Wie hat Corona das Leben von Geflüchteten beeinflusst?

Fünf Geschichten aus Berlin

Ein Gastbeitrag von Selsela Alikhil

 

Wir alle sind von der Corona-Krise auf verschiedene Art und Weise betroffen, auch die Geflüchteten. Manche jedoch sind davon stärker betroffen als andere und wünschen sich nur ein rasches Ende dieser Pandemie. Manche nutzen die Zeit, um mit der Familie zusammen zu sein, etwas Neues zu lernen und positiv gestimmt zu bleiben. Außerdem gibt es Geflüchtete, die weiterhin arbeiten, da sie finanziell für ihre Familien sorgen müssen, die nicht in Deutschland leben. Sie zeigen, dass Geflüchtete in dieser schweren Zeit mehr ehrenamtliche Unterstützung und Begleitung benötigen. Darüber hinaus wird aus den Geschichten ersichtlich, dass die meisten die Zeit sinnvoll verbringen und sich der Situation entsprechend angepasst haben.

 

„In dieser Situation leiden meine Kinder am meisten“
Frau Mahtab Shoja* (35) aus Afghanistan, 4 Jahre in Berlin

„Ich lebe mit meinen zwei Söhnen und meinem Mann in einer Flüchtlingsunterkunft.
Bedauerlicherweise ist es uns bis heute nicht gelungen, eine Wohnung zu finden. Da mein Mann gesundheitlich eingeschränkt ist, übernehme ich selbst alle Aufgaben für die Familie. Allerdings ist er auch die größte Motivation in meinem Leben.
Dass unsere Kinder zur Schule gehen können, war immer unser Wunsch. Als wir uns aber in Quarantäne befanden, war ich um meine Kinder besorgt, die ihre Hausaufgaben nicht verstanden. Ich konnte ihnen meistens nicht dabei helfen. Die Hausaufgaben wurden von der Schule per Post geschickt, oder ich musste sie abholen. Die Sozialarbeiter*innen des Mittelhof e.V. in Berlin-Steglitz/Zehlendorf haben glücklicherweise eine Nachhilfe für meine Kinder gefunden. Von anderen Familien habe ich erfahren, dass die Schulen ihren Schüler*innen für die Aufgaben über Skype Unterstützung angeboten haben. Die Schule, in die meine Kinder gehen, hatte dies leider nicht getan. Ich bin der Meinung, dass alle Kinder in dieser Krise gleich behandelt werden sollen. Sie haben ein Recht, ihre Hausaufgaben zu verstehen. Nun hat die Schule inzwischen wieder begonnen, aber ich freue mich trotzdem über die Nachhilfe für meine Kinder.“

 

„Kaum Zeit fürs Deutschlernen“
Frau Fereshta Ahmadi* (30) aus Afghanistan, 3 Jahre in Berlin

„Kochen, putzen und die Fragen meiner drei Kinder beantworten ist zum Alltag für mich geworden. Mein Mann arbeitete während der Ausgangsbeschränkungen vorübergehend nicht und war ebenfalls zu Hause. Er unterstützte mich manchmal im Haushalt und übernahm hauptsächlich das Einkaufen. Ich habe kaum Zeit und Unterstützung, um Deutsch zu üben. Es gibt viele Möglichkeiten online zu lernen. Das ist aber keine Option für mich. Ich kenne mich mit dem digitalen Lernen nicht aus, und die Zeit dafür fehlt mir einfach. Im Vergleich zu anderen Flüchtlingen verfügen wir über eine kleine Wohnung. Jedoch wünschte ich mir mehr Zeit für die Verbesserung meiner Sprachkenntnisse. Nach der Krise möchte ich unbedingt einen B1 Deutschkurs besuchen.“

 

„Mein Sohn mit Behinderung ist in dieser Zeit der schwierigste Fall für uns“
Herr Anas Alismaeel aus dem Irak, 4 Jahre in Berlin

„Wir hatten viele Probleme in der Corona-Zeit. Ich leide unter Multipler Sklerose (MS) und leider auch mein Sohn. Durch seine Behinderung war es ziemlich schwer, ihn im Haus zu behalten. Da weinte und schrie er oft. Unsere Nachbarn fühlten sich dadurch gestört und beunruhigt. Meistens ist es allerdings auch nicht einfach, ihn nach draußen zu bringen, weil er die Sicherheitsabstände nicht versteht und auch das Tragen von Gesichtsmasken und Handschuhen im Bus verweigert. Zwei Mal in der Woche wird mein Sohn vom Jugendamt betreut. Das ist eine große Unterstützung.

Darüber hinaus gibt es keinen behindertengerechten Eingang in unserem Gebäude, so dass wir den Rollstuhl die Treppen hoch- und runtertragen müssen. Es sind ganz schwere Zeiten, besonders für meine Frau. In den letzten Monaten haben wir viel wichtige Post erhalten. Die meisten sozialen Einrichtungen, die uns beim Übersetzen helfen, waren jedoch geschlossen oder schwer zu erreichen.
Außerdem haben wir keinen Drucker zu Hause, und die meisten Kopierläden in unserer Nähe waren geschlossen, deswegen ‘kopierten’ wir die Hausaufgabenblätter meines Sohnes per Hand.
Zusätzlich zu meiner Behinderung ist mein Immunsystem schwach und empfindlich, trotzdem muss ich mich bemühen, meiner Familie in der jetzigen Zeit beizustehen. Denn eine andere Wahl haben wir bedauerlicherweise nicht.“

 

„Ich war für die Krise überhaupt nicht bereit“
Herr Jadaan (68) aus Syrien, 5 Jahre in Berlin

„Auf Grund meiner Behinderung benötige ich immer ärztliche Untersuchungen. Die Abläufe im Krankenhaus sind wegen der Pandemie verändert und brauchen deswegen mehr Zeit. Daher müssen wir geduldig mit den neuen Regeln umgehen, um Gesundheit und Sicherheit für alle zu gewährleisten.
Die veränderten Fahrzeiten im öffentlichen Verkehr waren auch zu Beginn der Krise neu, so dass ich besonders früh zu meinen Terminen losgehen musste.
Nach langem Warten und bürokratischen Hürden konnte mein Arzt die notwendige Operation für mich durchführen. Daher möchte ich mich bei ihm und bei dem Krankenhauspersonal für ihre Bemühungen, vor allem in dieser Zeit, herzlich bedanken.“

 

„Meiner Ansicht nach sollten Männer nun für die Frauen eine helfende Hand sein“
Herr Ahmad Karrout (49) aus Syrien, 6 Jahre in Berlin

„Es ist wichtig, als Vater der Familie jeden Zustand möglichst positiv zu betrachten. Dadurch wird diese positive Einstellung in die Familie weitergetragen. Aus schlechten Situationen das Beste rauszuholen, ist eine Kunst. Wir haben vieles hinter uns gelassen in Syrien und das Leben mit viel Hoffnung und Ehrlichkeit in Deutschland begonnen. In der Corona-Krise haben wir uns als Familie gemeinsam überlegt, die Zeit praktisch zu nutzen und kochten gemeinsam. Außerdem brachte ich meiner Frau und meinen Töchtern das Lesen und Schreiben auf Arabisch bei. Wir waren immer eine glückliche Familie und sind es auch während Corona.“

 

* Für Personen, die nicht mit ihren Namen genannt werden möchten, wurden Ersatznamen verwendet.

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