Haiku

Foto: Hareth Almukdad

 

Eine einfache Momentaufnahme in konkreter, nüchterner Sprache mit erstaunlicher Wirkung – das ist ein Haiku. Das Haiku ist das dichterische Ergebnis von Gedanken, die aus dem gegenwärtigen Anblick erwachsen und die man ohne poetische Ausschweifungen inhaltlich direkt auf den Punkt bringt. In der arabischen Dichtung wird es zur Beschreibung der Natur verwendet. Eine einmalige Gegebenheit, in der sich die Schönheit der Natur als Momentaufnahme vor den eigenen Augen präsentiert, wird als Gedicht festgehalten. Haikus handeln immer von Geschehnissen und Situationen, die vom menschlichen Auge wahrgenommen werden. Das menschliche Auge kann keine übernatürlichen oder nicht-existierenden Dinge sehen. Es ist daher ein Merkmal der Gedichtform Haiku, dass sie vollkommen ohne Metaphern auskommt, denn diese würden das Gedicht seiner Schönheit berauben.

Das japanische Haiku besteht aus 17 Silben, die sich über insgesamt drei Zeilen zu je 5 – 7 – 5 Silben aufteilen. Auch das arabische Haiku setzt sich aus drei Zeilen nach dem Muster kurz – lang – kurz zusammen. Es kommt auch vor, dass sich der Verfasser nicht an dieses Muster hält, um den Geist der Situation durch einen spontanen Impuls im Text besser einzufangen. Dieser macht das Gedicht dann einmalig.

Darüber hinaus wird das Haiku immer mit Verben im Präsens geschrieben, wobei Verben grundsätzlich nur sparsam eingesetzt werden sollen, da sie die Wirkung des Textes schwächen, selbst wenn der Gedanke dahinter noch so schön ist.

Es gibt zwei Arten von Haikus: Jahreszeiten-Haikus und Alltags-Haikus. Die Jahreszeiten-Haikus beziehen sich auf eine der vier Jahreszeiten oder auf das, was mit den Jahreszeiten in Zusammenhang steht. Die Alltags-Haikus haben thematisch hingegen nichts mit den Jahreszeiten zu tun.

Das Haiku schöpft seine Energie aus der Kraft der Natur. Diese dem Haiku zugrunde liegende Kraft offenbart sich insbesondere darin, dass es die Leser*innen mit der Veränderbarkeit der Umwelt und der Vielfalt der Kulturen berührt. Aufgrund der positiven Energie und des Optimismus, die dem Haiku innewohnen und die Menschen zum Leben einladen, hat es sich schnell von Japan aus in alle Welt ausgebreitet und überall guten Anklang gefunden.

Im Folgenden ein paar Haikus aus meiner Feder:

 

Die Uhr auf dem Platz
Das Flugzeug fliegt im and’ren Takt
So auch der Taubenschwarm

 

Zur Dämmerungszeit

meinen abgetrag‘nen Schatten

die Sonne verschluckt …!

 

An der Mauer 

entspannen sich wie Zöpfe 

die Halme des Basilikums

 

Eine lange Nacht

Oh, du Damaszener-Rose,

Schläfst du immer noch?

 

Ins Deutsche übertragen von Melanie Rebasso

 

Geschrieben von
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