„Papa, was ist ein Fremder?“

Foto: Hiba Hamdan

Höchste Zeit, an einen Bestseller gegen Rassismus zu erinnern!

„Papa, was ist Rassismus? Was genau ist ein Fremder? Sind Ausländer anders als wir? Haben die Menschen einander schon immer misstraut und bekämpft , anstatt sich besser kennenzulernen? Warum haben die Afrikaner schwarze und die Europäer weiße Haut?“

Fragen über Fragen, die die zehnjährige Mérièm ihrem Vater stellte, als sie ihn 1997 in Paris auf einer Demonstration gegen die Verschärfung des Ausländergesetzes begleitete. Fragen, die der Vater nicht im Vorbeigehen beantworten konnte.

Mérièms Vater, Tahar Ben Jelloun, geboren 1944 in Marokko, ist Philosoph, Psychologe und Schriftsteller. Er emigrierte 1971 nach Paris und lebt dort mit seiner Frau und seinen vier Kindern.

Nach den vielen, langen Gesprächen entschloss er sich, ein Buch darüber zu schreiben. „Le racisme expliqué à ma fi lle“ (etwa: Wie ich meiner Tochter den Rassismus erklärte), so lautet der im Vergleich zur deutschen Ausgabe viel deutlichere französische Buchtitel. Erschienen 1998, wurde er in Frankreich ein Bestseller und zur Pflichtlektüre in Schulen. Das Buch wurde in 25 Sprachen übersetzt. Ben Jelloun bleibt in den Dialogen mit seiner Tochter sehr einfühlsam, aber sachlich und konkret. Es war sein Ziel, Fremdenhass, Diskriminierung
und Rassismus als gesellschaftliches Symptom aus Angst und Unwissenheit nicht nur für seine jugendliche Leserschaft zwischen acht und vierzehn Jahren, sondern auch für interessierte Erwachsene, die sich einen allerersten Einblick in diesen schwierigen Themenkomplex verschaff en wollen, transparent zu machen. Hilfreich fließen dabei notwendige Begriffserklärungen, Informationen und Erläuterungen zu Mérièms vermeintlich naiven Fragen ein.

Tahar Ben Jelloun: Papa, was ist ein Fremder?, rororo Rotfuchs, Reinbek bei Hamburg,
 Mai 2000,  www.rowohlt.de/fm/39/BenJelloun_Papa.pdf

In seinem Vorwort schreibt der promovierte Psychologe, dass er die ursprünglichen Dialoge mindestens fünfzehnmal umgearbeitet hat, um einen „effizienten pädagogischen Text“ daraus zu machen. Er diskutierte ihn mehrmals mit seiner Tochter, ihren Schulfreundinnen und seinen Kollegen. „Der Kampf gegen Fremdenhass und Rassismus“, so schreibt er, „beginnt mit der Erziehung.“ In diesem Plädoyer für Respekt und Achtung vor jedem Menschen hat Tahar Ben Jelloun schon damals einen sehr wichtigen Punkt hervorgehoben, der immer noch aufgrund des erneut stärker werdenden Rassismus in Deutschland eine wichtige Rolle spielt. Er erklärt: „… denn im Gegensatz zur Tierwelt lässt sich die Menschheit nicht in Arten und Rassen einteilen. … Es gibt keine menschlichen Rassen, es gibt nur eine Menschheit mit Männern und Frauen, Menschen verschiedener Hautfarben, Große und Kleine, ein jeder mit unterschiedlichen Fähigkeiten. Rassen gibt es bei den Tieren.“

Heute strebt die Bundestagsfraktion der Grünen eine Grundgesetzänderung (GG) an, denn der Begriff „Rasse“, der für Menschen wissenschaftlich widerlegt ist, soll aus dem Gleichheitssatz in Artikel III 1 GG gestrichen werden. Danach darf niemand wegen seiner Rasse benachteiligt oder bevorzugt werden.

Dieses Buch und auch weitere, wie „Papa, was ist der Islam?“, wurden mittlerweile zu internationalen Beststellern. Ben Jelloun wurde mehrfach national und international ausgezeichnet. Nicht nur in Frankreich, sondern auch bei uns sollte dieses Buch als Handreichung für die Erziehung mehr Aufmerksamkeit finden.

Interessierte haben die Möglichkeit, im Internet auf Unterrichtsmaterialien zu diesem Buch zuzugreifen, denn der Text legt den Finger in die Wunde unserer Gesellschaft und ist leider damals wie heute aktuell.

 

Geschrieben von
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