Sehnsucht nach dem Paradies auf Erden

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Frühlingsspaziergang durch einen orientalischen Garten

 

Flirrende Hitze, der Wüstensand dringt in die staubtrockenen Gassen, alle Fensterläden sind verschlossen. Ich öffne ein schweres Tor, und vor neugierigen Blicken geschützt liegt hinter einer Mauer ein sattgrüner Zypressenhain, durch den Wasserläufe leise plätschern. Sie teilen die Gartenanlage in ein Geviert, in deren Quadraten Granatapfel- und Feigenbäume und ein herrliches Blütenmeer gedeihen. Ich schließe das Tor, der Straßenlärm verstummt. Vogelgezwitscher begleitet mich in dieser paradiesischen Oase.

Die Paradiesgärten, von denen im Koran die Rede ist, sind von Früchten, Bäumen, Blütenduft und fließendem Wasser erfüllt. Es fließen Bäche aus Quellwasser, Wein, Milch und Honig. Die typische persische Bauweise, die Tschahar-Bagh-Anlage, steht in seiner Übersetzung für den vierfachen Garten, dessen Kanäle an die vier Flüsse des islamischen Paradieses erinnern sollen. Aus dem Persischen stammt die Bezeichnung „firdaus“, von der sich über das griechische „Paradeison“ unser Wort Paradies ableitet.

Wasser, das höchste Gut des Orients, drückt für den Muslim im profanen wie im religiösen Leben ein besonderes Lebensgefühl aus. In dieser trockenheißen Region ist es Lebensspender und findet sich in häuslichen Brunnen und Zisternen. Es ist Bestandteil eines ausgeklügelten unterirdischen Bewässerungssystems zur Erschließung des Grundwassers, das seit dem 10. Jh. v. Chr. bis heute Anwendung findet.

Ich atme die von Jasmin- und Rosenduft erfüllte Luft ein und empfinde tatsächlich ein Glücksgefühl. Meine Augen können sich an dem über Kaskaden herunterplätschernden Wasser, das die Anlage in vier gleichmäßige Teile aufgliedert, in denen tiefrote Granatäpfel, Orangen und Zitronen von den Bäumen herabhängen, kaum sattsehen. In dieser kühlen Abgeschiedenheit erlebe ich den stillen Genuss eines kostbaren Guts, das leise Perlen und Tröpfeln des Wassers inmitten heißer Klimazonen. Ich entdecke am Horizont noch schneebedeckte Berge, deren Wasser noch heute in riesigen Zisternen gespeichert wird. Wüstengärten, Lust- und Stadtgärten, Herrschaftsgärten, all dies ist den Menschen dieses Teils der Erde wichtiger erholsamer Lebensraum. Spätestens an den Wochenenden breiten die Menschen unter schattenspendenden Bäumen nahe einem Wasserbecken ihre Teppiche aus und trinken Tee, machen Picknick.

In Iran sind Gartenteppiche des 17. und 18. Jh. berühmt geworden – es ist die allgemeine poetische Einstellung der Iraner zu ihrem Garten und ihrem Wunsch, den Garten gewissermaßen über den Teppich in ihr Haus zu bringen. Neben den berühmten arabischen und persischen Poeten, die den Garten besungen haben, sind diese herrlichen Paradiesbeschreibungen auch in zahlreichen – besonders persischen, türkischen und indischen – Miniaturen dargestellt. Es sind umfriedete Gärten, in denen die Gäste unter duftenden Bäumen an plätschernden Wasserläufen das Grün genießen und Pavillons oder mit Brokat kostbar geschmückte Zelte zum Gelage einladen. Dennoch ist die paradiesische Gartenvorstellung im arabisch-iranischen Raum sehr viel älter als der Islam. Die reiche Gartenkultur Mesopotamiens (8. Jh. v. Chr.) findet sich schon in der Geschichte der Hängenden Gärten der Semiramis – wohl nach einer assyrischen Königin benannt – und wurde vom persischen Großkönig Kyros dem Großen in Pasargade, unweit der Residenz der Achämenidenkönige in Persepolis (6. bis 2. Jh. v. Chr.), nördlich der südiranischen Stadt Shiraz gelegen, in die traditionelle Palastarchitektur aufgenommen.

Ein reger Pflanzenaustausch von Ost nach West beförderte das iranische Motiv der Vier-Gärten-Anlage als architektonisches Mittel bei Griechen und Römern und fand auf diese Weise auch den Weg nach Europa. Gleich, ob Lustgarten, höfische Gartenanlage oder Mausoleum, setzte sich dieses Motiv im arabisch-iranisch-indischen Raum bis in die heutige Zeit teils in ursprünglicher, teils in abgewandelter Form durch. Wir können diese Anlagen sowohl in der Alhambra in Andalusien/Spanien zur Zeit der islamischen Reiche (8. bis 15. Jh.) oder am Tadj Mahal in Agra/Indien zur Zeit der Moghulkaiser (16. bis 19. Jh.), aber auch in Marokko, Pakistan und Samarkand bewundern. Wer nicht so weit reisen möchte und jetzt im Frühling einen orientalischen Garten der vier Ströme erleben möchte, der fährt am besten nach Berlin-Marzahn. Er befindet sich auf dem Gelände der Gärten der Welt – einer Oase mitten in unserer Millionenmetropole.

 

https://www.gaertenderwelt.de/gaerten-architektur/themengaerten/orientalischer-garten/

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