30 Jahre Mauerfall und eine seltsame Nachwirkung – ein Zwischenruf

Foto: Hareth Almukdad

Ich habe viele Reden zum Mauerfall, über den einige Autor*innen in unserer letzten Ausgabe „Wendepunkte“ aus ihrer Erinnerung berichtet haben, verfolgt. Da war viel vom Kampf um die Freiheit vieler Oppositioneller in der ehemaligen DDR die Rede, von Repressionen in den Gefängnissen, von der Suche nach Fluchtwegen aus dem Unrechtsstaat, von Bespitzelungen der Nachbarn und Freunde, von existentiellen Ängsten im wiedervereinigten Deutschland, von Arbeitslosigkeit, von Lebensbrüchen und von jahrelangen Trennungen in vielen Familien. Und es wurde auch von Fehlern gesprochen. Der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU im Bundestag Ralph Brinkhaus hat sie in seiner Rede im Deutschen Bundestag am 8. November 2019 sehr klar benannt. Der „große Fehler der Wiedervereinigung“ sei es gewesen, dass man damals viel über Geld, aber nicht über die Brüche in den Biografien der Menschen in Ostdeutschland gesprochen habe, die „sich komplett neu erfinden mussten“. Und hier ging es um 30 Jahre nach der Wiedervereinigung.

 

Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Haben nicht viele der Geflüchteten, die in ihrer Angst vor den Lebensbedrohungen durch den Islamischen Staat, durch das Regime von Bashar al-Assad, durch Djihadisten, durch die Taliban und viele andere Verbrecher mehr, lebensgefährliche Fluchtwege über Land und Meer und ebenfalls einen Kampf um die Freiheit auf sich genommen? Haben nicht viele von ihnen Bespitzelungen erlebt, in menschenunwürdigen Gefängnissen zum Teil Folter ertragen müssen? Und dann sind sie in Europa gelandet, haben ihr Hab und Gut zurückgelassen und oftmals viel Geld für diesen Weg in die Freiheit bezahlt. Ohne Kenntnis der Sprache und der Kultur kamen sie in einem völlig fremden System an, ohne Papiere, ohne Arbeit, zum großen Teil von ihren Familien getrennt. Viele von ihnen waren unbegleitete Minderjährige.

 

Daran sollten wir uns erinnern, wenn oftmals die Rede vom vielen Geld ist, das ausgegeben wird, von Menschen, die sich noch nicht angepasst hätten, die man oft nicht in seiner Nachbarschaft will, die vielleicht nur geduldet sind, die oftmals keine Sprache lernen oder Ausbildung genießen sollen. Und die sich nicht selten vielen Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt sehen. Wir sollten auch hier die „Brüche in den Biografien“ sehen, und die Menschen, die „sich komplett neu erfinden müssen“. Und dann daran denken: Sie sind noch keine 30 Jahre hier, dass sich die Generationen langsam an das neue System gewöhnen konnten. Es sind gerade mal drei, vier, fünf Jahre, die sie sich bemühen, hier anzukommen. Helfen wir ihnen weiterhin dabei, wie es schon viele Menschen in unserem Land tun, und  geben wir uns allen noch ein wenig Zeit!

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