Wenn alles stillsteht

Eine Welt im Ausnahmezustand

Wie schnell Wandel möglich sein kann, hat uns die Corona-Krise deutlich vor Augen geführt. Die Krankheit, ausgelöst durch ein winzig kleines Wesen, versetzt die Menschen in Angst und Schrecken und ruft einen nie gekannten Stillstand hervor. Zuerst herrschte noch Einigkeit über das rigorose Vorgehen der Regierenden, damit die epidemiologische Wachstumskurve abflachen kann. Aber bald drifteten die Meinungen wieder auseinander: Manchen geht die „Rückkehr zur Normalität“ nicht schnell genug, denn sie machen sich Sorgen um ihre wirtschaftliche Zukunft. Andere fragen sich, ob eine Rückkehr zum „business as usual“ überhaupt noch sinnvoll sei. Denn plötzlich lassen sich vom Weltall wieder ganze Landstriche in China deutlich erkennen, die jahrzehntelang unter einem braungelben Schmutzfilm verborgen waren, lässt sich von Indien aus wieder der Himalaya sehen, ist unsere Luft wieder klar und duftend. Die Grenzen des Wachstums, an die wir schon oft gestoßen sind, spüren wir in Form des Klimawandels mit vermehrten Dürren und steigendem Meeresspiegel, Umweltzerstörung und vermüllter Meere immer häufiger. Und für diese Probleme, die alle noch vor uns liegen, brauchen wir dringend Lösungen.

Viele machen sich Sorgen über den Zustand dieser Welt. Wie ist es für uns, in so einer Zeit zu leben? Was möchten wir erreichen? Während die einen ums Überleben kämpfen, nutzen andere die Krise als Auszeit und kreative Pause, unterbrechen Routinen, verzichten auf viele gewohnte Dinge, um ein übergeordnetes Ziel – die Abflachung der Kurve – zu erreichen und damit letztendlich Menschen das Überleben zu ermöglichen.

Das gibt auch Kraft. Wir können uns fragen, ob das wirklich ein Verzicht ist und merken vielleicht, dass manche uns lieb gewordene Dinge oder Rituale überflüssig sind. Durch die Beschränkungen, den Stillstand werden viele kreativ und sehen, welches Potential gerade frei wird.

Auch wenn wir innerhalb unserer Gesellschaft nicht denselben Riss verspüren, der durch die amerikanische Gesellschaft geht, zeigt sich doch auch hier eine hohe Ungleichheit, die durch die Krise viel deutlicher hervortritt. Während für die einen Solidarität und familiäre oder nachbarschaftliche Fürsorge großgeschrieben wird, werden andere ausgeschlossen. Das betrifft vor allem die Menschen, die in Erstaufnahmeeinrichtungen für Geflüchtete leben müssen. Sie haben nicht die Möglichkeit, auf Distanz zu gehen. Im Gegenteil, sie sind auf engstem Raum in Mehrbett-Zimmern untergebracht und werden gezwungen, mit allen Bewohner*innen zur gleichen Zeit zum Essen zu erscheinen. Und wenn Corona-Fälle auftreten, wird die ganze Einrichtung unter Quarantäne gestellt. Dabei war lange schon vor der Situation gewarnt worden, und es hätte genug Zeit und Möglichkeiten gegeben, solche Katastrophen zu verhindern, wie sie nun reihenweise passieren. Ob in Ellwangen, Bremen, Hennigsdorf (FN 1), … überall wiederholt sich das, wovor viele Organisationen lange bereits gewarnt haben. Denn diese Menschen scheinen genauso wenig dazuzugehören, wie die Menschen in den Lagern auf den griechischen Inseln. Wir schauen weg und verschließen die Augen, verbergen den Mund hinter Masken, statt aufzubegehren und messen mit zweierlei Maß, was das Retten von Menschen betrifft.

In seinem Artikel „The Coronation“ (Die Krönung, FN 2) zieht der US-amerikanische Kulturphilosoph und Autor Charles Eisenstein andere Daten heran und kommt zu ähnlichen Schlüssen, wenn er bemerkt, dass laut Welternährungsorganisation allein im letzten Jahr weltweit fünf Millionen Kinder an den Folgen von Unterernährung gestorben sind (FN 3). Dennoch hat „bisher keine Regierung den Notstand erklärt oder uns aufgefordert, unsere Lebensgewohnheiten radikal zu verändern, um diese Kinder zu retten.“ Dem stellt er die wachsenden Probleme von Fehlernährung und Fettleibigkeit (FN4), hohen Selbstmordraten und der hohen Anzahl von Drogentoten gegenüber. Angesichts der bedrohlichen Veränderungen hinterlassen sie genauso wie die atomare Bedrohung und der ökologische Kollaps ein hilfloses Gefühl. Und da resümiert Eisenstein: „Wenn wir unser Verhalten wegen COVID-19 so radikal verändern können, dann können wir es für diese anderen Zustände genauso tun.“

Einerseits wissen wir alles über diese Zustände, andererseits aber wissen wir nicht, wie wir sie bewältigen können. Wir wissen nicht, was zu tun ist, weil wir diesen Herausforderungen nicht mehr durch die Anwendung der alten mechanistischen Systeme begegnen können. Wir können sie nicht mit unseren bisherigen Denk- und Handlungsmustern überwinden. Demgegenüber sieht Eisenstein die Corona-Krise als eine Situation, in der alte Mechanismen wie Kontrolle noch funktionieren (Kontrolle über den Körper durch Händewaschen, Ausgangssperre, Tracking, Isolierung, Informationskontrolle, Quarantäne). Eisenstein verweist auf die Gefahr, dass sich die Kontrollmaßnahmen zum Dauerzustand ausweiten könnten und dasIdeal der Freiheit dem der Sicherheit geopfert würde.

Und noch ein paar andere Frage beschäftigen ihn, die jede*r für sich beantworten muss: Was ist die richtige Art zu leben? Und was ist die richtige Art zu sterben? Und sollten wir uns nicht auch damit befassen, wie wir helfen können, „gut“ zu sterben?

Wenn wir nicht in die Welt zurück möchten, die unseren Kindern durch permanent übersteigerte Wachstumsziele die Zukunft raubt, in welcher Welt möchten wir dann leben? Wie stellen wir uns die Welt vor, in der wir alle leben können und ein zufriedenstellendes Auskommen haben? Wie können wir den uns nachfolgenden Generationen einen Planeten mit sauberem Wasser zum Trinken hinterlassen, mit reiner Luft zum Atmen, mit genügend Nahrung für alle?

Wir brauchen viel Inspiration, um einen anderen Weg einzuschlagen. Wir brauchen Kraft und Hingabe und den Glauben daran, dass es möglich ist, diesen Wandel herbeizuführen. Wir brauchen gerade jetzt auch Utopien, denn diese Transformation betrifft die Gesellschaft als Ganzes.

Und es stimmt mich hoffnungsfroh, dass immer mehr Menschen daran arbeiten (FN 5).

FN 1: Der Flüchtlingsrat Brandenburg hat am 30. April 2020 zwei Briefe der Bewohner*innen einer Unterkunft in Hennigsdorf zu ihrer Situation veröffentlicht: https://www.facebook.com/FluechtlingsratBrandenburg/photos/pb.525378894300046.-2207520000../1424133967757863/?type=3&theater. Siehe auch Monitor (https://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/corona-fluechtlingsunterkunft-100.html).

FN 2: Charles Eisenstein: Die Krönung: Quelle: https://charleseisenstein.org/essays/die-kronung/ (letzter Aufruf, 4. Mai 2020, 12:12 h)

FN 3: Die Welthungerhilfe rechnet vor, dass alle zehn Sekunden ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen von Hunger stirbt. Insgesamt hungern 822 Millionen Menschen, und 2 Milliarden leiden an Mangelernährung. „Dabei gibt es genug Nahrung, Wissen und Mittel für alle.“ Quelle: https://www.welthungerhilfe.de/hunger/; zuletzt aufgerufen am 4. Mai 2020, 11:18 h)

FN 4: Weltweit lassen sich rund 4 Millionen Todesfälle mit Übergewicht und Fettleibigkeit in Verbindung bringen. Von Adipositas ist besonders bei Kindern und Jugendlichen (insbesondere Schulkindern) armer Familien ein gravierender Anstieg zu verzeichnen. Quellen: https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/presse/2019/unicef-bericht-schlechte-ernaehrung-gefaehrdet-kinder/201632; https://www.tagesanzeiger.ch/wissen/medizin-und-psychologie/aegypter-sind-die-dicksten/story/22350985).

FN 5: Zum Weiterlesen, z. B.:
https://www.fu-berlin.de/sites/nachhaltigkeit/stabsstelle/kommunikation/aktuelles/Corona-Sustainability-Compass.html
– https://www.greenpeace.de/themen/umwelt-gesellschaft/die-krise-als-chance
https://www.deutschlandfunkkultur.de/coronakrise-und-klimaschutz-germanwatch-demokratie-staerken.1008.de.html?dram:article_id=472926

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