Hat ein Menschenleben überall auf der Welt denselben Wert

Mit zweierlei Maß messen: Wert und Würde des Menschen. Grafik: Nawab Ali Abuzari

Die Ermordung eines Afro-Amerikaners durch Gewaltanwendung der Polizei in Minneapolis, USA, erzeugte eine weltweite antirassistische Protestwelle. Viele Menschen drückten ihr Entsetzen über die rassistische Handlung der US-amerikanischen Polizei durch Demonstrationen oder Protestschreiben in den sozialen Medien aus. Diese weltweiten Proteststimmen gegen die Ermordung eines Menschen sind in unserer jetzigen Zeit sehr ermutigend.

Es ist sehr schmerzhaft, wenn durch missachtete Gleichberechtigung Menschen benachteiligt und unterdrückt werden. Unterdrückung, gleich wo auf der Welt, ist entwürdigend und zu verachten. Müssen die Unterdrücker weltweit nicht gleichermaßen bestraft werden? Ich sehe jedoch immer unterschiedliche Reaktionen auf die Menschenrechtsverletzungen in den Industrienationen und den Entwicklungsländern, wo es auf

ähnliche Menschenrechtsverletzungen kaum adäquate Reaktionen gibt. Mir geht die Frage durch den Kopf, warum der Tod eines einzigen Menschen so viel Mitgefühl und Reaktion mit sich bringen konnte, während der Tod Hunderter Menschen im Rest der Welt nur wenig Beachtung findet.

Zehn Tage vor dem Tod des Afro-Amerikaners George Floyd überfielen die Taliban in der afghanischen Hauptstadt Kabul eine Entbindungsstation und ermordeten über 20 Mütter, Kinder und Angestellte des Krankenhauses. Bei diesem Überfall wurden weitere 20 Personen zum Teil schwer verletzt. Gemäß der Genfer Konvention (Abkommen IV, Artikel 18 folgende) wird ein Angriff auf Krankenhäuser und deren Personal sowie auf Zivilisten als ein Verbrechen eingestuft.

Mit zweierlei Maß messen: Wert und Würde des Menschen. Grafik: Nawab Ali Abuzari

 

Die Kriegsbeteiligten sind zum Schutz der Zivilisten verpflichtet; die Täter sind international zu verfolgen. Bedauerlicherweise gab es nach dem Überfall auf das Krankenhaus – einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit – nur wenige Reaktionen seitens internationaler Menschenrechtsorganisationen.

Ein ähnliches Vergehen widerfuhr einigen Afghanen, die illegal in den Iran fliehen wollten. Sie wurden von Grenzsoldaten in einem See ertränkt oder samt ihren Fahrzeugen in Brand gesetzt, was zum Tod einiger Flüchtlinge führte. Zu diesen unmenschlichen Vorfällen hat man keinerlei Reaktionen seitens irgendeiner Menschenrechtsorganisation oder seitens der Weltöffentlichkeit gehört.

In Afghanistan gehören solche Ereignisse bedauerlicherweise seit Jahren zur Tagesordnung und werden sich möglicherweise wohl auch in Zukunft wiederholen. Die Frage sei also erlaubt, ob ein Menschenleben wirklich überall in der Welt den gleichen Stellenwert hat? Falls die Frage bejaht wird, fragt man sich, warum es kaum Reaktionen zu den vielen Verbrechen in Afghanistan gibt.
Das Verbrechen gegen George Floyd in den USA war grausam und schmerzhaft. Die Solidarität und das Mitgefühl der Menschen weltweit sind sehr ermutigend und stärkend. Und doch bleibt für mich die Frage offen, warum die Reaktion der Weltöffentlichkeit auf bestimmte Ereignisse so unterschiedlich und differenziert ausfällt. Es ist schon erstaunlich, dass trotz aller Verbrechen, die die Taliban in Afghanistan täglich verüben, diese nicht nur ungestraft bleiben, sondern die Taliban sogar als Gesprächspartner bei den Friedensverhandlungen akzeptiert, ja sogar hofiert werden. Nach internationalen Vereinbarungen müssten die Taliban vor Gericht gestellt und für ihre Verbrechen verurteilt werden. Umso enttäuschender ist es, dass gegen diese Terrorgruppe nicht vorgegangen wird.

Ich möchte abschließend meine Frage wiederholen: Hat ein Menschenleben überall auf der Welt denselben Wert?

 

Ins Deutsche übertragen von M. Schams, Parsi Sprachendienste

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Geschrieben von
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