Corona-Alltag in Prag

Foto: Marta Vraná

 

von Marta Vraná

Ein Tag im Leben einer Sprachlehrerin

Morgens müssen meine hypermobilen Gelenke sich besinnen, wo sie hingehören: Stundenlanges Sitzen vorm Rechner ist eine der Tücken des Distanzunterrichts. Seither beginnt der Tag mit Morgensport.

Ganz anders ging es im Herbst zu, als ich um 6:50 Uhr mit dem Fahrrad losfuhr. Immer hatte ich gedacht, dass es von meinem Zuhause am Stadtrand bis zur Schule mit dem Rad nicht zu schaffen ist. Doch dreimal umsteigen und dann noch der Stress wegen des Ansteckungsrisikos? Nein, das lohnte sich nicht. Und so wurde das Fahrrad zu meinem Hauptverkehrsmittel. Märchenhaft am linken Ufer entlang der morgendlich stillen Moldau, mit dem lustigen Fährmann hinüber zum vielbefahrenen Radweg am rechten Ufer und schließlich ein wenig Adrenalin am vielumfahrenen Nationaltheater.

Um acht beginnt der Unterricht, nunmehr komplett auf Distanz. Videokonferenzen am Vormittag, nachmittags und abends Vorbereitung der selbstständigen Arbeit für die Schüler*innen und Kontrollieren der vorigen Aufgaben, Chat-Fragen, E-Mails, Webinare … Mittags eine Pause mit Spaziergang und Mittagessen. Das sagt sich so leicht – Mittagessen. Aber wann sollte ich das kochen? Dann eben etwas Schnelles, und manchmal bestellen wir etwas. Schließlich wollen die Restaurants auch unterstützt werden.

So übersichtlich ging es nicht immer zu. In den letzten Monaten gab es viel Hin und Her und mindestens acht verschiedene Stundenpläne. Die Corona-Zahlen stiegen in bedrohliche Höhen, die Regierung glänzte durch sprunghafte Regulierungsversuche („Die Deutschen haben Merkel, die Tschechen einen kleinen Trump“).

Zum Glück wurde unser Videokonferenz-Tool um „break-out rooms“ ergänzt. So können die Schüler endlich zu zweit oder in kleineren Gruppen arbeiten und haben die Möglichkeit, wieder mehr zu sprechen. Wir Sprachlehrer*innen hatten uns ständig den Kopf zerbrochen, wie man die Schüler*innen dazu bringt, mehr als einen Satz pro Stunde zu sagen. Da hat Honza dauernd vergessen, das Mikrofon einzuschalten, das bei Eliska gar nicht funktionierte, und Adam kam zehn Minuten zu spät, während Jakub nicht mitbekommen hat, was gerade läuft … Ja, eine ganze Gruppe konzentriert zu halten, ist mitunter schwierig, online umso schwieriger. Es braucht die rechte Motivation. Wie sagt Frau Dr. Marion Grein aus Mainz? – Das limbische System muss merken, dass etwas relevant ist. Gut, dass unsere Lehrbücher mit toller online-Unterstützung, flotten Clips und Songs und allem anderen ausgestattet sind, damit sich meine Schüler*innen amüsieren.

An unserem großartigen Gymnasium können wir uns nicht beschweren, die Schüler*innen haben es sich ausgesucht, die Eltern unterstützen sie darin, die Kolleg*innen helfen einander – die Informatiker*innen haben schon einen Heiligenschein, und Hut ab vor dem Kollegen, der die Stundenpläne baut. Die Mehrzahl der Schüler*innen und Eltern sind mit dem Online-Unterricht zufrieden. Trotzdem ist das nichts für jedermann: Dem einen fehlt die Disziplin dafür, dem anderen macht Alleine-Lernen keinen Spaß. Einer hat wenigstens angefangen, sich mit einem deutschen Freund vom Austauschjahr zu unterhalten, anderen haben Mitschüler*innen oder Großeltern geholfen. Manche kann ich bei individuellen Konsultationen überzeugen, und anderen gefallen die Songs. 

Wieder und wieder schicke ich die allzu Fleißigen zum Spazierengehen, zu Oma und Opa, zum Radfahren oder Skilaufen. Und in der nächsten Stunde erzählt ihr mir bitte davon! Nichtsdestotrotz, was auch immer ich tue – die Verantwortung fürs Lernen müssen die Schüler*innen nun selbst übernehmen. Und das ist gut so. Vielleicht lernen sie etwas anderes, auf andere Weise, aber ganz bestimmt ist es keine verlorene Zeit.

Auch wir Lehrer*innen lernen ständig, ja, lebenslange Ausbildung klingt nach Klischee, aber jetzt ist das besonders intensiv. Und ehrlich gesagt, ich brauche Ergebnisse, und die Schüler*innen müssen Freude am Gelingen haben. 

Ja, die Pandemie ist eine Tragödie, besonders ohne kluge, zuverlässige und verantwortungsbewusste Politiker, aber viele Leute sind schlechter dran. Bislang schaffen wir das und unterrichten weiter. Wir haben gelernt, eine Reihe von Dingen anders zu machen, Lösungen zu finden, wir überlegen uns, was wesentlich ist. Wenn wir gesund bleiben, werden wir alle etwas fürs weitere Leben gelernt haben.

Und nun will ich den Rechner nicht mehr sehen, jedenfalls bis zum Morgen.

 

Ins Deutsche übertragen von Kathrin Kowarsch

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