Noch immer auf dem Boot

Griechenland September 2015

 

 

 

Im November vor fünf Jahren, genauer gesagt am 17. November 2015, um 8 Uhr morgens, befand ich mich gemeinsam mit etwa 30 weiteren Personen an Bord eines Bootes. Wir waren gerade dabei, das Meer zwischen der türkischen Küste und der griechischen Insel zu überqueren, während unser aller Schicksal von genau zwei Dingen abhing: zum einen von der Motorkraft des Bootes und von der vorhandenen Spritmenge, die möglicherweise nicht bis zu unserem Ziel reichen würde, zum anderen – was viel wichtiger war – von Wellengang und Wetter. Ich weiß noch, dass wir unsere Überfahrt wegen zu hoher Wellen und Regen bereits einige Male davor verschieben mussten.

 

Auch am besagten Tag zeigte sich die Sonne kaum. Ihre Strahlen reichten gerade mal dafür, den Tag mit Licht zu erhellen, keineswegs aber, um unsere zitternden Körper zu wärmen. Während ich auf dem Weg zu unserem Ziel jede Sekunde zählte, fixierten meine Augen die griechischen Inseln vor mir. Der Route und Geschwindigkeit des Bootes nach sollten wir ungefähr anderthalb Stunden dorthin brauchen – das Meer war allerdings anderer Meinung. Denn mit jeder hohen Welle wurden wir wieder ein paar Meter zurückgedrängt, der Motor schwächer und der Sprit weniger. Kurzum: Mit jeder Welle rückte unser ungewisses Schicksal näher an uns heran und die Aussicht darauf zu überleben, weiter von uns weg. Die raue Natur lässt sich von menschlichen Gefühlen und dem Weinen der Kinder eben nicht beeindrucken. Aus anderthalb Stunden wurden wegen des starken Wellengangs fast drei Stunden – die längsten drei Stunden meines Lebens. Kaum hatten wir die Küste erreicht, fiel uns ein riesiger Stein vom Herzen. Wir alle waren überzeugt, dass Sicherheit und Stabilität nun zum Greifen nah wären. Bis zu meinem Ziel, Deutschland, wartete aber zunächst einmal noch ein weiterer Monat der Reise auf mich. 

 

In Deutschland angekommen, nahm ich als Allererstes das Deutschlernen und meine berufliche Absicht – eine Tätigkeit in der Medienbranche – in Angriff. Dabei allerdings brach eine erste unerwartete Welle am Festland über mich herein: der Erhalt der Aufenthaltserlaubnis, die als Voraussetzung dafür gilt, überhaupt an einem Sprachkurs teilnehmen zu dürfen. Die Tage und Monate zogen ins Land, und nichts geschah. Schließlich kam ich zu der Einsicht, dass sich diese Welle wohl nicht so schnell abflachen würde und ich gegen den Strom würde schwimmen müssen, um zu meinem Ziel zu gelangen. Ich beschloss also, nach Vereinen zu suchen, die kostenlose Deutschkurse anboten. In einem dieser Kurse lernte ich, erste einfache Gespräche auf Deutsch zu führen. Kurze Zeit später stieß ich durch einen Bekannten auf das kulturTÜR-Magazin, mit dem ich dann meine ersten größeren Schritte beim Deutschlernen und in Richtung Arbeitsmarkt tat. Aus einer zunächst unentgeltlichen Tätigkeit wurde nach einiger Zeit eine Honorartätigkeit. Zwar konnte ich meine monatlichen Arbeitsstunden anfänglich nur an einer Hand abzählen, mit der Zeit wurden sie aber immer mehr, sodass ich dadurch in einem ersten Schritt auf einen großen Teil der Sozialhilfe verzichten konnte und diese schließlich infolge einer anderen Anstellung überhaupt nicht mehr in Anspruch nehmen brauchte.

Während all dieser Zeit schlugen die Wellen um mich herum manches Mal so hoch, dass mir die Luft zum Atmen wegblieb und ich mich nicht mehr imstande sah weiterzuschwimmen. Aufgeben war für mich aber zu keinem Zeitpunkt ein Thema, nicht zuletzt, da ich dieses Wort schon vor vielen Jahren aus meinem Wortschatz gestrichen hatte.

Mit jeder Welle, die am Festland über mich hereinbrach, wurde ich wieder ein weites Stück von meinem eigentlichen Ziel zurückgeworfen, verlor sich meine Zielgerichtetheit und geriet mein Ehrgeiz ins Wanken. Auch Wellen des Hasses waren dabei und schlugen meiner Familie und mir vonseiten der neuen Gesellschaft entgegen. Jene Wellen bäumten sich quasi überall vor uns auf, angefangen von Behörden und Arbeitsämtern über Krankenhäuser und öffentliche Verkehrsmittel bis hin zu Parks, Kinderspielplätzen und Einkaufszentren. Mit viel Geduld und aufgesetztem Lächeln versuchten wir, auch diese heftigen Wogen zu überstehen. Ihnen war es auch geschuldet, dass es uns unsagbar schwerfiel, so etwas wie Ruhe in unser Leben einkehren zu lassen. Ja, mit jeder dieser Wellen waren wir wieder beim Nullpunkt angelangt, insbesondere was unsere Integration in die neue Gesellschaft anbelangte. Meine einstige Auffassung, dass nur dem Meer die Gefühle, Ängste und Bedürfnisse des Menschen fremd wären, ist nach zahlreichen Erlebnissen und lehrreichen Erfahrungen der Einsicht gewichen, dass das Meer und seine Wellen gegenüber uns und unseren Schwächen erbarmungsvoller waren als so mancher Mensch es war.

 

Tage und vielleicht sogar Monate werden noch vergehen müssen, bis endlich Erleichterung und das Gefühl, endlich angekommen zu sein, eingekehrt sind. Zwar ist die See im Moment ruhig, aber wie man so schön sagt: Der Schein kann trügen. Und genauso kann es passieren, dass man von einem Moment auf den anderen wieder einmal von einer kräftigen Welle überrollt wird. Nach so einer Welle sitzen meine Familie und ich dann beim Abendessen zusammen und fragen uns wieder einmal, was wir bloß falsch gemacht haben, dass uns diese Welle des Hasses entgegenschlägt. Wir fragen uns, wie lange wir noch an Bord des Bootes festsitzen und von Wellen hin und her geschleudert würden. Die Reise mit dem Boot dauerte drei Stunden, unsere Reise Richtung Ruhe und Frieden dauert mittlerweile schon fünf Jahre – die sichere Küste haben wir aber immer noch nicht erreicht. Unser Gespräch beim Abendessen wird immer länger, eine Frage ergibt die nächste, und das Essen wird kalt. Am Ende sind weder unsere Bäuche voll noch haben wir Antworten auf unsere Fragen gefunden.

 

Ins Deutsche übertragen von Melanie Rebasso

 

Geschrieben von
Mehr von Hareth Almukdad

Bosra – die Uneinnehmbare

Die Stadt Bosra, deren Name laut den alten semitischen Schriften „Festung“ oder...
mehr