Die Lage der afghanischen Frauen nach dem Friedensschluss mit den Taliban

Die fünfjährige Herrschaft der Taliban in Afghanistan war, sowohl im politischen wie auch im gesellschaftlichen Sinn, die schlimmste Zeit für die afghanischen Frauen. In diesen fünf Jahren der Schreckensherrschaft wurden die Frauen ihrer elementarsten Rechte beschnitten. Damit wurde der Hälfte der afghanischen Bevölkerung die Beteiligung an gesellschaftlichen und schulischen Aktivitäten verweigert.

Durch internationale Unterstützung konnten die Taliban im Jahr 2001 niedergeschlagen und die Rechte der Frauen garantiert werden. Den afghanischen Frauen wurde fortwährend wieder ermöglicht, an den politisch-sozialen und auch wirtschaftlichen Aktivitäten des Landes teilzunehmen.

Nach Erhebungen sind von 9,5 Millionen Schülern und Lernenden 3,895 Millionen Mädchen. Ferner sind 30% der 250 Tausend Studierenden an staatlichen und privaten Universitäten Frauen. Im staatlichen und parlamentarischen Sektor und im politischen Bereich sind ebenfalls Frauen vertreten. Es gibt 69 weibliche Abgeordnete in der Landesvertretung. Darüber hinaus sind 41% der staatlichen Stellen von Frauen besetzt. Rund 5.000 Frauen arbeiten im afghanischen Ordnungs- und Sicherheitsbereich. Ferner besetzen 350 Frauen Stellen in der Justiz und weitere 350 habenUniversitätsposten inne.

Diese Daten bezeugen, dass die afghanischen Frauen in den vergangenen 20 Jahren im Kampf zur Erlangung ihrer Rechte partiell erfolgreich waren. Die Errungenschaften der Frauen in Afghanistan sind allgegenwärtig und ihre Beteiligung in politisch-gesellschaftlichen Bereichen sowie in Wirtschaft und Kultur hat sich manifestiert. Man kann mit Gewissheit behaupten, dass die letzten 20 Jahre die glänzendsten Jahre der afghanischen Frau in allen Bereichen ist.

Mit dem Herannahen des Abzuges der ausländischen Kräfte aus Afghanistan wächst auch die Angst, all diese Errungenschaften wieder zu verlieren vor allem unter den afghanischen Frauen.

Warum diese Sorge?

Objektiv betrachtet, leiden Frauen in Afghanistan nicht nur unter der Geschlechterdiskriminierung, sie sind auch vielerlei Benachteiligungen ausgesetzt, die nicht unmittelbar mit ihrem Geschlecht zu tun haben. Krieg, Unsicherheit, gesellschaftlicher Gewalt, Armut und Analphabetentum sind diverse Faktoren, mit denen sie in besonderer Weise konfrontiert sind. Die Folgen des vierzigjährigen Krieges hat besonders auf ihre Situation Einfluss genommen und ihr immense Probleme bereitet. Diese Ausgangssituation kann auch ihren Schatten auf die zukünftige Entwicklung werfen. Insbesondere waren Armut, Unsicherheit und Analphabetentum die Ursachen der Gewalt in den vergangenen Jahren.

Besonders die aktuelle Entwicklung und die Einigung der Taliban mit den USA könnte eine instabile sicherheitspolitische Situation auslösen. Nach dem Abzug der ausländischen Kräfte werden die Investitionen zurückgehen und damit die Arbeitslosigkeit und Armut steigen.

Schon jetzt verschlechtert sich die Sicherheitslage in Afghanistan von Tag zu Tag. Bedauerlicherweise geht damit auch der Verfall der bisher erlangten Rechte für Frauen einher. Sie werden zwar in einigen Großstädten wie Kabul wahrgenommen, nicht aber in den abgelegenen Ortschaften und den von den Taliban dominierten Gebieten.

Die afghanischen Politiker tendieren um des Friedens willen dazu, radikale Forderungen der extremistischen Taliban zu akzeptieren und die Rechte der afghanischen Frauen und im Interesse ihrer politischen Ziele zu opfern.

Was kann man tun?

Es ist aus meiner Sicht fast zu spät, den Rückfall in die dunkle Zeit der Talibanherrschaft zu verhindern. Doch einiges können die Frauen in Afghanistan noch unternehmen. Die Rechte der Frau müssen dringend zu einem gesellschaftlichen Diskurs gemacht werden. Gesellschaftliches Augenmerk auf die Rolle der Frau legen und sie als Subjekt betrachten.  Ein nach wie vor in Afghanistan immanentes Problem ist, dass die Identität der Frau in durch deren Mann definiert wird. Die Frauen in Afghanistan müssen zusammen und Hand in Hand gehen und gemeinsam mit den vielen frauenrechtlichen Organisationen ihre Rechte verteidigen. Sie müssen den Widerstand gegen die Verletzungen ihrer Rechte durch die Regierung Afghanistans organisieren.

Die Verfassung Afghanistans ist die einzig starke Waffe, die die Frauen zur Wahrung ihrer Rechte und gegen die frauenfeindlichen Maßnahmen der afghanischen Regierung haben. Dort sind die Allgemeinen Menschenrechte, sowie weitere internationale Vereinbarungen geregelt, die die Frauen in der Verteidigung und Wahrung ihrer Rechte schützen. Artikel 7 der Verfassung garantiert die Gleichberechtigung aller afghanischen Bürger. Artikel 22 verpflichtet die Regierung zur Weiterentwicklung und Gleichberechtigung der Situation der Frau. Ferner verpflichten weitere Artikel die Regierung zur Besserung und Unterstützung der Lage der Frauen, Witwen sowie Mütter und Kinder. Aber die Taliban versuchen nun am Verhandlungstisch, die Verfassung zu ändern und die Freiheiten der Frauen wieder einzuschränken.

Die Bevölkerung muss mobilisiert werden, um die Hürden und Widersprüche zwischen Gesetz und Tradition zu überwinden. Sie müssen begreifen, dass sie zur Beseitigung ihrer sozialen Probleme das Gesetz in Anspruch nehmen müssen und nicht wie in einer archaischen Gesellschaft, Hilfe bei ihrem Stamm und deren Traditionen suchen.

Die afghanischen Frauen müssen ihrer Regierung mit Nachdruck zu verstehen geben, dass keine Einigung mit gegnerischen Kräften durch das erneute Zertrampeln ihrer schwer errungenen Rechte mehr geschehen darf. Eine Einigung darf nur unter der Wahrung der Frauenrechte vollzogen werden.

 

Fotos: Pressestelle, Ministerium für Frieden
Der Ausschuss für Frauen, Menschenrechte und Zivilgesellschaft des afghanischen Parlaments diskutiert bei seinem Treffen am 10.07.2020 den Schutz der Frauenrechte bei den Verhandlungen mit den Taliban. Fawzia Koofi war eine von 318 Kandidaten, die für den diesjährigen Friedensnobelpreis nominiert waren.

Ins Deutsche übertragen von Parsi Sprachendienste

 

Geschrieben von
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