Meine Worte – das bin ich

 

von Moaz Chibani

Ich bin ein Mann, der in jeder Hinsicht anders ist. Lass mich daher über mich auf meine Art sprechen, jenseits der Bräuche und Sitten, die ich so sehr hasse und die für mich die Ursache dafür sind, dass über Dekaden hinweg Familien zerstört und Frauen verfolgt werden, dass Kinder verloren gehen, dass einer den anderen hasst, sich einer vom anderen lossagt.

Gestern sah ich Dich, wie Du an mir vorbeigingst, Deine schlanke Gestalt – wie eine Gazelle in all ihrer Anmut –, und hinter Dir schritt stolz Dein Schatten und prahlte damit, Dein Schatten zu sein. Mein Herz erbebte, Gegenwart und Vergangenes gerieten in mir durcheinander, und der Lärm der Stadt wurde zum Flötenspiel einer Nay* … und am weiten Horizont … läuteten die Glocken die Zeit einer Liebe ein, die nun kommen würde … Reglos stand ich auf dieser Zeitenschwelle und sah Dir nach, als Du Dich entferntest, bis Du am Horizont verschwunden warst, so wie die Sonne verschwindet, und schließlich auch die letzte Spur von Dir fort war.

Und wieder bei Bewusstsein, war mein erster Kommentar: „Sehen meine Augen wirklich?“ Denn nach neun Jahren des Umherwanderns zwischen den Ländern ist mein Blick auf das Leben ein ganz anderer, und ich glaube nicht mehr alles, was ich sehe.

Das Leben hat mir sosehr zugesetzt, dass mich nichts mehr verführen kann… Ich war aus der Hölle eines zerstörerischen Krieges herausgekommen, um mich inmitten eines Krieges wiederzufinden, der anders, der noch zerstörerischer und tödlicher ist, der es nicht auf den Körper, sondern auf die Seele abgesehen hat, von der wir doch nur eine haben… Wie schwer ist es doch für den Menschen, seine Empfindungen vor denen zu schützen, die ihnen wehtun wollen… Wie schwer ist es doch für den Menschen, sein Herz vor den Dolchen zu schützen, die ihm auflauern, und den geeigneten Moment abpassen, um hineinzustechen und es umzubringen.

Die Augen sind der Spiegel der Seele, Reflexion der Natur, Zugang zu einer anderen Welt, die völlig abgetrennt ist von der materiellen Welt, in der wir leben. Die Augen haben ihre eigene Sprache. Nur wenige verstehen sie, und wer sie einmal verstanden hat, interessiert sich nicht mehr für die vergängliche Welt. Nach neun Jahren, nachdem ich tausenden Menschen begegnet bin, suche ich nicht mehr. Mir wurde klar, dass alles, was mir fehlt, die Augen einer Frau sind, zwei Augen, in denen sich Natur und Würde begegnen, zwei Augen voller Träume, frei von Bosheit und Neid, zwei Augen, mit denen ich jeden Morgen spreche, in die ich hineinsegle in Richtung des nicht endenden Frühlings, auf der Suche nach neuen Ausdrücken, neuen Wörtern, um sie in diese elende Welt zu pflanzen, auf dass sie wachsen, als Blüten der Hoffnung.

Nach all diesen Jahren wurde mir klar, dass niemand die Menschen ändern kann, dass niemand das Laub am Fallen hindern kann, erfuhr von vielen gepeinigten Seelen, die in finstere Welten gelangt waren, in denen sie sich so sehr verloren hatten, dass sie nicht mehr hinaus konnten, dass sie nur noch aus voller Kehle schreien konnten – und die doch niemand hörte, in dieser lärmenden Welt.

Die Liebe ist ein Zugang zu vielen Welten, die bodenlos sind, zwischen denen wir zu wählen haben, und entweder führt sie uns ins Paradies, oder sie schleudert uns in Feuerschächte – ja, vielleicht ist es das, was mir Angst macht, das, was mich jedes Mal, sobald ich Liebe verspürt hatte, veranlasste, mich davonzustehlen, mich in mein Inneres zurückzuziehen, sie sogleich zu verscheuchen, vor ihr zu fliehen – doch wie lange noch?

Gestern, nachdem ich Dich gesehen hatte, war ich endlich bereit: Ich fasste den Entschluss, ganz auf Risiko zu gehen, und mein Herz, meine Seele, meine Gefühle, meine Würde, mein ruhiges Leben als Einsatz auf den Tisch zu legen und alles auf Dich zu setzen.
Ich würde entweder alles verlieren oder Deine Augen in Empfang nehmen …
Ich würde Dir die Tür öffnen und Dich in meine geheime Welt einführen, die sonst niemand kennt. Ich würde Dir die Welt von einem Blickwinkel aus zeigen, durch den Du sie anders verstehen würdest: Du würdest neue Farben des Frühlings, eine andere Bedeutung des Winters kennenlernen, im Sommer verginge kein Augenblick, an dem Du nicht tanztest, und der Herbst wäre für die Stille, für die Tränen, fürs Schreiben, die Aussöhnung mit dem Selbst.
Ich würde Dir zeigen, wie Du Raum schaffst für all Deine Empfindungen, auf dass sie dem Ausdruck verliehen, was in ihnen verborgen liegt, damit die Seele ausgewogen und beständig lebe, um Deinetwillen würde ich alle Fesseln, Ketten und Mauern beseitigen, die ich zum Schutz um mein Herz gebaut habe, außer einer Mauer.

Du würdest frei sein, ich ließe Dir die Tür offen, um meine Welt zu verlassen, wann immer Du willst… und erst dann, wenn Du mich auffordertest, sie zu schließen, und erklärtest, dass Du bei mir bleibst, erst dann würde ich die letzte Mauer einreißen und Dir mein Herz übergeben, auf dass Du allein sein Hüter wärst.

Ich übergebe Dir mein Herz!

Nein … Die Worte treiben einmal mehr ihr Spiel mit meinem Geist, und die Einfälle umschwärmen mich wieder … Und obwohl das Ende des Briefes absehbar ist, hab’ ich noch nicht entschieden, ob ich ihn Dir schicke, denn nachdem ich ihn Dir zusende, hältst Du ein Unterpfand in Händen, das Du ehrst und bewahrst, wenn Du willst – das Du zerreißt und verbrennst und in zerstreute Asche verwandelst, wenn Du willst.

Da sitze ich nun und stelle mir diesen Moment vor, und sehe mich Deinen Namen aus der Anrede auswischen und beschließen, meine Worte nicht in diese bedrohliche Lage zu bringen, die von lauter Gefahren umgeben ist, sehe mich einen Beschluss fassen, der der schwerste meines Lebens ist: dass ich, wann immer Du an mir vorbeigehst, die Augen schließe, um Dich nicht zu sehen, dass ich meinen Verstand überzeuge, dass das Bild, das mich allnächtlich besucht, nicht das Deine ist, dass der Geruch, den ich nie vergessen kann, nicht Dir gehört, dass Du nur ein vorübergehender Traum bist, und in dieser Welt gar nicht existierst, dass ich auch diesen Brief zu den anderen lege, die schon auf dem staubbedeckten Regal abgelegt sind.

Wie lange noch dieses Zögern? Ich weiß es nicht!

Vielleicht, bis das Schicksal uns von Angesicht zu Angesicht begegnen lässt und ich Dir direkt in die Augen sehe, ohne Hindernisse, bis Dein Lächeln mich zwingt, mich Dir hinzugeben und Dir alles zu offenbaren. Liebe und Qual sind Zwillinge, die sich niemals trennen lassen – doch vorerst werde ich nicht das Risiko eingehen, meine Worte ins Ungewisse zu senden,

denn meine Worte – das bin ich.

 

  • Nay: Rohrflöte

Aus dem Arabischen ins Deutsche übertragen von Matthias Hänsch

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