Kunst im Blick  

Foto : Hareth Almukdad

 

Unterschiede zwischen Orient und Okzident

 

Das Erste, was mir nach meiner Ankunft hierzulande im Spätsommer 2019 auffiel, waren die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und meiner syrischen Heimat, zwei Ländern aus zwei verschiedenen Welten. 

Die Kulturunterschiede und das unterschiedliche Kulturbewusstsein zwischen den Regionen sind das Ergebnis jahrelanger gemeinschaftlicher Arbeit und Anstrengung in den wirtschaftlich entwickelten Ländern auf der einen Seite und dem kulturellen Hinterherhinken in einigen anderen Ländern auf der anderen Seite – als würde dort in Sachen Fortschritt die Uhr stehengeblieben sein oder zumindest langsamer ticken. Die politischen und historischen Ursachen, die wesentlich dazu beitrugen, wie sich die Dinge in jenen Ländern entwickelten, seien hier einmal außen vorgelassen. 

Das Wichtigste, was ich also aus meiner ersten Begegnung mit verschiedenen Nationalitäten und Ethnien in diesem Land mitnahm, war mein Vertrauen in die Menschen, ungeachtet dessen nationaler, ethnischer oder konfessioneller Zugehörigkeit.

Kunst und Literatur waren schon seit jeher der Schlüssel zum Verständnis der Tiefgründigkeit und Kultur einer Gesellschaft. Dieser Schlüssel erlaubt seit Menschengedenken den Zugang zur größten Freiheit – durch ihn erlangen wir Einblick, wie eine Gesellschaft lebt, und er eröffnet den Raum, in dem die Probleme, das Leid und die Schönheit des Menschen sichtbar werden.

Wenn wir in die Alte Geschichte der nahöstlichen Zivilisationen eintauchen, stellen wir fest, dass ihre Kunst das damals in dieser Region vorherrschende Menschenbild verkörpert – denken wir nur an die Babylonier, Phönizier, Assyrer, Pharaonen und weitere Hochkulturen des Orients und Afrikas. Die Ausdruckskraft und Schönheit ihrer Kunstwerke und Skulpturen werden ohne jegliche körperliche Dynamik erreicht. Vielmehr zeigen ihre Kunstwerke und Skulpturen innere Stärke und Stabilität, wobei sich die Schönheit der inneren Stärke und Stabilität im Außen dieser Kunstwerke widerspiegelt – genau das ist es, was diese Werke ausmacht. 

Genau andersherum verhielt es sich später mit den europäischen Kunstwerken zur griechisch-römischen Zeit: Hier galten der Körper und dessen äußere Dynamik, dessen körperliche Kraft und Bewegung als Sinnbild der menschlichen Schönheit. 

Voller Staunen betrachten wir also heute diese prächtigen Kunstwerke, die mit so großem Geschick und enormer Kunstfertigkeit geschaffen wurden und die menschliche Größe sowie die körperliche Schönheit widerspiegeln.

Dieser Unterschied in der Art und Weise, Kunst auszudrücken, macht jede Kultur für sich zu etwas Besonderem. Er ist es auch, der unser menschliches Wesen und unsere menschliche Schöpfungskraft bereichert. 

Mit dem Zeitalter der Technologie und den rasanten Entwicklungen verschmelzen die verschiedenen Kulturen allerdings mehr und mehr miteinander, sie verflechten sich und beeinflussen sich gegenseitig. Gleichzeitig aber ist es den Missständen in einigen Ländern geschuldet, dass die Interessen der Menschen dort in erster Linie um die banalsten Lebensgrundlagen kreisen und nicht darum, was um sie herum an Entwicklung und Fortschritt geschieht, wohingegen sich die europäischen Länder bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Fortschritt bekannten. Ihre Kunst war offen für den künstlerischen Einfluss anderer Kulturen, sodass sie diesen Einfluss für ihre eigene Kunst nutzten; Künstler der Klassischen Moderne wie Picasso, Matisse und Henry Moore taten dies. Unsere morgenländische Erfahrung mit der Kunst wiederum beschränkt sich auf einige Künstlerindividuen, deren künstlerischer Fußabdruck eine Kombination aus dem Einfluss westlicher Strömungen und orientalischem Geist ist; zu diesen Künstlern zählen etwa Fateh Moudarres, Louay Kayali und Mahmoud Hammad.

Abschließend sei gesagt, dass der Wert des Menschen – und zwar unabhängig von seinem jeweiligen kulturellen Hintergrund, seiner Herkunft und seiner Lebensumstände – höher ist als jener der jeweiligen Gruppen, in die wir uns selbst kategorisieren und wodurch wir dem einen von uns einen höheren Wert beimessen als dem anderen. Der größte Respekt gilt all jenen Menschen, deren einmaliges, schöpferisches Wirken auf einem Gebiet zur Entwicklung der Menschheit beigetragen hat.

 

Geschrieben von
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