Über die Umbenennung von Straßen

und mein weißes Privileg, mir keine Gedanken machen zu müssen

 

 

Über 25 Jahre wurde die Umbenennung der Mohrenstraße gefordert. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben im Juli 2020 eingelenkt, weil sie sich von jeglicher Art von Rassismus distanzieren wollen. Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD-Bund e. V.) schlug die Umbenennung in Anton-Wilhelm-Amo-Strasse vor, nach dem ersten schwarzen Philosophen in Deutschland.[1] Mit dieser Namensgebung würde eine abwertende und diskriminierende Bezeichnung wegfallen und die deutsche Kolonialgeschichte in Afrika nicht einfach beiseite gewischt, sondern ein kritischer Blick auf diese ermöglicht werden. Am 20. August hat nun die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Mitte dieser Namensänderung zugestimmt und das Bezirksamt Mitte zur unverzüglichen Umbenennung aufgefordert.

Nicht nur die Mohrenstraße ist von dieser postkolonialen Kritik betroffen. In einem gesamtstädtischen Konzept forderte auch das Bündnis „Decolonize Berlin“ für Steglitz-Zehlendorf die Umbenennung des Maerckerweges[2] in Lankwitz und den Abbau einer Skulptur in der Leuchtenburgstraße in Zehlendorf.[3] Die Onkel-Tom-Straße in Zehlendorf stand lange nicht auf der Liste.

Nun wird auch über sie sowie über die Umbenennung des U-Bahnhofs Onkel-Toms Hütte debattiert. Bisher fand ich den Namen für einen U-Bahnhof im wohlhabenden Zehlendorf eher amüsant und hatte mich nie mit dem Hintergrund beschäftigt. Onkel Tom klang erst einmal vertraulich und unschuldig. Und nicht ganz so ernsthaft wie Oskar-Helene-Heim, Thielplatz, Bismarck- oder Richard-Wagner-Straße, sondern eher etwas heimelig. Als ich dann zum ersten Mal von der Online-Petition gehört habe, die Moses Pölking zur Umbenennung des Bahnhofs im Juli startete, wollte ich nichts davon wissen und dachte nur „Nicht schon wieder“, aber dann haben mich seine Argumente und der Hintergrund doch interessiert.

Onkel Toms Hütte ist der Titel eines Romans von Harriet Beecher Stowe aus dem Jahr 1852. Er erzählt die Geschichte eines schwarzen Sklaven in den USA, der zweimal verkauft wird, jede Erniedrigung erträgt, zu Tode misshandelt wird und dennoch nicht von seinem christlichen Glauben ablässt und am Ende seinen Peinigern vergibt. Beecher Stowe, Pfarrerstochter und Ehefrau eines Theologieprofessors, bezieht sich dabei auf die Autobiografie von Josiah Hensons, eines Pfarrers, der ihr als Vorbild von Onkel Tom diente. Anders als Onkel Tom gelang es ihm jedoch, 1830 nach Kanada zu fliehen.[4]

Mit ihrem Buch, in dem sie sich klar gegen die Sklaverei wendete, erhielt Beecher Stowe große Aufmerksamkeit – vor allem unter ihren weißen Landsleuten.[5] Viele schwarze Menschen standen dem Roman von Anfang an jedoch kritisch gegenüber, denn er reproduziert auch rassistische Stereotype. Für sie stellt der Begriff des „Onkel Tom“ eine Beleidigung dar, denn er bezeichnet jemanden, der sich „freiwillig“ unterordnet, nicht aufbegehrt und andere aus seiner Gruppe verrät. Vielmehr noch handelt ein „Onkel Tom“ nicht im Sinne anderer Schwarzer, sondern dient sich Weißen an. Auch heute noch wird der Begriff ausschließlich im negativen Sinn verwendet. Pölking erläutert in einem ZEIT-Interview, dass selbst in der Psychologie heute noch vom Onkel-Tom-Syndrom gesprochen wird. Er sagt dazu: „Es beschreibt Schwarze Menschen, die sich selbst unterordnen, um von Weißen nicht als Bedrohung wahrgenommen zu werden. Diesen Minderwertigkeitskomplex gibt es bis heute. Und genau das ist das Problem bei der Bezeichnung.“[6]

Vielfach wird heute bei uns im Bezirk darauf hingewiesen, dass die Namensgebung in Zehlendorf auf ein beliebtes Ausflugslokal zurückgeht, die nichts mit dieser Geschichte zu tun habe. Der Wirt namens Thomas, ein Fan von Beecher Stowe, habe sein Lokal doppeldeutig „Onkel Toms Hütte“ genannt. 1929 wurde der Name dann auch auf den neueröffneten U-Bahnhof übertragen. Und im April 1933 benannten die Nationalsozialisten auch die ehemalige Spandauer Straße in Onkel-Tom-Straße um.[7]

Die BVG hat bereits klargestellt, dass der U-Bahnhof nur umbenannt wird, wenn auch die Straße einen anderen Namen bekommt. Damit hat sie die Entscheidung an die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Steglitz-Zehlendorf abgegeben. Wann und wie wird diese darüber entscheiden?

Die CDU lehnt eine Umbenennung jedenfalls kategorisch ab, wie Clemens Escher in der Berliner Woche klarstellt.[8] Wozu schlägt er dann noch vor, dass die Stadtbibliotheken im Bezirk Lesungen aus dem Buch veranstalten und im Anschluss mit dem Publikum diskutieren sollten? Die Initiative hat der Tagesspiegel bereits ergriffen und seine Checkpoint-Leser*innen eingeladen, über die Umbenennung zu diskutieren. Dazu will er auch eine Initiative gründen, das Buch gemeinsam zu lesen.[9]

Nachdem ich die Argumente gehört habe und jetzt so darüber nachdenke, schäme ich mich schon ein bisschen für meine bisherige Gedankenlosigkeit und meine Rassismus-Blindheit. Wenn man sich mit der Geschichte befasst, wird schnell klar, dass auch dieser Name – gute Absicht hin oder her – nicht frei von Rassismus ist! Wir benennen unsere Straßen doch nach Vorbildern, denen wir nacheifern und an die wir uns gerne erinnern möchten, die uns beflügeln und denen wir damit Denkmäler setzen wollen … Und dann nennen wir stolz ihre Namen! Ein „Onkel Tom“ beflügelt nicht, er diffamiert. Das sollten wir eingestehen.

Und was sagen Sie als Zehlendorfer*in dazu?

Schicken Sie uns Ihre Meinung gerne an redaktion@drk-berlin.de.

 

 

[1]           Anton Wilhelm Amo lebte etwa zwischen 1703 und 1757 und war der erste bekannte schwarze Jurist und Philosoph in Deutschland. Als Kleinkind wurde er aus Westafrika (dem heutigen Ghana) verschleppt und versklavt und in Europa an Adelige verschenkt. Am Hof von Braunschweig-Wolfenbüttel erhielt er eine humanistische Bildung, besuchte die Ritterakademie, die Universität Helmstedt und promovierte in Halle. In seiner auf Lateinisch gehaltenen Disputation beschäftigte er sich mit der Rechtsstellung von Afrikanern in Europa (siehe auch: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/berlins-senat-stoppt-umbenennung-der-mohrenstrasse-16853813.html).

[2]           Die Initiative Eine Welt Stadt Berlin schreibt dazu auf ihrer Webseite: „Georg Maercker war ein Kolonialoffizier, der an der Unterwerfung der Swahili-Küstenbewohner*innen in der Kolonie »Deutsch-Ostafrika« (1888–1890) und der antikolonialen Yìhétuán in China (1898–1901) sowie am Völkermord an den Herero und Nama (1904–1908) beteiligt war. Er war Mitbegründer des 1922 gegründeten »Deutschen Kolonialkriegerbundes« und dessen erster Präsident. Im Nationalsozialismus wurde er verehrt.“ Die Straße trägt seit 1936 seinen Namen. (https://eineweltstadt.berlin/publikationen/stadtneulesen/maerckerweg/
https://eineweltstadt.berlin/themen/dekolonisierung/ein-gesamtstaedtisches-konzept-zu-berlins-kolonialer-vergangenheit/)

[3]          Seit 1985 gab es Diskussionen um die Skulptur „Negerin“ aus dem Jahr 1920. Sie ist vom Bildhauer Arminius Hasemann, der ab 1932 für die NSDAP-Ortsgruppe Zehlendorf als „Kulturwart“ tätig war. Im Januar 2020 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung zwar die Entfernung der Skulptur und die Übergabe an das Proviantmagazin der Zitadelle Spandau. Dies passierte aber erst, nachdem ihr im Juni der Kopf abgeschlagen wurde. (siehe auch: https://www.rbb24.de/kultur/beitrag/2020/06/steinskulptur-zehlendorf-arminius-hasemann-berlin-denkmal-bvv-protest-zitadelle-spandau.html, sowie https://www.deutschlandfunkkultur.de/skulpturenposse-in-berlin-der-schwierige-umgang-mit.1013.de.html?dram:article_id=480110).

[4]           Er schrieb 1849 seine Autobiographie „Das Leben des Josiah Henson, früher Sklave, heute Einwohner Kanadas, von ihm selbst erzählt“ (https://en.wikipedia.org/wiki/Josiah_Henson). Sie soll Beecher-Stowe als Vorlage gedient haben (https://de.wikipedia.org/wiki/Harriet_Beecher_Stowe).

[5]          Heute zählt es zur Weltliteratur. Wer sich mit dem Thema der Sklaverei aus der Perspektive von Schwarzen beschäftigen möchte, dem sei beispielsweise der Roman „Menschenkind“ (Beloved) von Toni Morrison empfohlen (Rowohlt 1989).

[6]           https://www.zeit.de/sport/2020-07/rassismus-debatte-berlin-moses-poelking-petition

[7]          https://de.wikipedia.org/wiki/Onkel_Toms_Hütte

[8]          https://www.berliner-woche.de/zehlendorf/c-politik/die-bvv-steglitz-zehlendorf-reagiert-mit-ablehnung-und-verstaendnis-auf-wunsch-nach-umbenennung_a281422

[9]          Siehe auch Tagesspiegel vom 1.08.2020, Seite 6, und vom 7.08.2020, Seite 10.

Geschrieben von
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