Multaka – Treffpunkt Museum

Ehemalige Geflüchtete machen als Museumsguides historische Orte erlebbar

Am 7. März, dem Aktionstag „Berlin sagt Danke“, würdigte der Berliner Senat alle Ehrenamtlichen u. a. mit dem freien Eintritt in zahlreiche Berliner Museen. Wir waren dabei und hatten wirklich Glück, denn am folgenden Wochenende mussten alle Museen aufgrund der Corona-Pandemie schließen.

Schnell bildeten sich im Foyer der James-Simon-Galerie, dem Besucherzentrum der Berliner Museumsinsel, zwei Gruppen. Der Syrer Bachar Al-Mohamad Alchahin führte eine Gruppe in deutscher Sprache durch das Vorderasiatische Museum. Und auf unsere Gruppe kam Alaa Alkasir zu, ein großer junger Mann, ebenfalls aus Syrien, der uns die Ausstellungen im Museum für Islamische Kunst in deutscher Sprache zeigte.

Als er uns mit ausgebreiteten Armen die unfassbare Größe der herrlichen Vertäfelungen des Aleppo-Zimmers (das ist ein Empfangsraums eines Wohnhauses in Aleppo) verdeutlicht und die Geschichte des Hauses Wakil erklärt, dessen Auftraggeber der christliche Kaufmann Isa bin Butrus war, spürt man sofort:  Diese Kunst ist Alaa Alkasirs Leidenschaft. Und es ist ihm wichtig, auf die Toleranz der Religionen untereinander hinzuweisen, die die Motive der Vertäfelungen zeigen. Und eben das bedeutet Multaka im Deutschen: Treffpunkt und hier besonders der Treffpunkt aller Kulturen.
Als Kind schon hatte Alaa Alkasir in Salamiyya, einer syrischen Kleinstadt zwischen Homs und Hama, gebuddelt und gegraben, und weil es sein größter Wunsch war, später in Damaskus Archäologie studiert. Das Interesse an islamischer Kunst ist besonders 2016 nach seiner Flucht nach Deutschland stark gewachsen. „Es ist nicht nur mein Hobby, es ist mein Leben geworden!“, betont er. In Berlin hat er dann in einer Zeitung vom Museum für Islamische Kunst erfahren und das Projekt Multaka war seine Chance.

In dem 2015 begründeten und seither mehrfach ausgezeichneten Kooperations-Projekt zwischen Museum für Islamische Kunst, dem Vorderasiatischen Museum, dem Museum für Byzantinische Kunst und dem Deutschen Historischen Museum wurden mehr als 20 syrische und irakische Geflüchtete zu Museumsguides ausgebildet. Sie bieten in ihrer Muttersprache Geflüchteten kostenfreie Führungen an. Es gibt aber auch Sonderführungen in englischer und deutscher Sprache. Und auf den Rundgängen wird deutlich, was Multaka auch bedeutet: die aktive Einbeziehung der Teilnehmenden und ihr Austausch untereinander.

In der Zwischenzeit hat uns Alaa Alkasir durch die farbenprächtige Teppichsammlung unterschiedlicher Provenienzen geführt. Er erklärt, wie sich vor dem Hintergrund unterschiedlicher politisch-religiöser Vorgaben im islamischen Kulturraum – man denke da an das Bilderverbot – die Künstler Freiheiten in den Motivdarstellungen genommen haben, die wiederum von den Herrschern geduldet wurden.

„Was ist islamische Kunst? Wie sieht sie aus?“, fragt Alaa Alkasir, als unsere Gruppe staunend vor der monumentalen und mit Rosetten und Arabesken überzogenen Fassade des Wüstenschlosses von Mschatta aus Mitte des 8. Jahrhunderts steht. Das frühislamische Wüstenschoss Qasr al-Mschatta – wörtlich übersetzt das Winterschloss – steht unweit der jordanischen Hauptstadt Amman und wurde in den letzten Jahren mit deutscher Hilfe restauriert.  Alaa Alkasir erklärt, dass der Sultan des Osmanischen Reiches diese nunmehr in Berlin zu bewundernde Hauptfassade im Jahr 1903 Kaiser Wilhelm II. als Dank für deutsche Ausgrabungen in arabischen Ländern geschenkt hatte. Und wieder sind wir mitten im Austausch und der Bewahrung unserer Kulturen.

 

Auf unserem Rundgang folgen verschieden ausgeprägte Gebetsnischen, die sich zum Teil stark durch ihre handwerklichen Techniken aus verschiedenen islamischen Regionen unterscheiden. Alaa Alkasir beantwortet alle Fragen zur arabischen Kalligrafie, zu verschiedenen Ranken- und Arabeskenmotiven. Dieser feinsten Handwerkskunst begegnen wir auch am Ende unseres Rundgangs.

Die aus Zedern- und Pappelholz geschnitzte Alhambra-Kuppel, die im frühen 14. Jahrhundert einen Aussichtsturm der Palaststadt oberhalb von Granada in Südspanien überspannte, brachte der deutsche Bankier Arthur von Gwinner Ende des 19. Jahrhunderts mit Erlaubnis der spanischen Behörden nach Deutschland. Unser Blick geht staunend nach oben: Die Kuppel ist reich geschnitzt, einige Teile sind mit Pinienzapfen und Muscheln besetzt, und die Inschrift, so erklärt uns Alaa Alkasir, bedeutet: „Es gibt keinen Sieger außer Gott!“

In unserem späteren Gespräch beschreibt Alaa Alkasir, was für ihn das Schönste an Multaka ist: „Wenn wir uns hier zusammenfinden, ist es der Eintritt in den Austausch!“ Eben das, was Multaka und seine mittlerweile auch international vernetzten Projekte ausmacht.

Ein kooperatives Projekt mit Multaka im Museum für Islamische Kunst ist das ‚Interactive Heritage Map of Syria‘, wo Alaa Alkasir als fest angestellter Mitarbeiter zwischen beiden Projekten vermittelt und das von der Mellon Foundation finanziert wird. In diesem Projekt werden Workshops mit dem Ziel angeboten, syrisches immaterielles Kulturerbe zu dokumentieren und zu archivieren.  „In den Workshops sitzen wir als Syrer und Syrerinnen zusammen, tauschen Kenntnisse und Traditionen des Christentums, Judentums und Islams aus, und ich stelle immer wieder fest, wie wenig wir voneinander wussten, und hier finden wir zusammen“, freut sich Alaa Alkasir. „Wir öffnen unsere Augen durch Multaka und sind offen für alle Themen, die für unsere Dokumentationen so wichtig sind. Mich macht es stolz“, sagt er, „dass wir hier diese Kulturgüter in verschiedenen Projekten schützen können.“

Bleibt die Hoffnung, dass wir bald alle nach dem Aufruf, Abstand zu halten, wieder Zutritt zu „Multaka – Treffpunkt Museum“ haben werden.  Bis dahin kann man sich unter den nachstehenden LINKs  u. a. folgende virtuelle Rundgänge anschauen:

👉 Multaka-Entdeckungstour:

https://artsandculture.google.com/exhibit/geflüchtete-als-guides-in-berliner-museen/ggJCpWoxt4usIg

 

👉 360 Grad Ansicht im Aleppo-Zimmer (Museum für Islamische Kunst):

Noch ehe die Türen geöffnet sind:Einmal vor allen Besuchern im Pergamonmuseum sein? Diesen Wunsch erfüllen wir euch…

Gepostet von Pergamonmuseum am Freitag, 13. Oktober 2017

 

👉 360 Grad Ansicht im Mschatta Saal (Museum für Islamische Kunst):

Noch ehe die Türen geöffnet sind:Einmal vor allen Besuchern im Pergamonmuseum sein? Diesen Wunsch erfüllen wir euch…

Gepostet von Pergamonmuseum am Montag, 28. August 2017

 

👉 360 Grad Ansicht vor dem Ischtar-Tor (Vorderasiatisches Museum):

Noch ehe die Türen geöffnet sind:Einmal vor allen Besuchern im Pergamonmuseum sein? Diesen Wunsch erfüllen wir euch…

Gepostet von Pergamonmuseum am Freitag, 1. September 2017

 

👉 Das Museum für Islamische Kunst hat auf seiner Homepage folgende digitale Angebote zur Verfügung gestellt:

https://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/museum-fuer-islamische-kunst/home.html

 

Kontakt:
Multaka – Treffpunkt Museum

Startseite

info@multaka.de

 

Ins Arabische übertragen von Hareth Almukdad

 

Geschrieben von
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