten die Sozialleistungen ein, entzogen mir die Schulbesuchs- und Arbeitserlaubnis und sagten mir, ich müsste Belgien verlassen.
Ab diesem Moment sah ich für mich keine andere Möglichkeit, als nach Deutschland aufzubrechen. Denn ich wusste, dass Deutschland die Prinzipien Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Gleichheit zwischen Einheimischen und Ausländern achtet. Allerdings stieß ich auch hier zu Beginn auf einige Schwierigkeiten, die in erster Linie dem Dublin-Abkommen geschuldet waren: Weil meine erste Ankunft in Belgien war, konnte ich nicht so einfach eine Bewilligung für meinen Verbleib in Deutschland erhalten. Letztlich jedoch wurde sich meines Falles angenommen, und ich wurde aufgenommen.

Das war ein glücklicher Moment in meinem Leben, der mir wieder Hoffnung gab. Ich begann mit meiner schulischen Ausbildung und dem Erlernen der deutschen Sprache, und ich setzte mir selbst das Ziel, die Schule abzuschließen und nach all dem Leid endlich Stabilität in mein Leben einkehren zu lassen. Ich wollte all die Jahre nachholen, die zwischen Krieg, Lebensbedrohung, Verlust der Familie und Entzug der Existenzgrundlage verloren gegangen waren. Nach einer Weile erreichte mich jedoch erneut eine Hiobsbotschaft – diesmal vom deutschen Asylgericht, das meinen Asylantrag ebenfalls ablehnte. Begründet wurde die Ablehnung damit, dass ich bereits zuvor in Belgien abgelehnt worden war und keine neuen Argumente vorbringen konnte, die mir das Recht auf Asyl einräumen würden. Ich habe keine Ahnung, was sie mit „neuen Argumenten“ meinen. Ich habe meine Familie verloren, musste mein früheres Leben aufgeben und flüchtete aus Angst davor, getötet zu werden, von einem Land ins andere. All das soll kein Argument sein?! Ist mir was entgangen?!

Erneut habe ich Berufung eingelegt und erneut warte ich darauf, dass mir endlich die Gerechtigkeit widerfährt, von der ich mir erhofft hatte, sie in diesem Land zu finden. In der Zwischenzeit arbeite ich daran, meine Ziele umzusetzen. Bald werde ich meinen Ausbildungsplatz bekommen und natürlich weiterhin darauf hoffen, dass ich eines Tages Gerechtigkeit erfahre.

Der Artikel wurde von Melanie Rebasso aus dem Arabischen ins Deutsche übertragen.

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