Bist du für mich da?

von Hareth Almukdad und Stefan Hage

Viele Geflüchtete haben Angst vor der Polizei. Diese aber bemüht sich um Vertrauen – gelingt das?

„Ich weiß, dass es nicht nötig ist, aber, ganz ehrlich, meine Beine zittern!“ Hareth Almukdad als erfahrener Journalist und Stefan Hage – beide von kulturTÜR – stehen vor dem Haupteingang des Sitzes der Polizeipräsidentin von Berlin am Platz der Luftbrücke. Hareth versucht zu verstecken, dass er aussieht wie ein Lamm vor der Höhle des Löwen. Wir sind verabredet mit Thilo Cablitz, dem Pressesprecher zu einem Gespräch über das Thema, was die Polizei unternimmt, um in der Bevölkerung als „Helfer bei Problemen“ anerkannt zu sein. Anerkennung muss man sich bekanntlich verdienen. Die Polizei weiß, dass viele Bürger Vorbehalte haben. Woher kommen diese? Was kann man dagegen tun?

Angst ist immer mit dabei

Zum Beginn des Gesprächs erklären wir, warum wir mit der Pressestelle der Polizei sprechen wollten. Es gab eine breit angelegte Werbekampagne. Man konnte in der ganzen Stadt in Großbuchstaben lesen DA FÜR DICH. Die Polizei möchte tatsächlich für MICH da sein?

Wir berichten von den Erfahrungen der Syrer mit der Polizei in ihrem Heimatland. Viele haben traumatische Situationen, Folter und Schläge erleben müssen. Hareth Almukdad erlebte dies hautnah: „Man wechselt die Straßenseite, man versucht sich unsichtbar zu machen und schaut in die entgegengesetzte Richtung, wenn man Polizisten irgendwo sieht. Viele laden patrouillierende Polizisten auf einen Tee ein – um sich mit ihnen gut zu stellen und um später fair behandelt zu werden, wenn man denn mal Probleme bekommt. Üblicherweise müssen Polizisten nicht bezahlen, wenn sie in einem Geschäft etwas kaufen – zumindest traut sich niemand von ihnen Geld zu verlangen. Kurz gesagt: die Angst vor der Polizei ist groß.“ Angekommen in Deutschland spüren die Syrer, dass sie diese Angst auf der Flucht nicht abschütteln konnten.

Hareth Almukdad weiß längst, dass hier in Deutschland die Polizei anders ist: „Als ich vor ein paar Monaten einen Tisch übers Internet verkaufen wollte, meldete sich ein Interessent. Wir verabredeten uns für den Folgetag morgens 8 Uhr. Pünktlich klingelte es an der Tür. Als ich aufgemacht habe, erstarrte ich für einen Moment. Vor mir standen zwei Polizisten in voller Uniform. Dabei habe ich doch gar nichts gemacht! Einer sagte schnell, ich solle keine Angst haben, er kommt nur, den Tisch abzuholen. Wie ich in die Wohnung ging, den Tisch zu holen, sagte meine Frau, dass sie ihn sicher nicht bezahlen werden und ich lieber nicht nach dem Geld fragen sollte. Aber die Polizisten waren total nett, bezahlten den Tisch wie vereinbart und verabschiedeten sich freundlich. Nach ein paar Minuten beruhigte sich endlich mein Puls.“ Thilo Cablitz zeigte sich betroffen und verwundert. Nicht nur, wegen dieser großen Angst, sondern auch, weil die Kollegen zum Tisch-kaufen keine Uniform tragen sollten.

Unzählige Geschichten über die Angst vor der Polizei hört er von Leuten, die in Syrien Folter und Willkür erlebt haben. Die Angst bleibt und wird insbesondere von den Erwachsenen vorgelebt. „Viele wissen nicht, wie sie sich verhalten müssen und dürfen oder was die Polizei darf und was nicht. Bei Problemen geht kaum jemand zur Polizei. Alles wird untereinander geklärt – nicht immer nur mit der Zunge, sondern leider auch mit der Hand, aber niemand würde die Polizei rufen.“ Nicht nur, aber insbesondere unter den Geflüchteten gilt die Polizei nicht als anerkannte Hilfe bei Problemen. Wir haben dies als Frage an Herrn Cablitz gegeben. Die Polizei hat im Landeskriminalamt (LKA) Ansprechpersonen, die explizit dahingehend ausgebildet und zuständig sind, in Bezug auf interkulturelle Besonderheiten präventiv zu agieren, zu beraten und vieles mehr. Auch gibt es das Netzwerk VIA = Vielfalt, Inklusion, Akzeptanz welches von der Polizei sowohl nach innen als auch nach außen wirken soll. Bei Gesprächen z.B. mit dem Afrika Medien Zentrum hatte Herr Cablitz schon Erfahrungsaustausche zum Thema Angst vor der Polizei: „Gespräche wie diese tragen dazu bei, Sorgen und Ängste nehmen zu können.“ Medienkampagne „Da für Dich“ an.

Da für Dich

An diesem Punkt setzt die Medienkampagne „Da für Dich“ an. Herr Cablitz erklärt dazu: „Es ging darum nochmal klar zu sagen, für wen wir da sind. Wir sind für alle da. Wir sind dafür da, dass Grundrechte gewahrt bleiben. Wenn Sie ein Problem haben und auch wenn Sie dieses Problem mit der Polizei selbst haben, auch dann sind wir für Sie da. Auch und sogar gerade in diesem Fall ermittelt die Polizei. Niemand muss in Deutschland Angst haben, dass er von der Polizei grundlos mitgenommen oder gar gefoltert wird. Das ist nicht gestattet und für mich undenkbar. Ich will nicht sagen, dass es den einen oder die andere gibt, der oder die über die Stränge schlägt. Das würde ich niemals anzweifeln. Aber zu 99,999 % sind die Kollegen für die Bevölkerung und für die Grundrechte da.“

Die berlinweite Kampagne „Da für Dich“ wurde 2016 entwickelt, 2017 gestartet. Cablitz war als damaliger Leiter der Öffentlichkeitsarbeit daran beteiligt: „Wir haben einen Slogan gesucht, der zu Berlin passt und ganz klar zum Ausdruck bringt, warum wir Polizisten geworden sind. Wir sind das nicht, weil wir Waffen toll finden oder weil wir auf Uniformen stehen – wobei, da gibt’s vielleicht doch ein paar Kollegen (er lacht dazu), sondern um uns für andere einzusetzen, die sich selbst nicht wehren können, um Täter zu ermitteln und um Straftaten zu verfolgen.“

In Syrien gab es den Slogan „Die Polizei dient dem Menschen“. In Verbindung mit den Erfahrungen der Syrer hat dies einen grotesken Beigeschmack. „Ich habe nur zwei Sekunden auf einer Demonstration für Freiheit gefilmt und saß dafür drei Monate im Gefängnis – obwohl ich eine Journalistenlizenz hatte“, erklärt Hareth Almukdad, „und dann lese ich in Berlin den Slogan ‘Da für Dich’ mit der gleichen Aussage.“

Herr Cablitz erlebte die Wirkung von ‘Da für Dich’ in der Bevölkerung als ambivalent: „Manche waren hellauf begeistert und sagten, ‘das bringt es auf den Punkt’ und andere meinten, als sie neulich angehalten wurden, war das einzige, was für sie da war: ein Strafzettel. Wir können aber auch Ihre Erlebnisse auf Demonstrationen vergleichen. Es sind sehr unterschiedliche Leute bei den Demos und wir schützen sie alle – auch wenn es zu Gewalttätigkeiten kommt, auch wenn Steine oder Flaschen auf uns geworfen werden, dann schützen wir alle anderen bei ihrem Protest. Wir holen uns dann nur die, die Flaschen werfen. Als ich noch Funkwagen gefahren bin, habe ich oft hören müssen, dass ganz Berlin die Polizei hasst. Auch ich wurde mit Steinen beworfen und trotzdem haben wir alle anderen weiter ihren Protest machen lassen. Wir holen aber sicher keinem raus, der eine Kamera hochhält – es sei denn, er will damit werfen.“

Für das Image, für Vertrauen

Gab es einen konkreten Grund, einen Imageschaden, weswegen die Berliner Polizei „Da für Dich“ gestartet hat? „Es gab mehrere Auslöser. Zum einen hatten schon andere Bundesländer mit ähnlichen Kampagnen vorgelegt, zum anderen gab es davor nur kleinere Kampagnen, aber keine so große und umfassende. Weiter gab es eine steigende Anzahl von Übergriffen auf Kollegen. Natürlich ging es uns auch um die Nachwuchsgewinnung für die Polizei. Wir wollten mit unserem Rollen- und Selbstverständnis auch bis zu den Bürgern durchdringen und ganz klar und unmissverständlich darstellen für wen wir da sind. Und wir sind für alle da – für alle 185 Nationen in Berlin.“

„Kriminalität hat keine Nationalität“
unterstreicht Thilo Cablitz in unserem Gespräch. Wenn sich jemand z.B. wegen seiner Nationalität grundlos schlecht behandelt fühlt, kann er sich bei der Polizei über die Polizei beschweren und sogar Anzeige erstatten. Bei Tätlichkeiten von Polizisten gegenüber Zivilisten ist dies hingegen nicht nötig. Denn dann stellt die Polizei selbst gegen den Kollegen Anzeige. „Leider gibt es, wenn auch sehr selten, Kollegen die über die Stränge schlagen. Das muss die Polizei ahnden wie bei jedem anderen auch – schon um einen Imageschaden zu vermeiden.“

Hareth Almukdad hatte aber für Thilo Cablitz einen konkreten Vorschlag: „Es sollte direkt vor Ort z.B. in den Gemeinschaftsunterkünften mehr Aktionen der Polizei geben. Meistens kommt die Polizei erst wenn es Probleme gibt. Wer aber erklärt den Geflüchteten vorher, was die Polizei genau macht und was sie nicht macht, damit es nicht zu Problemen kommt. Was darf Polizei in Berlin und wann greift sie ein. Gibt es so etwas – den direkten Kontakt mit Geflüchteten?“

In den einzelnen Abschnitten, erklärt Cablitz, gibt und gab es unterschiedliche Aktionen. In den Flugzeughangern am Tempelhofer Feld gab es tatsächlich auf Initiative der Polizei Präventivveranstaltungen, die das Ziel hatten, genau dies zu erklären. Von einheitlichen Programmen in ganz Berlin wusste er adhoc nichts. Es gibt viele gute Beispiele von Kooperationen mit Schulen: „Wenn Sie genau das für Ihre Schule möchten, dann kommen Sie bitte direkt zu uns. Garantiert kommt dann ein Kollege zu einem Gespräch. Dies ist absolut in unserem Interesse“, erklärt Cablitz.

War die Kampagne erfolgreich?

„Ich bin froh, dass sie durchgedrungen ist – nicht überall wurde sie positiv aufgenommen, aber sie wurde wahrgenommen“, beginnt Thilo Cablitz. „Sogar intern wurde die Kampagne unterschiedlich angenommen. Manche konnten damit gar nichts anfangen. Genau hier in diesem Raum saßen wir mit der ganzen Kommission zur Auswahl eines Slogans. Und da haben viele gesagt, ‘ja, genau dafür sind wir doch irgendwann mal Polizisten geworden’. Wir haben noch keine umfassende Auswertung gemacht. Jedoch gab es Bachelorarbeiten über die Wirkung nach innen.

Auch hat die beteiligte Agentur untersucht, wie die Kampagne im Internet ankam und wie oft einzelne Elemente aufgerufen wurden. Die Ergebnisse sind durchaus positiv. Zu den Plakaten gab es unzählige Rückmeldungen, die zumindest zeigten, dass die Aktion wahrgenommen wurde. Klar, mussten auch einige Plakate aus Protest beschmiert werden. Das ist unschön – zeigt aber, dass sich die Menschen damit befasst haben. Wir hatten das Ziel alle in der Bevölkerung zu erreichen.

Wenn man eine ältere Frau gefragt hätte, wofür A.C.A.B.* steht, dann hätte sie das vermutlich nicht gewusst. Wenn Sie dann aber beim Kaffeetisch ihren Enkel fragt, was er denn da auf seinem Arm tätowiert hat und sie hätte dies in der Stadt auch auf einem Plakat gelesen, dann beginnt sie zu hinterfragen und dann wird in der Bevölkerung darüber diskutiert, ob das gut ist oder nicht. Wichtig ist doch, dass darüber geredet wird. Auch das Sie hier sind und wir dieses Gespräch führen können, zeigt dass die Kampagne in der Bevölkerung bemerkt wurde.“ Trotz allem, fasst Herr Cablitz zusammen, fühlt er keine steile Verbesserung jedoch auch keine Verschlechterung des Polizeiimage in der Bevölkerung. Dies konnte die Kampagne nicht bewirken. „Ich hoffe aber sie konnte dazu beitragen, dass Schritt für Schritt mehr Menschen, die Polizei in ihrem Auftrag anerkennen und sich trauen ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn sie es benötigen.“

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* Die Abkürzung A.C.A.B. steht für „All cops are bastards“, im Deutschen etwa „Alle Bullen sind Schweine“ und wird vor allem von Jugendlichen in Subkulturen verwendet. Es findet sich als Graffiti auf zahllosen Hauswänden wieder und zählt als strafrechtlich relevante Beleidigung.

 

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