„Vitamin P“

Für ein partnerschaftliches Zusammensein

Das Telefon klingelt. Marissa nimmt den Hörer ab und hört die euphorische Stimme der 17-jährigen Marah: „Ich habe es geschafft! Ich habe die Biologie-Präsentationsprüfung für meinen Mittelschulabschluss bestanden!“ Marissa, die ihr am Vorabend nochmal viel Glück gewünscht hatte, ist stolz. Was für die meisten Schüler*innen der zehnten Klasse eine lästige Prüfung ist, markiert für Marah einen Meilenstein in ihrem Leben. Denn Marah ist erst vor zwei Jahren mit ihrer Familie aus Syrien nach Deutschland gekommen. Nun sitzt sie mit Muttersprachler*innen in einer Klasse und bereitet sich auf ihre Zukunft vor. Dass Marah solche Berge versetzt, hat sie nicht zuletzt Marissa und dem Projekt „Chancen-Partnerschaften im Übergang zwischen Schule und Beruf“, kurz „Vitamin P“ zu verdanken (FN 1).

Die 26-jährige Marissa hatte durch eine Sozialarbeiterin von dem Projekt gehört. Zwei Wochen später saß sie dann bei der Projektleiterin Asal Kalantarian im Büro. Gemeinsam suchten sie für Marissa ein Patenkind nach dem Motto „Das, was ich am besten kann, das gebe ich weiter.“ Für Marissa war die Flexibilität des Projekts ein großer Pluspunkt, denn sie arbeitet in einem Start Up mit langen Arbeitszeiten und muss auch oft ins Ausland. Zusammen mit Asals Hilfe konnte sie trotzdem ein Patenkind finden. So kam es, dass Marah und Marissa seit letztem August eine erfolgreiche Patenschaft bilden.

Das Programm wird am Standort Berlin von der Iranischen Gemeinde e.V. geleitet und vom Bundesministerium für Familien, Frauen, Senioren und Jugend gefördert unter dem Dachverband für interkulturelle Wohlfahrtspflege (ViW)(FN 2) für Empowerment und Diversity (FN 3).

Seit April letzten Jahres hat das Projekt über fünfzig Patenschaften in Berlin initiieren können. Ziel des Projekts ist es, Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von vierzehn bis siebenundzwanzig Jahren aus bildungsbenachteiligten Umständen, die keinen Ansprechpartner in Bezug auf Studium, Ausbildung, Schule oder Ähnliches haben, eine solche Person zur Seite zu stellen. Durch einen Mentor soll zudem die Kluft zwischen der Kultur in den eigenen vier Wänden und dem auf dem Schulhof, mit denen sich sehr viele Jugendliche konfrontiert sehen, überbrückt werden. Ein Mentor soll genau diese Brückeninstanz für die Patenkinder seien. Es geht jedoch nicht primär um Jugendliche mit einer Migrationsgeschichte, sondern um all diejenigen, die sich fragen: „Hey, wie läuft das hier so? Wie geht das?“

Des Weiteren veranstaltet das Projekt regelmäßig Stammtische und Feiern, damit die Patenkinder und Paten sich untereinander kennenlernen. „Durch die Mentoren sollen den Patenkindern viele Türen eröffnet werden, mit denen sie wiederum neue Netzwerke gründen können. Denn Netzwerke sind die Grundlage für eine erfolgreiche und schöne Zukunft“, so die Projektleiterin. Den Paten werden Fortbildungsmöglichkeiten geboten, damit sie ihren Patenkindern besser helfen können, wie zum Beispiel durch eine Teilnahme an Trauma-Sensibilisierungs-Workshops. Durch diese Workshops lernen die Paten besser mit den eventuellen Bedürfnissen ihrer Patenkinder umzugehen.

Aber nicht nur für Marah, sondern auch für Marissa ist das Projekt sehr wertvoll. Sie lernt eine neue Kultur kennen und kann sich nachhaltig engagieren und einen für sich wichtigen Beitrag leisten. „Meistens gehe ich zur Wohnung von Marah. Wir essen gemeinsam mit ihrer Familie, trinken Kaffee und quatschen. Anschließend gehen wir spazieren. Manchmal kommt Marah auch zu mir, um Filme zu schauen oder für die Schule zu lernen.“

Die Zeit, die ein Mentor mit seinem Patenkind verbringt, soll nicht erzwungen sein. Die gemeinsamen Treffen sollen schön sein, damit daraus dann auch eine Freundschaft entstehen kann. Genau dann hat ein Pate oder eine Patin auch Einfluss auf das Patenkind. Wichtig ist auch, dass die Paten Geduld mitbringen. Denn die Patenkinder haben oft schwere Erfahrungen durchgemacht. Doch wer am Ball bleibt, kann ein Leben nachhaltig verändern. Sachen, die man tagtäglich macht, können einen jungen Menschen bereichern. Sei es Kochen, Sport, Malen oder das Rumschrauben am Auto. Durch jegliche Unterstützung kann man ein großes Danke bekommen.

„Schön wäre es, wenn die Menschen ihr Engagement während der Corona-Zeit nicht fallen lassen. Wir brauchen gerade solche Menschen, Hochschulen, Vereine, Mütter, Väter, Rentner und alle weiteren, die Lust haben, sich einmal die Woche für eine Stunde um jemand anders zu kümmern. Alle diejenigen sollen sich sehr gerne bei mir melden. Danke schön,“ so Asal.

Kaffee trinken und Spazieren gehen steht erstmal an zweiter Stelle für Marah und Marissa. Jetzt, da Marah ihren Mittelschulabschluss in der Tasche hat, will sie auch noch ihr Abitur machen, um danach Pharmazie zu studieren. Denn Marah will eines Tages Apothekerin werden. Dabei kann sie immer auf die Unterstützung ihrer Freundin Marissa zählen.

 

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FN 1: „Vitamin P“ wird in Berlin von der Iranischen Gemeinde organisiert: http://iranischegemeinde.org/de/patenschaftsprojekt-vitamin-p

FN 2: Verband für interkulturelle Wohlfahrtspflege: http://viw-bund.de

FN 3: Insgesamt hat das Projekt „Vitamin P“ noch fünf weitere Standorte in Potsdam, Hannover, Darmstadt, Dortmund und Eberswalde, die alle von verschiedenen Migrant*innenorganisationen geleitet werden.

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Kontakt: „Vitamin P“ in Berlin:
Website: http://iranischegemeinde.org/de/patenschaftsprojekt-vitamin-p,
Email: asal.kalantarian@iranischegemeinde.de,
Instagram: @Patenschaftenvitaminp,
Facebook: Patenschaftsprogrammvitaminp

 

Geschrieben von
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