Demokratische Erziehung 

Foto: Hareth Almukdad

Das Wort Demokratie ist von einem Glanz umgeben, der alle magisch anzieht, die in einer Welt von Tyrannen leben. Ist seine Definition aber nicht per Gesetz festgelegt, so werden das Verständnis dieses Wortes und die Umsetzung des dahintersteckenden Konzepts nur allzu gern missbraucht.

Als Syrer existierte die Demokratie nur in meiner Vorstellung. Im wahren Leben hatte sie ja keinen Platz. In einem Land, wo der Vater nach dreißigjähriger Herrschaft die Macht auf direktem Wege an seinen Sohn vererbt, der wiederum Syrien nunmehr selbst seit zwanzig Jahren unter einer Diktatur führt, wird seit Jahrzehnten auf die gleiche Weise geschaltet und gewaltet: Ob in der Schule, im Klub, auf der Straße, in der Behörde oder sogar zu Hause – überall stößt man auf diesen einen Diktator im Kleinformat, der der festen Überzeugung ist, dass sämtliche seiner Entscheidungen unantastbar und kritiklos hinzunehmen sind. So meint zum Beispiel ein Schuldirektor besser zu wissen, was gut für die Schüler ist als deren Eltern – wie lässt es sich sonst erklären, dass den Erziehungsberechtigten nicht gestattet ist, ihre Meinung zum Unterrichtsgeschehen zu äußern? Ein Bezirksvorsteher braucht auf die Meinung seiner Angestellten und Mitarbeiter ebenfalls nichts zu geben, da er sowieso stets alles besser weiß und immer recht hat. Und zu Hause setzt sich so mancher Vater selbst die Krone auf und ist der Auffassung, dass in den eigenen vier Wänden nur er allein das Sagen hat. Der Imam seinerseits erteilt Fatwas, wie es ihm gerade passt, während der Priester mit der Reinwaschung von Sündern wieder für Zucht und Ordnung sorgt.

Aus solch einem Umfeld heraus in eine Gesellschaft zu kommen, die auf dem Prinzip gleicher Rechte und Pflichten basiert und deren Grundlage die Demokratie und Akzeptanz andersartiger Meinungen sind, ist mit Sicherheit keine so einfache Sache.

Wir Neuankömmlinge in dieser Gesellschaft sollten nicht länger über Integration sprechen, sondern vielmehr damit beginnen, unser Leben neu aufzubauen. Schließlich soll auch bei uns endlich einmal Stabilität einkehren. Diese beginnt mit dem Verständnis der uns in diesem Land gewährten bescheidenen Rechte. So sind wir jetzt ein Teil dieser Gesellschaft und haben als solcher auch die gleichen Pflichten, aber nicht die gleichen Rechte. So wird uns beispielsweise nur unter bestimmten Voraussetzungen das Recht zugestanden, unseren Wohnort selbst zu bestimmen. Wir sind Zeugen von Wahlen, bei denen über unser Schicksal entschieden wird, aber wir sind nicht mit unserer Stimme vertreten. Bei keinem Parlament und keiner Regierung können wir unsere Stimme abgeben, um mitzureden, wer uns vertritt. Mit uns geht man genauso um wie mit den Kindern: Die hiesige Gesellschaft weiß, was für uns am besten ist, und trifft für uns die Entscheidungen. 

Aber auch wenn wir keine Parlamentsmitglieder wählen können, so ist es uns doch zumindest möglich, zum Beispiel am Elternausschuss im Kindergarten oder in der Schule mitzuwirken. Und dies ist immerhin ein erster Schritt in Richtung unserer demokratischen Selbstbildung. Denn der Bildungs- und Erziehungsprozess in Deutschland ist gänzlich anders als in unseren Herkunftsländern. So spielt hierzulande die Meinung der Erziehungsberechtigten eine sehr wichtige Rolle, sie wird angehört und berücksichtigt. Hier käme niemand von den Eltern auf den Gedanken, die Redewendung „Das Fleisch gehört euch, die Knochen uns“ zu bemühen, die in unseren Herkunftsländern von den Eltern gegenüber den Lehrern häufig zitiert wird. Mit diesem Satz wird den Lehrern von elterlicher Seite offiziell die Freiheit eingeräumt, mit dem eigenen Kind so umzuspringen, wie sie es gerade als richtig erachten – und sei es, dass sie ihm eine kräftige Tracht Prügel verpassen.

Hier in Deutschland hingegen gibt es für die Erziehungsberechtigten die Möglichkeit, an sogenannten Elternabenden teilzunehmen, wo mit den Lehrer*innen der eigenen Kinder über jede noch so kleine oder große Angelegenheit diskutiert werden kann. Es gibt hier nichts, das als in Stein gemeißelt oder unantastbar hingenommen werden muss, sämtliche Dinge können besprochen und bei Bedarf umgestaltet werden. Auch was die Kinder hier in der Schule lernen, unterscheidet sich vollkommen von dem, was wir in unseren Ländern in den Schulen vermittelt bekamen: Hier können sie über Politik sprechen, ja sie haben ab der 7. Klasse sogar Unterricht im Fach Politische Bildung. Außerdem wird in der Schule die Meinung der Kinder auch in Bezug auf solche Details eingeholt, die wir bisher gar nicht als wichtig betrachtet haben. Und nicht anders als die Schule sollte man es als Elternteil zu Hause machen: Wir sollten uns daran gewöhnen, mit unseren Kindern in Dialog zu treten, sie dabei unterstützen, ihr Gegenüber unabhängig von dessen Meinung zu akzeptieren, sodass andere Kinder der Meinung unserer Kinder auf die gleiche Weise begegnen.

Ich als Vater, der 25 Jahre lang in einer Diktatur gelebt hat, weiß, dass das nicht gerade leichtfällt. Aber es gibt für alles ein erstes Mal. Erlauben wir unseren Kindern also das, was uns mit Gewalt verboten wurde. Stärken wir ihr Selbstvertrauen und beziehen wir sie in unsere Entscheidungen ein. Denn die Schule und der Kindergarten sind ein Fundament, auf dem sich ihr Leben aufbaut. Wenn es wackelig ist, wird es ihnen im Leben an Stabilität fehlen. Bringen wir ihnen bei, dass sie weder integraler Bestandteil noch Außenseiter dieser Gesellschaft sind und vor allem, dass sie gleich wichtig sind wie alle anderen Kinder in ihrem Umfeld.

 

Ins Deutsche übertragen von Melanie Rebasso

 

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