Warum schreibst du nicht auf Deutsch

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Hohe Anforderungen an Neu-Berliner

Stellen auch Sie sich manchmal eine perfekte Welt vor, in der der Mensch frei von jeglichen Schwierigkeiten und erdrückenden Problemen ist?

Als ich nach Deutschland kam, hatte ich ein Bild von einem perfekten oder zumindest nahezu perfekten Land in meinem Kopf. Hier würde es so was wie Demütigung oder Ungerechtigkeit nicht geben. Ein Vorkommnis, das ich bis heute nicht vergessen kann, hat mich aber schon kurz nach meiner Ankunft eines Besseren belehrt: Es war ungefähr Ende 2014, ich saß gerade in der U-Bahn und tippte eine Nachricht auf Arabisch an meine Verwandten in Syrien, in der ich mich nach ihnen erkundigte. Eine Frau stieg zu, setzte sich neben mich und starrte wie gebannt darauf, was ich da schrieb. Als ich mich und mein Handy von ihr wegdrehte, fragte sie mich auf Deutsch, das ich zu jenem Zeitpunkt noch kaum verstand: „Warum schreibst du nicht auf Deutsch?!“ In dürftigem Englisch erwiderte ich entschuldigend, dass ich neu in Berlin sei und deshalb noch kein Deutsch gelernt hätte. Sie fragte weiter: „Woher kommst du?“ Als ich ihr antwortete, dass ich aus Syrien sei, fuhr sie mich laut an: „Warum gehst du nicht in dein Land zurück?!“ Ich versuchte ihr zu erklären, dass dort Krieg herrscht und Syrien nicht sicher ist, wurde dabei aber von ihr unterbrochen: „Du bist kein Deutscher, sprichst kein Deutsch, also hast du dorthin zurückgehen, von wo du gekommen bist!“, tobte sie immer lauter und brüllte sie mir buchstäblich ins Gesicht. Zwar verstand ich nicht genau, was sie alles zu mir sagte, aber ihre Körpersprache machte mehr als deutlich, was sie mir mitteilte. Inzwischen hatte unser „Gespräch“ natürlich auch die argwöhnischen Blicke von den Fahrgästen um uns herum auf uns gezogen. Ich stand auf, stieg an der nächsten Haltestelle aus der U-Bahn aus und fragte mich nur eines: Warum in aller Welt war das gerade eben bloß geschehen? Ich ging die Straße entlang, in meinem Kopf noch immer dieses Bild der Frau, die mir ins Gesicht brüllt. 

Als ich einer befreundeten deutschen Journalistin von diesem Erlebnis berichtete, erzählte sie mir von anderen, die Ähnliches erlebt hätten. Sie riet mir auch, mir diese rassistischen Anfeindungen nicht zu Herzen zu nehmen. Abgesehen von diesem einen Erlebnis funktioniert das Zusammenleben dank der Hilfe unserer deutschen Freunde aber mittlerweile schon recht gut. Sie waren uns eine Riesenhilfe im Alltag, auch noch nachdem ich mit meiner Familie in unsere eigenen vier Wände umgezogen war. Sie unterstützen uns beim Deutschlernen und griffen uns in herausfordernden Situationen unter die Arme. Unsere Familie ist klein, sie besteht aus vier Personen. Gemeinsam versuchen wir vier, im Leben noch einmal von vorne zu beginnen – mit der Eröffnung unseres eigenen Restaurants, das ich gemeinsam mit meiner Frau führe. In Syrien arbeitete ich viele Jahre als Rechtsanwalt, in diesem Berufsfeld kann ich hier jedoch nicht tätig sein; meine Frau hingegen arbeitete als Englischlehrerin. Unser Sohn macht gerade eine Informatik-Ausbildung, die er im nächsten Jahr abschließen wird. Und unsere Tochter schloss dieses Jahr die Nelson-Mandela-Schule mit ihrem Abitur ab und bereitet sich nun auf ihr Jurastudium an der Uni vor. Durch unsere Arbeit im Restaurant konnten wir viele Leute aus der Nachbarschaft kennenlernen und wunderbare Freundschaften schließen.

Ich bin der Meinung, dass die ablehnende Haltung einiger – weniger – Leute gegenüber anderen Menschen, die als Störung des sozialen Miteinanders in Erscheinung tritt, meistens auf Unkenntnis und manchmal sogar auf Angst vor dem – allgegenwärtigen – Unbekannten zurückzuführen ist. Was man nicht kennt und woran man nicht gewöhnt ist, wirkt auf dem ersten Blick befremdlich und abstoßend. (Viele Freunde von mir, die wie ich Flüchtlinge sind, haben übrigens die gleiche Feststellung gemacht. Nachdem ihnen Deutsche anfänglich mit einer feindseligen oder zumindest ablehnenden Haltung begegnet waren, entwickelte sich später, nach besserem Kennenlernen und einer gewissen Zeit des sozialen Miteinanders, eine starke Freundschaft zwischen ihnen.)

Heute, nach fast 6 Jahren, ist Rassismus ein Thema, um das man nicht herumkommt, sondern mit dem man vielmehr einfach leben muss. Eine Gesellschaft, in der alle die gleiche Einstellung teilen, ist unmöglich, ja, verschiedene Ansichten muss es nun mal genauso geben, wie das Gute und das Böse gleichzeitig nebeneinander existieren. Das braucht es eben, damit wir erkennen können, was richtig und was falsch ist. Das Verständnis von einer geeinten Gesellschaft, bei der alle Mitglieder gleichermaßen vom Miteinander, der Selbstverständlichkeit von Unterschieden und gegenseitigem Verständnis überzeugt sind, hat etwas von Illusion …

 

Ins Deutsche übertragen von Melanie Rebasso

 

Geschrieben von
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