Krisenerprobt in der Abwehr gegen unsichtbare Feinde

Berlin bringt im langen Kampf gegen Seuchen Forscher von Weltruhm hervor

 

„Tarrou fand, …, man fasse die baldige Öffnung der Tore und die Rückkehr zu einem normalen Leben ins Auge. Zugegeben, sagte Cottard, zugegeben, aber was heißt Rückkehr zu einem normalen Leben?“

So ähnlich wie dieses Gespräch in Albert Camus’ Buch „Die Pest“ von 1950 nachzulesen ist, könnte auch heute eine Unterhaltung über das Corona Virus ablaufen, oder?

Die lebensgroße Nachbildung eines Pestarztes, ausgestellt im Märkischen Museum in Berlin, zeigt, wie sich Ärzte während der Berlin-Cöllner Pest-Epidemien im 16. und 17. Jahrhundert in gewachsten Schutzanzügen mit Schnabelmasken, gefüllt mit Kräutern und Essigschwämmen, zu schützen versuchten. Man nannte sie auch die Schnabeldoktoren. Allein gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 soll die Epidemie in Berlin 5.000 Menschen ihrer einst 10.000 Einwohner dahingerafft haben. Im Laufe der zahlreichen Pest-Wellen, einer von Rattenflöhen übertragenen bakteriellen Infektionskrankheit, starb in Deutschland jeder zehnte Einwohner.

Die letzten Pestepidemien erreichten Europa im 18. Jahrhundert. Im Frühjahr 1710 ordnet König Friedrich I. von Preußen die Errichtung eines Lazaretts an. Es gibt in Berlin einen Shutdown, die Stadttore werden verriegelt, Wachposten stehen an Straßen, Kirchen- und Marktbesuche werden verboten. Isoliert vor den Toren entsteht ein Pesthaus, der Vorläufer des heutigen Universitätsklinikums Charité – zu deutsch Barmherzigkeit –, weil dort zunächst Hilfsbedürftige versorgt werden. Das Bürger-Lazarett wird ab 1810 eine bekannte Lehr- und Forschungsstätte.

Berlin wird weiterhin nicht von Seuchen verschont. Zunächst als lokale Epidemie 1817 in Indien ausgebrochen, erreicht die Cholera als Pandemie Ende 1830 Berlin, die durch das Bakterium Vibrio cholerae meist über verunreinigtes Trinkwasser oder Speisen übertragen wird, wie der Mitbegründer der modernen Mikrobiologie Robert Koch 1876 entdeckt hat. In Zeiten, in denen Städte wuchsen und damit auch die Armenviertel, hatten Seuchenverbreitungen leichtes Spiel. Mangelnde Hygiene, Krieg, Flüchtlingselend und Hunger brachten – wie heute auch – die sozialen Umstände, unter denen die Gesellschaften lebten, ans Tageslicht. Und es gab Verschwörungstheorien und antisemitische Verleumdungen und sogar – wie zur Zeit der Pest – schreckliche Judenpogrome.

Rudolf Virchow, Begründer der modernen Sozialhygiene, prangerte 1848 die mangelnde Bildung als Ursache von Cholera und Typhus an. Er untersuchte die Lebensbedingungen in den Arbeiterfamilien und entwickelte im neuen Institut der Charité die moderne Pathologie. Sein Name  ist bis heute mit der Charité eng verbunden.

Immer mehr Wissenschaftler forschen in Berlin, denn Cholera, Tuberkulose, Diphtherie fordern in Deutschland im 19. Jahrhundert unfassbar viele Opfer. Robert Koch wird 1880 an das Kaiserliche Gesundheitsamt in Berlin berufen. Für seine Entdeckung des Tuberkelbazillus 1882 erhält er 1905 den Nobelpreis für Medizin. Zur Erforschung der Cholera leitet er unter anderem 1883 die deutsche Cholera-Expedition nach Kalkutta in Indien, wo er 1884 das Bakterium Vibrio cholerae identifizieren konnte.

Zu den uns heute bekannten Lockdown-Maßnahmen wie Schließung von Schulen, Geschäften und Isolierung der Stadt kommt es im heißen Sommer 1892 in Hamburg. Das Kaiserliche Gesundheitsamt schickt Robert Koch dorthin, um die katastrophalen hygienischen Verhältnisse einzudämmen. Unter anderem werden Häuser mit Kalk und Karbol desinfiziert, abgekochtes Wasser und bakterienfreie Mahlzeiten werden von Garküchen verteilt.

Wie wir auch heute aus den Schwachstellen, die in der Corona-Pandemie in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft offenbar werden, Lehren ziehen müssen, lässt Hamburg 1893, als die Epidemie mehr als 8.600 Tote gefordert hat, eine Müllverbrennungsanlage und ein Wasserwerk mit Filtrieranlage in Betrieb nehmen und die engen sogenannten Gängeviertel sanieren. Jetzt kontrolliert auch ein hafenärztlicher Dienst einlaufende Schiffe, um die Einschleppung von Seuchen zu verhindern.

In Berlin befreunden sich die beiden Wissenschaftler Robert Koch und Paul Ehrlich an. Ehrlich arbeitet ab 1891 für Koch an dessen Institut für Infektionskrankheiten an immunologischen Fragen. Er wird 1896 in Berlin-Steglitz Direktor des neu gegründeten Instituts für Serumsforschung und Serumsprüfung. Auch er wird mit dem Nobelpreis auf dem Gebiet der Immunologie 1908 ausgezeichnet. Ein weiterer in Berlin wirkender Bakteriologe ist Emil von Behring, ein Schüler Robert Kochs, dem es zusammen mit Paul Ehrlich gelingt, ein aus einem Blutserum entwickeltes Heilmittel gegen Diphtherie und Tetanus zu entwickeln, wofür auch er 1901 mit dem Nobelpreis für Medizin geehrt wird.

Jetzt verfügt Berlin zwar über ein großes naturwissenschaftliches Netzwerk, aber Viren waren bislang noch unbekannt. Als Ende des 19. Jahrhunderts die Maul- und Klauenseuche ausbricht, führt Friedrich Löffler, ein Infektionsforscher und ebenfalls ehemaliger Schüler von Robert Koch, erste Infektionsversuche in den in zwei S-Bahn-Bögen aufgestellten Tierställen durch. Das war der Beginn der Virusforschung.

1918, gegen Kriegsende, bricht die Spanische Grippe aus, gefolgt von heftigen Wellen. Erst 1933 wird dieses Influenza-Virus entschlüsselt, das weltweit rund 50.000.000 Millionen Opfer forderte. Nach der Hongkong-Grippe 1968 und dem HIV-Virus in den frühen 80-er Jahren ist es das SARS-Virus, das sich 2002 bis 2003 als erste Pandemie des 21. Jahrhunderts ausbreitet.

Und hier schließt sich der Kreis: Der heutige Lehrstuhlinhaber und Direktor des Instituts für Virologie am weltbekannten Lehr- und Forschungsklinikum Charité, Christian Drosten, dessen Schwerpunkt neu auftretende Viren sind, ist 2003 Mitentdecker des SARS-Coronavirus. In der 2020 aufgetretenen Corona-Pandemie gehört er zu den weltweit gefragten Experten.

Jetzt in der Corona-Pandemie wird mir klar, welche wissenschaftliche Bedeutung Berlin in all den Jahren durch den Kampf gegen Seuchen errungen hat.

 

Übrigens: Das oben erwähnte Buch „Die Pest“ fand ich in einer der zahlreichen Bücherkisten, die im Corona-Frühjahr 2020 während des Lockdowns auf unseren Wegen standen.

 


Ausgewählte und benutzte Lektüre:

https://www.stadtmuseum.de/objekte-und-geschichten/seuchen-in-berlin

https://www.tagesspiegel.de/wissen/300-jahre-charite-am-anfang-standen-pest-und-cholera/1763832.html

https://medizingeschichte.charite.de

https://www.charite.de/forschung/forschung_an_der_charite/forschungsschwerpunkte/immunwissenschaften/woher_wir_kommen/


Foto: Pestarzt,  Rekonstruktion von Manfred Gräfe, zur Verfügung gestellt vom Stadtmuseum Berlin

 

Geschrieben von
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