Waren wir uns zu nah?

Halten Sie Abstand – dieser Satz ist uns allen in den vergangenen Monaten immer und überall zu Augen und Ohren gekommen, ob in den öffentlichen Verkehrsmitteln, beim Einkaufen oder sogar bei Gesprächen im privaten Umfeld.
Jedes Mal, wenn ich diesen Satz sah oder hörte, fragte ich mich: Standen wir einander denn jemals überhaupt so nah, dass wir heute auf Abstand zueinander gehen müssen?! Ich meine nicht körperliche Nähe oder Distanz, sondern unsere familiären und gesellschaftlichen Beziehungen. So stelle ich mir die Frage: Waren diese Beziehungen vor dem Ausbruch dieser Pandemie eigentlich jemals intakt?

Diese Pandemie hat viele von uns vor den eigenen Spiegel gestellt und mit sich selbst konfrontiert, damit wir uns mit unseren Beziehungen zueinander auseinandersetzen und unser eigenes Verhalten durchdenken. Sie führte uns an verschiedene menschliche Tragödien näher heran, die wir bisher immer nur beiläufig in den Nachrichten mitbekamen oder als Geschichte lasen, mit der wir uns genau so lange befassten, bis sie zu Ende war. Beispielsweise konnten wir erfahren, wie es sich anfühlt, Angst davor zu haben, hungern zu müssen. Ich spreche hier ausdrücklich nicht von der Erfahrung, wie es sich anfühlt zu hungern, sondern von dem Angstgefühl, Hunger leiden zu müssen. Die Supermärkte wurden von den Menschen überrannt, als wären sie Heuschreckenschwärme, die sich über Feld und Weide hermachen. Zig Male schon waren uns davor Berichte über Hungerleidende und den Hungertod begegnet, und jedes Mal hinterließen sie wohl keinen allzu großen Eindruck. Denn: Kaum waren die Bilder von den hungernden Kindern aus unseren Augen verschwunden, nahm unser Leben wieder seinen gewohnten Lauf.

Viele von uns haben auch erfahren, wie es sich anfühlt, Angst davor zu haben, nicht medizinisch versorgt zu werden. Und das, obwohl es auch schon lange Zeit vor Ausbruch der Pandemie Millionen von Menschen gab, deren einfacher Wunsch darin bestand, Zugang zu Verbandszeug, Desinfektionszubehör und Aspirin zu erhalten. Für viele von uns war dieses Problem aber nicht nur weit weg, sondern auch viel unbedeutender als all jene, über die wir selbst uns Tag ein, Tag aus den Kopf zerbrachen.
Etliche von uns fühlten sich eingeschränkt, weil sie dieses Jahr ihre Ferien nicht so toll verbringen konnten, wie sie es gewohnt sind – während auf der anderen Seite Hunderttausende in Ländern, in denen Krieg, Hungersnot oder Krankheit herrschen, festsitzen und nicht die Möglichkeit haben zu fliehen, um ihr Leben und das ihrer Kinder zu retten.

Nun möchte ich mich aber wieder dem ursprünglichen Thema zuwenden und unsere kleinen Gesellschaften und Familiengefüge in den Blick nehmen. Ich werfe also noch einmal folgende Frage auf: Standen wir einander jemals so nah, dass wir heute auf Abstand zueinander gehen müssen?
Wie oft schon haben wir davon gehört, dass sich jemand das Leben genommen hat, weil er sich einsam und alleingelassen fühlte? Wenn dann Freunde und andere Nahestehende dieser Person sich hinterher vorwerfen, warum sie selbst sich nicht früher kümmerten und versuchten, ihr Leben zu retten, ist das wirklich mehr als paradox. Aber auch diese Selbstvorwürfe gehen früher oder später zu Ende. Dann sind wir in erster Linie wieder ganz mit uns selbst beschäftigt und vergessen die Menschen um uns herum. Bis uns eines Tages wieder eine neue Tragödie wachrüttelt und das Ganze wieder von vorne beginnt.

Wir müssen mehr aufeinander zugehen, uns einander emotional und gesellschaftlich annähern. Wir sollten nicht nur über die sozialen Medien miteinander kommunizieren, denn dabei lassen sich unsere wahren Gefühle gut und gerne verbergen. So sehr die modernen Kommunikationsmedien unseren Erdball in ein kleines Dorf verwandelt haben, so sehr haben sie auch dessen Bewohner in gewisser Hinsicht voneinander entfernt. Einige von uns haben einerseits gerade nicht die Zeit, sich nach denjenigen zu erkundigen, die ihnen am Herzen liegen, andererseits, so befürchte ich, haben sie dann aber doch genügend Zeit dafür, in Trauer darüber zu versinken, dass ihre Lieben nicht (mehr) unter ihnen sind.

Unser geschäftiges Leben hat uns nicht nur von denjenigen entfernt, die uns etwas bedeuten, sondern auch von uns selbst. Es hat viele Menschen von ihrem Weg abkommen lassen und Millionen von Gläubigen aller möglichen Religionen auf der ganzen Welt von ihrem Glauben entfernt, der – meiner ganz persönlichen Meinung nach – ihnen einst doch zumindest ein kleines Stück Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln vermochte, ganz unabhängig davon, woran sie glaubten.
Das lässt mich daran denken, was eine Krankenschwester einmal zu mir sagte, als sie mich ängstlich und verloren sah: „Jeder von uns braucht hin und wieder einen Gott, bei dem er Trost findet!“

 

Ins Deutsche übertragen von Melanie Rebasso

Fotos: Hareth Almukdad

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