„HeRo“ – den Alltag im Alter gemeinsam meistern

von Rita Zobel und Somayeh Rasouli

Kultursensible Altenhilfe mit muttersprachlicher Unterstützung

Die kulturTÜR-Autorin Somayeh Rasouli hat im Rahmen ihrer Ausbildung als Krankenpflegerin den Verein HeRo e.V. am Bundesplatz besucht und war begeistert von der Idee der kultursensiblen Altenhilfe. Zusammen mit Rita Zobel war sie noch einmal da, um mehr darüber  zu erfahren.

„HeRo hat nichts mit dem englischen ‚hero‘ (Helden) zu tun“, erklärt Frau Ji-Eun Bong, die Vorstandsvorsitzende, gleich zu Beginn des Gesprächs. „Der Name bedeutet ‚zusammen alt werden‘ und kommt aus dem Koreanischen.“ Als Verein unterstützt HeRo Menschen, die aufgrund von Alter, Krankheit oder Herkunft Schwierigkeiten haben, ihren Alltag allein zu bewältigen, und bietet vor allem koreanischen Migrant*innen muttersprachliche Betreuung.

Durch ein Anwerbeabkommen zwischen Südkorea und der Bundesrepublik Deutschland kamen in den 60-er und 70-er Jahren viele südkoreanische Arbeitskräfte nach Deutschland. Während Männer vorwiegend im Bergbau eingesetzt wurden, arbeiteten die Frauen als gut ausgebildete Krankenschwestern in Krankenhäusern.

Obwohl viele im Gesundheitsbereich tätig waren, erhielten sie kaum Zugang zu Informationen über das deutsche Gesundheitswesen. Und auch Sprachunterricht war damals keine zwingende Voraussetzung für ihren Einsatz. Sie kamen und blieben, denn während ihres befristeten Aufenthalts hatte sich das Land zu einer Militärdiktatur entwickelt, in die sie nicht zurückkehren wollten, und so erkämpften sie sich ihr Bleiberecht. Mit der Zeit lernten sie die deutsche Sprache, gründeten Familien und bekamen Kinder. Diese mittlerweile zweite und dritte Generation spricht heute kaum noch Koreanisch. Für die Menschen der ersten Generation kann das im Alter zu Problemen führen. Patient*innen verlieren im Falle einer Demenz zuerst meist die Sprache, die sie als letztes erlernt haben. Ergriffen erzählt Frau Bong von einer koreanischen Demenzpatientin, die durch die Krankheit die deutsche Sprache verloren hat. Ihre Tochter, die als Deutsch-Lehrerin arbeitet und kaum noch Koreanisch spricht, litt sehr darunter, dass sie nicht mehr mit ihrer Mutter reden und ihren Lebensabend besser miterleben konnte. Mit der „kultursensiblen Altenhilfe“ will Frau Bong Patienten und Angehörige bei solchen Problemen unterstützen.

Die Arbeit des Vereins HeRo beruht auf drei Säulen:

  • Aktivitäten für gesunde Senior*innen
    HeRo bietet Kurse zur Selbsthilfe, zum Singen, Musizieren oder einfach zusammen Essen und sorgt dafür, dass die Menschen miteinander in Kontakt bleiben.
  • Unterstützung im Alltag für Pflegebedürftige und deren Angehörige
    Bei der Beantragung von Pflegehilfe oder mit Haushaltsdienstleistungen wie Einkaufen, Kochen, Reinigen bietet HeRo Unterstützung an. Ehrenamtliche springen ein, wenn pflegende Familienangehörige sich einmal Zeit für sich nehmen möchten. Für die Begleitung im Alltag wurde ein koreanisch-sprachiger Besuchsdienst eingerichtet.
  • Ambulante Hospiz-Begleitung
    Das ist die Basis des Vereins. Erfahrungen hat Frau Bong zuerst in einem ambulanten Hospiz als ehrenamtliche Begleiterin und dann im Kinder-Hospiz als Musiktherapeutin gesammelt. Später hat sie parallel dazu im interkulturellen Hospiz als Hospiz-Koordinatorin für Migrant*innen gearbeitet.

Heute bietet HeRo e.V. auch Ausbildungen für Ehrenamtliche in der Alltags- und Hospiz-Begleitung an. Darüber hinaus gibt es seit Februar 2020 Deutschkurse für Ehrenamtliche und die Angehörige aus Korea, damit sie auch am Leben außerhalb der koreanischen Kommune teilhaben können.

Frau Bong arbeitet nicht nur für die erste Generation, sondern bereitet auch für sich und ihre Generation den Weg für ein besseres Leben im Alter. Sie ist stolz, dass sie mit Ehrenamtlichen im Verein in mühevoller Kleinarbeit für ihre Community ein Portal für gesundheitliche Begriffe aufgebaut hat. Durch die Übersetzung von u.a. Patientenverfügungen und Vorsorge-Vollmachten haben sie  wesentlichen Zugang zu Informationen geschaffen – ganz ohne weitere finanzielle Hilfen. Diesen Fundus stellt sie gerne auch anderen Migrant*innen-Communities zur Verfügung.

2016 wurde der Verein als gemeinnützig anerkannt. Im Juli 2019 haben sie auch die Anerkennung vom Land Berlin für Unterstützung im Alter nach §45 b Sozialgesetzbuch 11 erhalten, mit der sie Pflegebedürftige und deren Angehörige im Alltag unterstützen können. Das war ein langwieriger Prozess, weil für die Nicht-Muttersprachler*innen die Informationen schwer zu erschließen, die Formulierungen schwer verständlich und die Wege der deutschen Bürokratie nicht so einfach zu durchschauen waren.

Mittlerweile engagieren sich mehr als 30 einsatzbereite ehrenamtliche Hospiz-Begleiter*innen und 18 Unterstützer*innen im Befähigungskurs für den Alltag bei HeRo. Damit sieht Frau Bong ihren Verein gut aufgestellt. Dennoch wünscht sie sich, dass sich noch mehr Menschen aus der zweiten oder dritten Generation ehrenamtlich engagieren. Auch wenn sie kein Koreanisch mehr sprechen, können sie dennoch zu neuen Held*innen des Alltags werden.

Noch teilt sich die HeRo e.V. ihre Vereinsräume mit verschiedenen anderen migrantischen Gruppen. Ein Wunsch von Frau Bong ist, mit dem Verein ein gemeinsames Haus aufzubauen. Sie wünscht sich einen Ort, der Heimat und Sicherheit bietet, einen Ort zum Zeitverbringen, für offene Treffen und gemeinsame Essen. Denn Essen ist für die koreanischen Senior*innen ein wichtiger Teil des gesellschaftlichen Miteinanders. Und auf die koreanischen kulinarischen Leckerbissen und den Austausch möchten sie nicht verzichten.

Kontakt:
Kultursensible Altenhilfe HeRo e.V.
Bernhardstr. 13, 10715 Berlin
Tel. 030-24374563
Webseite: http://de.heroberlin.de
https://www.facebook.com/altenhifehero

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