Papaya, Papaya

Honigmelonen bedeuten für Ava Rohani ein Stück Heimat. Bei ihrem Ferienjob als Verkäuferin nahm sie erstmal seit ihrer Ankunft in Deutschland diesen geliebten Geruch wahr. Foto: Hareth Almukdad

Ich höre lieber die Wahrheit, auch wenn sie mich zum Weinen bringt, als Lügen, die mich lachen lassen

„Du isst die Steuer der Menschen!“ Bis dahin hat mir das niemand so knapp und klar gesagt. Dieser Satz hat mich schwer getroffen, und mir fehlten die Worte. Mittlerweile habe ich mich von der Sachbearbeiterin beim Jobcenter verabschiedet.

Aber ihre bittere Aussage spukte den ganzen Tag in meinem Kopf herum, und ich führte Selbstgespräche wie: „Ach, hast du etwa keinen Stolz? Du glaubst doch selbst, dass das Geld vom Jobcenter ‚haram‘ (schlecht) ist, oder? Die Leute, die arbeiten und Steuern zahlen, finden es auch nicht gut, wenn andere, die gesund sind, nicht arbeiten, obwohl sie es könnten.“ Mein Gewissen war wachgerüttelt und wollte mich nicht mehr in Ruhe lassen. „Stopp, hör auf damit, Ava“, sagte ich zu mir. Doch meine Gedanken drehten sich weiter im Kreise. „Du weisst doch selbst am besten, dass du bisher keine Zeit zum Arbeiten hattest…“, und ich fing an zu weinen.

„Okay, jetzt habe ich Sommerferien. Jetzt kann ich was tun.“ An diesem Tag habe ich an nichts anderes als an Arbeit gedacht. Ich wollte nur arbeiten, egal wo oder was und habe bis Mitternacht ganz viele Bewerbungen verschickt. Am Morgen bin ich aufgewacht und hatte schon einige Bitten um Rückruf von ganz unterschiedlichen Stellen auf dem Handy. Das erste Gespräch war bereits um 14.00 Uhr in der Frankfurter Allee. Mit großem Interesse wartete ich in der Schlange und dachte mir, dass ich mit so vielen Arbeitssuchenden bestimmt keine Chance habe, ohne Erfahrung als Kassiererin arbeiten zu können.
Nun war ich dran, habe dem Teamleiter die Hand gegeben, sagte „Hallo“ zu ihm, und „Ja, ich bin bereit, ab sofort und Vollzeit zu arbeiten!“ und: „Ja, ich will trotz des langen Weges von der Wohnung bis hierher die Stelle haben!“ Der hat gelacht, gab mir ein T-Shirt, und dann ging‘s los.

Dann bin ich gleich mit einer Mitarbeiterin durch den Supermarkt gegangen. Ich schaute nun mit anderem Blick auf das Obst, das Gemüse und die anderen Lebensmittel. Das bunte, frische Obst lag so süß nebeneinander aufgereiht.

Die Namen muss ich mir merken: Papaya, Papaya. Artischocke, Artischocke. Was macht man damit??? Ein Bund Radieschen, Plattnektarinen und Plattpfirsiche. Aha, jetzt kenne ich den Unterschied.

Honigmelonen, ein Stück Heimat! Diesen geliebten Geruch nehme ich das erste Mal in Deutschland wahr. Und sooo viele unterschiedliche Tomaten, Gurken und anderes Gemüse, dessen Namen ich noch nie im Leben gehört hatte.

Zwei Tage habe ich zur Probe gearbeitet und am dritten Tag habe ich meine eigene Kasse geöffnet. Während des Einscannens verabschiedete ich mich immer bei den Plattnektarinen und Honigmelonen mit „Tschüss, meine Liebsten …“ Es gibt so viele verschiedene Brotsorten, und von jeder sollte ich den Code auswendig lernen. Ich habe vorher nie darüber nachgedacht, dass Arbeit an der Kasse so schwer sein kann. Und ich war gestresst, wenn ich sah, wie viele Kunden in der Schlange standen. Wenn ich dann doch mal den Namen des Obsts vergessen hatte, fragte ich in die Schlange, ob es jemand weiß. Unglaublich wie viele Kunden gar nicht wussten, was sie kaufen! Manche waren auch Seelen von Menschen, haben mit mir auf dem Papier nach dem Namen oder Code gesucht. Wie unterschiedlich die Menschen doch sind! Wenn ich Beschwerden wegen meiner Langsamkeit erwartete, haben mich manche Kunden auch mit einem „Aller Anfang ist schwer!“ beruhigt. Bei manchen Kunden, die kein Trennungsschild zwischen ihren Waren auf dem Band hatten, musste ich an den Film „Moderne Zeiten“ denken, wenn ich wie ein Roboter die Waren nacheinander eingescannt habe, dann die Rechnung wieder stornieren und natürlich noch einmal alles von vorne wiederholen musste.

Ich sehe jetzt sofort, ob es die Kunden eilig haben, oder ob sie entspannt sind. Ihr Verhalten beeinflusst mich immer noch. Wenn sie nicht „Guten Tag“ und „Hallo“ oder „Wiedersehen“ und „Tschüss“ sagen, bin ich enttäuscht. Darüber hatte ich mir vorher nie Gedanken gemacht. Aber ich habe gelernt, tolerant zu sein und nicht von jedem Höflichkeit zu erwarten. Ich habe gelernt, dass ein herzliches Lächeln sehr hilfreich und machtvoll sein kann. Und dass es jemandem Hoffnung gibt.

Ava Rohani hat ihren Text auf Deutsch geschrieben.

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