Corona-Pandemie weltweit

https://youtu.be/UDjkxx6NEAwkulturTÜR-Autor*innen

 

Jedes Land der Erde ist von der COVID 19-Pandemie betroffen und kämpft seinen eigenen Kampf. Hier berichten kulturTÜR-Autor*innen von Ländern, denen sie nahe stehen. Manche von ihrem Heimatland, andere von einem Land, in dem sie einige Zeit verbracht haben. Was ist ihnen gemeinsam und worin unterschieden sie sich?

 

IRAN

von Khatereh Rahmani

Ich hätte nie gedacht, dass die ganze Welt einen gemeinsamen Schmerz haben würde. Ich hätte nicht geglaubt, dass eines Tages die ganze Welt nach einer gemeinsamen Lösung suchen würde, egal wo auf der Welt, im Iran, in Deutschland, in Amerika oder in Australien. Jetzt sind wir alle Leidensgefährten, und es ist sehr schmerzhaft für mich, dass ich nicht im Iran bin. Wenn ich an mein Land und meine Landsleute denke, könnte ich verrückt werden. Derzeit verfolge ich jeden Tag die iranischen Nachrichten und sehe die Statistiken der Menschen, die mit dem Coronavirus infiziert wurden. Ich bin zutiefst traurig. Tag für Tag steigen die Statistiken, und viele meiner Landsleute sterben. Es ist sehr beunruhigend. Vielleicht nahmen die Leute dieses Problem zuerst nicht sehr ernst, und dies führte dazu, dass die Statistiken immer stärker anstiegen und  sich viele Provinzen in einer roten Zone befanden. Die Corona-Pandemie im Iran fiel mit dem Beginn des neuen Sonnenjahres und dem Eid-Feiertag zusammen. Leider haben am Anfang Millionen Menschen ihre Reisepläne nicht storniert, sind verreist, wie sie es geplant hatten, und dies hat dann zur Ausbreitung der Krankheit beigetragen.

Mit dem Ausbruch des Coronavirus im Iran wurden viele Geschäfte geschlossen. Die Schulen mussten schließen, und das Land stellte fast die gesamten wirtschaftlichen Aktivitäten ein. Die Nachbarländer schlossen nacheinander ihre Grenzen zum Iran, und die iranischen Exporte gingen stark zurück. Auch der Tourismus ist zum Erliegen gekommen. Der Iran befindet sich in einer Rezession. Der Preis für  den Haushaltsbedarf hat sich verdreifacht, und die Familien kämpfen darum, über die Runden zu kommen. In der Zwischenzeit lastete der größte Druck auf denjenigen, die keinen festen Arbeitsplatz hatten. Sie verloren ihre Arbeit und mussten zu Hause bleiben. Obwohl die Regierung den Menschen in kleinen Raten Kleinkredite anbot, gingen die wirtschaftlichen Probleme weiter, und der Druck stieg weiter an.

Aber die Menschen nahmen die Pandemie immer noch nicht ernst genug, und trotz des Verbots gingen Partys und Feiern weiter, so dass die Patientenzahl von Tag zu Tag zunahm. Alle öffentlichen Krankenhäuser waren mit Coronapatienten belegt, und es gab keinen Platz für neue Patienten. Bei diesem Patientenvolumen sind Krankenhäuser mit dem Mangel an medizinischen Geräten und Pflegepersonal konfrontiert. Neue Patienten müssen in private Kliniken eingeliefert werden, können sich das Krankenhaus jedoch nicht leisten, da die Kosten für die Behandlung dort zu hoch sind.

Viele Patienten, die in keinem guten Zustand sind, stehen zur Behandlung vor dem Krankenhaus an. Ich weiß nicht, wie lange diese Situation anhalten wird, aber ist es nicht besser für alle Menschen, Verantwortung für ihre eigene Gesundheit und die anderer zu übernehmen und persönlich Maßnahmen für ihre eigene Gesundheit zu ergreifen, damit sie nicht in diese schmerzhafte Tragödie geraten?! Was ist in dieser Situation wirklich zu tun? Trägt die Regierung oder das Volk die Schuld?

Ins Deutsche übertragen von Khatereh Rahmani
Foto: Rainer Seehaber

 

TÜRKEI

von Lorena Spitzmüller

Mitte März dieses Jahres wurde in der Türkei der erste Corona-Fall offiziell bestätigt. Ob es sich dabei jedoch tatsächlich um die erste Infektion mit dem Virus handelte, wird von vielen Seiten angezweifelt. Die Türkei grenzt an Iran, ein Land, das zu dieser Zeit bereits eine enorm hohe Covid-19-Fallzahl aufwies und mehrere hundert Tote zu beklagen hatte. Durch diese geografische Nähe wurden die Ängste der Bevölkerung geschürt, zumal die Regierung ihre Bürger nur spärlich mit Informationen über das Infektionsgeschehen und die genauen Falldaten im Land versorgte. Vielerorts führte dies zu Spekulationen über Risikogebiete und über die Kapazitäten des türkischen Gesundheitssystems, das viele als nicht ausreichend vorbereitet auf eine Pandemie einschätzten.

Selbst nach einer Zunahme der Covid-19-Fälle sah die Regierung lange Zeit von weitreichenden Maßnahmen ab, um die bereits angeschlagene türkische Wirtschaft nicht noch mehr zu schwächen. Mitte April folgten dann mit aller Härte die ersten Restriktionen, angefangen von einer kurzfristig verhängten 48-stündigen Ausgangssperre in 31 Städten. Die betroffenen Einwohner wurden erst zwei Stunden vor Inkrafttreten über die Maßnahme informiert – in der verbleibenden Zeit bildeten sich Menschentrauben vor den Einkaufsläden, wo die Menschen sich mit dem Nötigsten eindecken wollten. Abstandsregelungen und Mundschutzpflicht wurden dabei oftmals außer Acht gelassen. Kliniken, Apotheken, Firmen und Institutionen, die wichtige Dienstleistungen anbieten, sollten während dieser 48 Stunden geöffnet bleiben. Eine Erklärung der Regierung, weshalb die Maßnahme in dieser kurzfristigen Form durchgeführt wurde, blieb zunächst aus. In weiteren Schritten wurden im Land Schulen, Universitäten, Cafés und Bars geschlossen. Für drei Personengruppen, unter 20-Jährige, chronisch Kranke und über 65-Jährige, sollte die Ausgangssperre weiter andauern, um Kontakte zu beschränken und gleichzeitig die Wirtschaft am Leben zu erhalten. 

Aufgrund der prekären wirtschaftlichen Lage, durch Corona um ein Vielfaches bedrohlicher geworden, zeigten sich viele Bürger enttäuscht von Erdogan und dem Krisenmanagement seiner Regierung. Statt nach konstruktiven Lösungen zu suchen, schrieben Erdogan und religiös-konservative Kräfte, wie beispielsweise die Behörde „Diyanet“ die Schuld an Corona ihren Sündenböcken zu: So unterstützte Erdogan unter anderem die Anschuldigung, Homosexualität würde Krankheiten wie Covid-19 mit sich bringen und Generationen verrotten lassen.  Anstelle Rettungsschirme aus dem Haushaltsbudget zu schnüren, forderte Erdogan die wohlhabenderen Türken dazu auf, an „den türkischen Staat zu spenden“, um Solidarität gegenüber den vielen arbeitslosen Landsleuten zu zeigen. Lokale Initiativen, wie etwa die der (meist oppositionellen) Bürgermeister größerer Städte, die Brot und andere Hilfsleistungen unabhängig vom Staat anboten, ließ Erdogan aus politischen Gründen weitgehend verbieten. Derartige Aktionen würden einen zweiten Staat im Staat errichten und der eigentlichen Regierung Autorität entziehen. Da die staatlichen Hilfsgelder entweder ausblieben oder zu gering waren, sahen sich viele Arbeiter gezwungen, trotz der Ansteckungsgefahr in hochriskanten Umgebungen zu arbeiten, etwa in Fabriken oder Minen, wo Abstand kaum gewahrt werden konnte. Auch der öffentliche Nahverkehr wurde weiterhin genutzt. Diese Umstände sowie die Entscheidung der Regierung, rund 90.000 (hauptsächlich regierungskonforme) Häftlinge aus den vollen Gefängnissen zu entlassen, wurden von Teilen der Bevölkerung kritisch aufgefasst. Gegen die Kommentare jener, die im Internet ihrem Ärger Ausdruck verliehen, ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen „unbegründeter und provokativer“Beiträge. 

Seit dem Ende des Fastenmonats Ramadan ist in der Türkei ein Stück Normalität eingekehrt. Die meisten Läden konnten aufgrund sinkender Fallzahlen wieder geöffnet werden. Die Ausgangssperren, die in größeren Städten wie Istanbul über einen längeren Zeitraum hinweg jedes Wochenende verhängt wurden, wurden für alle Bevölkerungsgruppen aufgehoben. Die Schulen sind zwar noch nicht überall geöffnet, aber es gibt für die Schüler die Möglichkeit, vor Ort wichtige Prüfungen abzulegen. Nach dem Binnentourismus hat die Türkei auch die Grenzen für internationale Reisende geöffnet, in der Hoffnung, die angeschlagene Tourismusbranche zu unterstützen. Da die Türkei jedoch trotz vieler Hygienevorkehrungen von der deutschen Bundesregierung als Risikogebiet eingestuft wurde und eine Reisewarnung besteht, bleiben vor allem deutsche Touristen aus. Viele Hotels und Restaurants haben nicht genügend Gäste und müssen Personal entlassen. Besonders Geflüchtete, die häufig in dieser Branche arbeiten, sind durch fehlende soziale Absicherung gefährdet. Immerhin hat die türkische Regierung zugesagt, sie im Falle einer Infizierung medizinisch zu unterstützen, um eine großflächigere Ausbreitung zu vermeiden. Was die Zukunft bringen wird, hängt vom weiteren Verlauf der Infektionszahlen und von der Entwicklung eines Impfstoffes ab. Unter diesen Gegebenheiten blickt die Türkei, wie viele andere Länder, einer großen Ungewissheit entgegen.

Foto Türkei:  Abbas Aslan

 

SYRIEN

von Hareth Almukdad

Im Juli erhielt ich einen Anruf von meinem Vater, der mir mitteilte, dass mein Bruder, seine Frau und die vier Kinder mit dem Corona-Virus infiziert waren. Ich rief meinen Bruder an. Sein Zustand war stabil, doch er konnte wegen fehlenden ärztlichen Personals und wegen fehlender Betten nicht ins Krankenhaus gehen. Er erzählte mir, dass drei weitere Familien im gleichen Gebäude ebenfalls infiziert waren. Ich habe sofort die Nachrichten verfolgt und hörte Aussagen des syrischen Gesundheitsministers, wonach es 28 Fälle in ganz Syrien geben soll. Tatsächlich gibt es schon allein 19 Fälle dort, wo mein Bruder lebt.

Eine bekannte syrische Redewendung heißt: „Die Regierung lügt sogar bei der Wettervorhersage.“ Und während sich die Regierung über die mangelhafte medizinische Ausstattung in den Krankenhäusern beschwert und die Weltgemeinschaft auffordert, das Wirtschaftsembargo gegen Syrien aufzuheben, um der Pandemie entgegenzuwirken, zerstörten das Assad-Militär und die russischen Kampfflugzeuge die verbleibenden Krankenhäuser in Idlib. Das Regime setzt jeden Arzt fest, der die tatsächlichen Todesfälle angibt.

Ein Freund von mir sagte: „Es gibt weder Strom noch Wasser, und das Corona-Virus ist unsere letzte große Sorge. Aber was wir in den letzten Jahren gesehen haben, war schlimmer und gefährlicher als alle Krankheiten auf der Welt.“

Ins Deutsche übertragen von Hareth Almukdad
Foto Syrien: Bakr Alkasem

 

AFGHANISTAN

von Mortaza Rahimi

Mitten in einem weiteren Konflikt hat die Corona-Krise Afghanistan erreicht. Das Land, das sich seit etwa vier Jahrzehnten in andauernden Konflikten befindet, war nicht auf eine so große Krise vorbreitet und auch nicht in der Lage, die neue Krise zu bekämpfen.

Die afghanische Regierung hat aber sehr schnell reagiert und Maßnahmen ergriffen, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen oder zu reduzieren. Die Corona-Hotspots – Städte wie Herat im Westen und Kabul im Osten – wurden unter Quarantäne gestellt. Später folgten noch weitere große Städte des Landes. Um Armut und Hunger vorzubeugen, ließ die Regierung zu Beginn und während der Quarantäne kostenlos Brot und Weizen an die Bevölkerung verteilen. Das war aber ein großer Fehler! Denn damit verursachte die Regierung selbst große Menschenansammlungen vor Bäckereien, was die Verbreitung des Virus noch begünstigt hat.

Korruption war immer ein Problem dieses Landes. Auch die Hilfen zur Bekämpfung von Corona waren von der Korruption betroffen. Eine nicht unerhebliche Menge der finanziellen oder sachlichen praktischen Hilfen (wie etwa Weizen) haben nicht etwa die Bedürftigen erreicht, sondern sind durch korrupte Beamte verschwunden. 

Um zu verdeutlichen, wie verheerend Afghanistan von der Corona-Krise betroffen ist, reicht es, auf eine Studie zu verweisen, die das afghanische Gesundheitsministerium neulich veröffentlicht hat. Sie besagt, dass etwa 10 Millionen Afghanen bereits mit dem Virus infiziert wurden. Das sind 31,5 Prozent der gesamten afghanischen Bevölkerung. Zahlen gibt es aber nur von Gebieten, die die afghanische Regierung unter Kontrolle hat. 40 Prozent von Afghanistan kotrolliert jetzt die Taliban. Die Zahl der Todesopfer ist noch unbekannt.

Foto Afghanistan: Pressestelle, Ministerium für Frieden

 

SUDAN

von Sakina Hanafi

Das Coronavirus wütet im Sudan wie ein Buschfeuer. In keinem anderen Land in Ostafrika hat es sich derart rasant ausgebreitet. Der Grund dafür sind hauptsächlich die Kultur, Gepflogenheiten und Traditionen der sudanesischen Gesellschaft – beispielsweise Ansammlungen mit einer großen Anzahl von Menschen bei Anlässen wie Hochzeiten, Trauerfeiern, Gebeten in der Moschee, Krankenbesuchen in den Krankenhäusern, gegenseitigen Besuchen zu Hause – und das eiserne Festhalten an diesen Traditionen trotz Verbots durch die Regierung und der enormen Gefahr dieser Krankheit. Der Bevölkerung ist es schlicht egal.

Der zweite Grund für die rasante Ausbreitung ist, dass eine Erkrankung am Virus von vielen Menschen verheimlicht und verleugnet wird, weil sie sie als Schande betrachten. Selbst nachdem ein Mensch mutmaßlich daran verstorben ist, wird eine medizinische Untersuchung verwehrt und darauf beharrt, dass der Mensch eines natürlichen Todes und nicht an Corona gestorben sei. ‎‎Darüber hinaus trägt auch die Weigerung, eine Maske zu tragen dazu bei, dass sich das Virus wie ein Lauffeuer im Land verbreitet.

Der ausschlaggebendste Grund überhaupt ist aber wohl ein wirtschaftlicher: Die meisten Sudanesen haben einen ungeregelten Arbeitsalltag, das heißt, sie arbeiten von einem Tag auf den anderen, ohne zu wissen, was ihnen der nächste Tag an Arbeit bringt. Ihre Sorge gilt also weniger den Anweisungen der Regierung, sondern in erster Linie, wie sie über die Runden kommen und ihr Leben bestreiten.

Trotz alledem unternimmt der sudanesische Gesundheitsminister seit Februar erhebliche Anstrengungen, um die starke Ausbreitung des Virus einzudämmen. Darüber hinaus ist im April eine chinesische Delegation im Sudan angereist, um mit ihren Erfahrungen beizutragen, die dortige Gesundheitslage in den Griff zu bekommen. Bleibt also nur zu hoffen, dass sich die Situation im Sudan rasch verbessert.

Ins Deutsche übertragen von Melanie Rebasso
Fotos Sudan:  Mujahid Abuelgassm

 

SPANIEN

von Janneke Campen

Eines der am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder in Europa ist laut Infektions- und Todeszahlen Spanien. Und das, obwohl bereits ab dem 14. März dieses Jahres eine acht Wochen geltende Ausgangssperre im Land verhängt wurde. Welche Gründe für die rapide Verbreitung herangeführt werden können und mit welchen langfristigen Konsequenzen der Pandemie gerechnet werden muss, wird jetzt in Analysen ermittelt.

Wie kommt es also zu der besonderen Betroffenheit Spaniens?

Die Ursachen sind divers, doch das spanische Thinktank „Real Instituto Elcano“ führt sie vor allem auf folgende strukturelle Defizite zurück: Erstens, die Humangeographie Spaniens, also die hohe Bevölkerungsdichte in den Großstädten, die Vernetzung ins Ausland und schließlich die Mobilität der Spanier, die dazu führte, dass viele Großstädter zu Beginn der Pandemie in ihre Heimatregionen zurückkehrten und so das Virus aus den Städten in die kleinen Kommunen brachten. Zweitens sind die hohen Todeszahlen durch das traditionelle Zusammenleben mehrerer Generationen in einem Haushalt und des allgemein hohen Durchschnittsalters sowie durch Mängel im spanischen Gesundheitssystem bedingt. Bemerkbar machten sich die ungenügende Vorbereitung auf Pandemien, mangelnde Betreuung in Altersheimen, Engpässe in Krankenhäusern bezüglich Infrastruktur und professionellem Personal und schließlich Schwierigkeiten in der nationalen Koordination.[1] Während normalerweise die 17 autonomen Regionen für das Gesundheitswesen zuständig sind, traf während der Pandemie das Madrider Gesundheitsministerium zentralisiert die Entscheidungen für alle Regionen. Es entstanden Verzögerungen und Missverständnisse, die repräsentativ für den politischen Konflikt in Spanien sind, der sich in den letzten Jahren – hauptsächlich zwischen Madrid und Barcelona – abspielte. Es entstand der Eindruck, dass gesundheitspolitische Entscheidungen wahltaktischer Konkurrenz unterstellt wurden. Dadurch wurde unter anderem die wissenschaftliche Beratung in der Krise vernachlässigt. So wurden Daten weder verlässlich ermittelt und ausgewertet, noch ein einheitliches Programm zur Vorbeugung einer zweiten Welle aufgestellt.[2]

Unabhängig von den Entscheidungen, die zukünftig getroffen werden, wird die Pandemie gravierende Auswirkungen auf die Bevölkerung Spaniens haben. Schon jetzt leidet die Wirtschaft unter Einbußen, und es wird befürchtet, dass die in Spanien maßgebliche Tourismusbranche in diesem Sommer komplett zusammenbricht. Das hat zur Folge, dass die wirtschaftliche Existenz vieler Spanier auf der Kippe steht und in der Bevölkerung Sorgen grassieren, ob die Lebensqualität in den kommenden Jahren aufrechterhalten werden kann.

Fotos Spanien:  Maria Carmen Rodriguez

[1]http://www.realinstitutoelcano.org/wps/portal/rielcano_en/contenido?WCM_GLOBAL_CONTEXT=/elcano/elcano_in/zonas_in/wp-16-2020-otero-molina-martinez-has-spains-management-of-covid-19-been-a-failure, zuletzt aufgerufen: 06.08.2020

[2] Julia Macher, 31.07.2020, „Coronavirus in Spanien. Wer ist Schuld daran?“, In: Zeit, https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-07/coronavirus-spanien-katalonien-infektionswelle-separatismus/komplettansicht

 

BERLIN 

von Rania Joha

Seit Jahren lebe ich mit meinem Mann und meinen fünf Kindern in einem Raum in einer der Berliner Flüchtlingsunterkünfte. Dieser Raum, der eigentlich für zwei Personen gedacht ist, schränkt uns stark ein und erschwert uns, frei zu atmen. Wir schlafen, essen und lernen – alles in diesem Raum. Keiner von uns hat eine Privatsphäre. Meine Kinder müssen lernen, nebeneinander zu liegen. Diese Situation wurde mit Corona noch schwieriger und komplizierter. Es ist ein ungebetener Gast, der unser Leben stark beeinflusst hat, zumal wir gezwungen sind, unser Essen in einer Gemeinschaftsküche mit Dutzenden von Familien zur Mittagszeit zu kochen. Das bedeutet, dass wir nicht die Möglichkeit haben, gerade auch bei hohen Temperaturen im Sommer und der in Berlin verhängten Sperrfristen Abstände zu wahren oder auch das Haus zu verlassen. Jetzt werden die Bedingungen noch schwieriger; wir sitzen alle zusammen stundenlang in unserem Zimmer und haben das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Unter solchen Umständen kann man sich keine Möglichkeiten zur Distanzierung vorstellen, und der richtige Ort zum Leben wird zu einer Art Luxus, der kaum Sicherheit bietet.

Ins Deutsche übertragen von Hareth Almukdad
Foto Berlin: Rania Joha

JAPAN

von Rita Zobel

Anfang Februar machte Japan mit der Quarantäne-Verordnung für das Kreuzfahrtschiff Diamond Princess im Hafen von Yokohama international Schlagzeilen. Im Land blieben die Infektionszahlen jedoch unauffällig, zumal auch kaum Tests durchgeführt wurden. Auf die Olympiade war das Land bestens vorbereitet. Doch im Zuge der weltweiten Corona-Pandemie wurden die olympischen Spiele am 24. März 2020 abgesagt und auf das nächste Jahr verschoben.

Als Anfang April die Infektionszahlen in die Höhe schnellten, wurde vom 17. April bis 26. Mai 2020 eine landesweit geltende Notstandsregelung in Kraft gesetzt. Danach versuchte die Regierung, die Ausbreitung der Covid-19-Erkrankungen mit diversen Empfehlungen zum Verhalten zu bremsen, und bis Ende Juni war die Zahl der Neuerkrankungen stark zurückgegangen. Auch die Sterberate blieb mit sieben Toten je eine Million Einwohner sehr niedrig.

In den Medien wurde schon gerätselt, warum die Bevölkerung in ostasiatischen Ländern weniger anfällig für das Corona-Virus zu sein scheint.[1] Als Gründe wurden die bedächtige staatliche Vorgehensweise mit einem weniger strikten, aber wirkungsvollen Lockdown sowie die Rückverfolgung der Kontaktpersonen bei neuen Ansteckungen, das Contact Tracing, angeführt. Auch das disziplinierte Verhalten der japanischen Bevölkerung wird gerne herangezogen, zu der die distanzierte Begrüßungsweise ohne körperliche Berührung des Gegenübers sowie das Tragen von Masken im Alltag gezählt wird.[2]

Im Juni gab es kaum noch Neuansteckungen, und selbst Tokyo verzeichnete über einen längeren Zeitraum unter 20 Neuinfektionen pro Tag. Das führte zu umfangreichen Lockerungen. Seit dem 19. Juni 2020 kann innerhalb Japans wieder uneingeschränkt im Land gereist werden. Seit Juli wird der Inlandstourismus mit einem milliardenschweren Programm subventioniert, um den fehlenden ausländischen Tourismus auszugleichen. Tokyo wurde jedoch sofort davon ausgenommen, denn seit Mitte Juli schnellen dort die Corona-Fälle wieder nach oben, so dass die höchste Corona-Warnstufe ausgerufen werden musste. Hintergrund sind nicht nur die verstärkte Reisetätigkeit, sondern auch der lässigere Umgang mit Vorsichtsmaßnahmen in den Rotlichtvierteln der Metropole, so dass nun insbesondere junge Hostessen und junge Arbeiter in Clubs vom Virus betroffen sind.[3]

Foto Japan: Rita Zobel

[1]                https://www.dw.com/de/das-asiatische-corona-rätsel/a-53753406

[2]          Die Maske dient nicht nur dazu, um sich bei einer Allergie gegen Pollen zu schützen, sondern auch, um im Falle einer Erkältung andere nicht anzustecken. Japanische Mediziner führen die geringere Infektionsrate auch auf wirksamere Antikörper gegen das neue Corona-Virus zurück. Da es in den Nachbarländern Chinas bereits einige virusbedingte Erkältungen mit verwandten Viren gab, hätten sie mehr weiße Blutkörperchen, die SARS-CoV-2 besser abwehren können.

[3]          Im Japan Covid-19 Newsletter informiert Wolfgang Thiele regelmäßig in deutscher und englischer Sprache über die Neuigkeiten zur Krise in Japan.

 

SÜDKOREA

von Rita Zobel

Auch die Menschen in Südkorea sind an das Tragen von Masken gewöhnt. Hier jedoch vor allem wegen des sogenannten „Gelben Windes“, Sandstürme, die aus China herüberwehen und eine hohe Schadstoffbelastung aufweisen.

Anders als Japan reagierte Südkorea sofort mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen, nachdem China zum Ende letzten Jahres die Weltgesundheitsorganisation über das Auftreten einer infektiösen Lungenerkrankung unbekannten Ursprungs informierte. Schon ab dem 3. Januar galten besondere Einreisebestimmungen für Reisende aus Wuhan. Auch die Öffentlichkeit wurde umgehend über das Problem informiert. In Seoul wurde eine große Informationskampagne lanciert und gemahnt, die Hände zu waschen, beim Niesen nicht die Hand, sondern die Ellenbeuge zu nutzen und in Zügen Mund- und Nasenschutz zu tragen. Zudem wurde sehr schnell mit Massentests begonnen und Krankheitsfälle sofort isoliert. Kontaktpersonen wurden umgehend mittels Handydaten – aber auch über Bankdaten sowie Videoüberwachungsgeräte – ausfindig gemacht und ebenfalls getestet. Die Webseite „Coronaita“ weist auf „Hot Spots“ hin und verzeichnet Orte, an denen sich Infizierte in Quarantäne aufhalten. Obwohl diese Maßnahmen auch in der südkoreanischen Bevölkerung umstritten sind, spricht man auch in Deutschland vom Corona-Musterland und lobt das vorbildhafte Krisenmanagement.[4]

Dass Südkorea so schnell reagierte, liegt vor allem an den Vorerfahrungen mit dem MERS-Virus 2015, das sich schnell ausbreiten konnte, woraufhin das Land sein Gesundheitssystem reformierte. Doch trotz aller Bemühungen, die Ausbreitung des Virus zu verhindern, erfolgte bereits Mitte Februar ein rasanter Anstieg, vor allem unter Mitgliedern einer Religionsgemeinschaft in der Stadt Daegu. Die Behörden gingen drastisch dagegen vor, riefen nach dem ersten Todesfall die höchste Warnstufe für Infektionskrankheiten aus. Statt einen flächendeckenden Lockdown anzuordnen, erklärten sie jedoch nur bestimmte Gebiete zu speziellen Kontrollzentren und konnten zunächst eine weitere Ausbreitung eindämmen.

Doch gebannt ist die Gefahr nicht. Nach Feiertagen im Mai wurde das Land im Juni bereits von einer zweiten Welle erfasst, so dass auch die graduelle Wiedereröffnung von Schulen immer wieder verschoben werden musste. Für die Schüler*innen und das Lehrpersonal gilt nun während des gesamten Unterrichts Maskenpflicht, und sie sitzen allein an Tischen, die sie sich vorher zu zweit geteilt haben.

In einer Studie unter 5.700 Haushalten, die im Juli veröffentlicht wurde, konnte nun belegt werden, dass Jugendliche im Alter zwischen 10 und 19 Jahren genauso infektiös reagieren wie Erwachsene, während bei jüngeren Kindern das Risiko etwas geringer ist.[5] Daraus sollten zum Schulbeginn auch in Deutschland Konsequenzen gezogen werden.

Während Südkorea weiterhin gegen das Virus kämpft, sind in Nordkorea nach eigenen Angaben bisher keine Infektionen mit dem Corona-Virus bekannt geworden.[6]

Zum Vergleich: Die Anzahl der Todesfälle durch Covid-19 pro 1 Million Einwohner*innen belief sich am 10. August in Südkorea auf sechs (305 Tote auf 52 Millionen Einwohner*innen), in Japan auf acht (1.048 Tote auf 126,5 Millionen Einwohner*innen) und in Deutschland auf 112 Tote (9.260 auf 83 Millionen Einwohner*innen).

Foto Südkorea:  Jens-Olaf Walter

[4]          https://www.dw.com/de/südkorea-schulalltag-im-corona-musterland/a-5429653

[5]           https://www.sueddeutsche.de/politik/schule-corona-sicheheit-1.4971772?reduced=true

[6]           https://www.rnd.de/politik/kim-jong-un-preist-angeblich-corona-freies-nordkorea-3GI2FWEWE7U2VUMYRNIELDYKYU.html

 

Grafik: Hani Abbas

Die Berichte wurden im Sommer 2020 geschrieben.

Geschrieben von
Mehr von Redaktion

kulturTÜR in der DRK Kiezoase

Die wöchentlichen Treffen der Redaktion der kulturTÜR findet jetzt immer mittwochs von...
mehr