Erzähl mir von meinem Land

 

Wenn sich die Großmutter an die Hochzeit in Palästina erinnert..

Als palästinensisches Mädchen waren die schönsten Momente für mich, wenn meine Großmutter uns von ihren wunderbaren Erinnerungen erzählte. Gespannt lauschte ich dann ihren Geschichten über mein Land, denn bedauerlicherweise hatte ich bisher noch nicht die Möglichkeit, es selbst zu besuchen. Die Gesetze der israelischen Regierung verbieten nämlich den Palästinensern, in ihre Gebiete, aus denen sie vertrieben wurden, zurückzukehren und sogar sie zu besuchen. Meine Verbindung zu Palästina beschränkt sich also auf die Erzählungen meiner Großeltern und Eltern und einige alte Fotos, die meine Familie bei ihrer Vertreibung mitnehmen konnten.

 

Meine Freude, wenn uns unsere Großmutter von unserer Heimat, von den Bräuchen und Traditionen dort erzählte, war jedes Mal riesengroß, wobei ich ihre Geschichten von den Hochzeitsbräuchen immer am spannendsten fand. Zu diesen Bräuchen gehörte zum Beispiel, dass der Bräutigam mit den Ältesten seiner Familie, Verwandten und Bekannten bei den Ältesten der Brautfamilie vorstellig wurde, um bei ihnen offiziell um die Hand seiner zukünftigen Braut anzuhalten. Nach deren offizieller Zustimmung ging es dann mit den Hochzeitsvorbereitungen los. Die Hochzeitsfeierlichkeiten selbst begannen bereits eine Woche vor der Eheschließung jeweils im Elternhaus der Braut und des Bräutigams. Volkslieder, palästinensischer Sprechgesang und das typische Trillern der Frauen begleiteten die Feierlichkeiten die ganze Zeit über, wobei ein Part davon den Männern vorbehalten war, der andere den Frauen. Eine weitere Tradition war die Henna-Nacht, die am Abend vor der Hochzeit im Elternhaus der Braut stattfand. An diesem Abend versammelte sich die Braut mit ihrer Familie und ihren Freundinnen und trug dabei ein prächtiges, mit goldenem Muster versehenes oder besticktes Kleid, das aus allen anderen Kleidern herausstach. Manchmal beendete die Braut ihr Henna-Fest schon in den frühen Abendstunden, um zusammen mit ihrer Mutter und ihren Schwestern zum Haus des Bräutigams aufzubrechen, wo wiederum eine Junggesellenfeier stattfand, und dort die Feierlichkeiten gemeinsam mit dem Bräutigam fortzusetzen.

 

Was das Hochzeitsfest betrifft, gab es ebenfalls einen besonderen Brauch: Die Braut wechselte während der Hochzeitsfeierlichkeiten siebenmal ihr Kleid, wobei jedes davon wunderschön bestickt war und eine andere Farbe hatte. So war der Braut bei der Hochzeitsfeier die Aufmerksamkeit gewiss und sie zeigte damit der Familie des Bräutigams und den Hochzeitsgästen stolz, dass sie die besten und schönsten Kleider hatte. Ein weiterer Brauch bestand darin, dass die Braut ein Stück Teig auf die Haustür klebte – das sollte Glück bringen, denn Weizen ist das Symbol fruchtbaren, sorgenlosen Lebens. 

Nicht unerwähnt bleiben darf auch das weit über die arabische Welt hinaus bekannte und sehr beliebte Gericht „Mansaf“: Es bildete das Hauptgericht des Hochzeitsessens und stand bei palästinensischen Hochzeiten symbolisch für Gastfreundschaft und Großzügigkeit, insbesondere wenn sie zu Hause oder im Freien ausgerichtet wurden. Ein weiterer Höhepunkt des Hochzeitsfests waren die Geldgeschenke, die dem Hochzeitspaar von Freunden und Verwandten zur Hochzeit übergeben wurden.

Nach der Hochzeit wurden dem Hochzeitspaar noch eine Woche lang Glückwunschbekundungen durch Verwandte, Bekannte und sogar sämtlichen Bewohnern des Viertels zuteil. 

 

Das palästinensische Volk versucht, weiterhin an diesen Traditionen festzuhalten, und zwar trotz der systematischen Erschwernisse vonseiten der israelischen Regierung in Form von täglichen Änderungen in den Dörfer- und Städteprofilen, die darauf abzielen, die palästinensische Identität auszulöschen. So hat sie sogar viele Städte umbenannt und änderte beispielsweise nach der Eingemeindung des Orts Jaffa nach Tel Aviv dessen Namen zu Tel Aviv-Jaffa.

 

Ins Deusche übertragen von Melanie Rebasso

 

Geschrieben von
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