Helfer – nicht nur in Glaubensfragen

Ein Interview mit Dr. Gottfried Martens                                                                  

Dr. Gottfried Martens ist seit achtundzwanzig Jahren Pfarrer. Seit 2013 ist er in Steglitz in der evangelisch-lutherischen Dreieinigkeits-Gemeinde tätig. Die Gemeinde hat er im Wesentlichen mit christlichen Geflüchteten, die zum größten Teil aus dem Iran und Afghanistan stammen, aufgebaut.

Wie sieht Ihre Arbeit mit Geflüchteten aus?
Es ist erstmal elementar kirchliche Arbeit. Menschen kommen zu uns, die darum bitten, den christlichen Glauben näher kennenzulernen. Wenn man mit diesen Menschen zu tun hat, dann erlebt man natürlich auch die ganzen Probleme, die sie haben und dann wird klar, dass man das eine von dem anderen nicht trennen kann und ihnen in diesen ganz praktischen Nöten und Schwierigkeiten beistehen muss.

Wie sehen diese Nöte aus, und wie können Sie da helfen?
Sie sind sehr vielfältig. Viele von ihnen bringen sehr schwere Erfahrungen aus ihrem Heimatland mit. Wir haben hier unter anderem auch eine Psychologin, die selbst farsisprachig ist und an die sich die Menschen auch wenden können. Wir haben insgesamt eine sehr gute farsisprachige Infrastruktur hier. Dazu kommt die Frage des Aufenthaltes und der Abschiebung, von dem ein großer Teil unserer Gemeinde betroffen ist. Gerade hier in Berlin und Brandenburg gehen die Behörden im Bundesamt fast durchgängig davon aus, dass es sich nur um „Asylbetrüger“ handelt, die einfach nur aus „asyltaktischen Gründen“ konvertiert sind.

Seitens der Regierung kommt es zu Verurteilungen?
Ich spitzte das jetzt zu, aber wenn jemand in das Anhörungszimmer beim BAMF reingeht und sagt: „Ich bin Afghani oder Irani und Christ“, kann er das Zimmer eigentlich gleich wieder verlassen. Dann weiß ich schon, was anschließend in dem Bescheid drin steht.

Machen Sie das jetzt aus persönlicher Überzeugung, oder machen Sie das aus auf Grund ihrer Berufung?
Da sehe ich keinen Widerspruch, weil die Berufung, die ich habe, meine Persönlichkeit prägt. Mit diesen Menschen zusammen zu arbeiten ist eine wunderbare Erfahrung. Sie sind nach meiner Einschätzung ein großer Gewinn, nicht nur für unsere Gemeinde, sondern für ganz Deutschland. Und natürlich erlebe ich die Menschen so intensiv, dass mich das auch persönlich nicht unberührt lässt, sondern mich auch immer begleitet.

Was bringen diese Leute mit?
Angefangen mit der Glaubensfreude, die sie haben. Sie entdecken für sich neue Sachen, die hier in Deutschland schon oft zur Tradition erstarrt sind. Gerade die Geschichte der Kreuzigung von Jesus Christus bewegt sie einfach. Sie verstehen da noch den ursprünglichen Sinn dahinter.
Sie bringen eine große Wertschätzung für Religionsfreiheit als ein Menschenrecht in unserer Gesellschaft mit. Gerade darum berührt mich das ganz besonders, dass diese Religionsfreiheit in unserer Gesellschaft von den Entscheidungen des BAMF und den Gerichten so massiv verletzt wird. Sie machen uns auf das Thema Religionsfreiheit nochmal besonders aufmerksam und auch auf die Frage, ob es Aufgabe des Staates ist, vorzugeben, was denn nun richtiger christlicher Glaube ist.

Wie gehen Sie denn mit Religionsfragen um?
Wir haben samstags immer eine Bibelstunde. Das ist eine reine Fragestunde, in der die Menschen ihre ganzen Fragen auch hervorbringen können. Mir ist wichtig, dass ich sie nicht nur zutexte, sondern dass sie auch von sich aus mit ihren Fragen kommen.

Können Sie selbst Persisch?
Ich kann Grundkonversationen führen und brauche auch bei Seelsorgergesprächen keinen Dolmetscher mehr. Ich predige auch immer mal wieder auf Farsi, allerdings brauche ich da einen Helfer, der übersetzt.

Wie viele Geflüchtete begleiten Sie jetzt im Prozess der Christwerdung?
Im Laufe der Zeit habe ich hier schon gut 1.000 Leute getauft. Es kommen auch Leute zu uns, die schon woanders getauft worden sind. 1.384 Geflüchtete haben wir in der Gemeinde insgesamt.

Und wie groß ist ihre Gemeinde alles in allem?
1.600.

Bieten Sie auch irgendeine Hilfe für Geflüchtete an, die nicht christlich sind?
Ja, wir helfen nicht nur Christen. Aber es ist klar, dass die verschiedenen Initiativen, die wir in unserer Stadt haben, Spezialisierungen besitzen. Das halte ich auch für sinnvoll. Das bedeutet nicht, dass wir dann andere ausschließen. Einem Atheisten droht im Iran auch Lebensgefahr, und dann ist klar, dass wir auch so jemandem helfen. Wir beraten hier genauso Menschen, die keine Christen sind. Aber umgekehrt stehe ich auch dazu, zu sagen „Jawohl, das ist jetzt einfach mal hier der Fokus.“

Vielen Dank für das Gespräch!

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