Tradition mit bitteren Schmerzen

Beschneidung im Sudan

Beschneidung von Frauen im Sudan

 

Als an jenem Morgen das Handy der 25-jährigen Fatima läutete und sie die Nummer auf dem Display erblickte, konnte sie es kaum erwarten abzuheben. Es war ihr Verlobter, der sie anrief. Was sie zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht wusste: Am Ende des Gesprächs sollten bittere Schmerzen und lebensverändernde Erkenntnisse auf sie warten.

 

Fatima hob also ab, und die beiden tauschten einige liebevolle Worte aus. Sie erzählte ihm von den Hochzeitsvorbereitungen und dem Hochzeitskleid, während er ihr über das zukünftige gemeinsame Zuhause berichtete, das bis auf ein paar Kleinigkeiten – die auch noch nach der Hochzeit in einem Monat besorgt werden könnten – so weit vorbereitet sei. Plötzlich vernahm Fatima die Stimme eines Mädchens, das im Hintergrund ihres Verlobten vor Schmerz hysterisch zu schreien schien. Beunruhigt fragte sie ihren Verlobten: „Hassan, was ist das denn für ein Geschrei? Da weint doch ein Mädchen vor Schmerzen!“ Kichernd antwortete er ihr, dass es seine siebenjährige Nichte sei, die gerade von den Frauen beschnitten werde. „Etwas ganz Natürliches“, fügte er hinzu. 

Fatima war fassungslos. Ihre bestürzte Reaktion wiederum machte Hassan stutzig, sodass er nachhakte: „Hast du das als junges Mädchen denn nicht erlebt?“ Seine Frage kommt nicht von ungefähr: Die Frauenbeschneidung ist im Sudan ein traditioneller Brauch und wird bei jungen Mädchen durchgeführt, weil man dort der falschen Ansicht ist, dadurch die Jungfräulichkeit des Mädchen bis zu ihrer Hochzeit erhalten zu können.

„Nein, ich bin nicht beschnitten“, war Fatimas Antwort, mit der sie sofort den Zorn ihres Verlobten auf sich zog. Denn dieser verlangte sogleich von ihr, die Beschneidung alsbald und noch vor der Hochzeit nachzuholen. Nicht nur, dass Hassan vehement auf die Beschneidung bestand – er drohte ihr, andernfalls die Hochzeit platzen zu lassen. Er werde sie heiraten, sobald ihre Wunden verheilt seien.

Fatima war mit Hassans Forderung absolut nicht einverstanden und sagte ihm, dass sie sich keinesfalls beschneiden lasse, was auch immer geschehen würde. Kaum hatte sie aufgelegt, brach sie in Tränen aus. Nach diesem Telefonat sprach Fatima mit ihren Freundinnen und ihrer Mutter, die Hassans Forderung genauso wenig zustimmten. Einige andere Frauen aus ihrem Umfeld hingegen drängten sie dazu, die Beschneidung durchführen zu lassen, damit sie ihren Verlobten nicht verliert und ihn zufrieden stimmt.

Fatima aber blieb bei ihrem Entschluss – sie wollte sich keinesfalls beschneiden lassen, auch wenn ihr Verlobter immer wieder versuchte, sie davon zu überzeugen, es doch zu tun. Er sah einfach nicht ein, dass dieser Brauch nicht nur lebensgefährlich für die Mädchen ist, sondern er sich auch negativ auf das Eheleben auswirkt und entsetzliche Folgen nach sich zieht, die sie ihr Leben lang begleiten. Beispielsweise die unterträglichen Schmerzen während der Geburt – neben den ohnehin kaum auszuhaltenden Schmerzen, die man als gebärende Frau erfährt.

Von alledem aber wollte Hassan nichts wissen. Fatima begrub also ihre gemeinsamen Hochzeitspläne und damit auch ihre Beziehung mit ihm.

 

Nachdem ein paar Monate vergangen waren und sie den Trennungsschmerz überwunden hatte, entschied Fatima sich, einigen Gruppen beizutreten, die sich dem Kampf gegen die Beschneidung der Frau verschrieben hatten und auf die Gefahren aufmerksam machen, die dieser archaische Brauch mit sich bringt. Und in der Tat zeigt die Arbeit dieser Frauen zumindest in der Hauptstadt Khartoum schon große Erfolge. In den anderen Provinzen jedoch ist die Beschneidung leider nach wie vor eine gängige, als natürlich empfundene Praxis. Um diese zu bekämpfen, laufen im Sudan zurzeit nicht nur sehr viele Initiativen gegen die Frauenbeschneidung, sondern es wurde auch ein Gesetz beschlossen, das all jene bestraft, die Beschneidungen durchführen. Hoffentlich wird dieses Gesetz auch bald Anwendung finden.

 

Ins Deutsche übertragen von Melanie Rebasso

 

Geschrieben von
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