„Ich glaube wirklich an die Idee der Zukunft!“  

Foto: Yvonne Schmitt

Ein Portrait über Zaha Hadid, irakisch-britische Architektin, Innenarchitektin und Designerin 

Alle Kunst entspringt der Natur und den Träumen der Zivilisation, die wir in ihr schaffen. Um aber Naturgewalten würdig nachzubauen mit dem Geist des Menschen, braucht es Wagemut und eine Vision.

Zaha Hadid formulierte ihre Vision in einem Interview mit wenigen Worten: Ich glaube wirklich an die Idee der Zukunft. Und sie schuf Zukunft als einer der herausragenden Charaktere des 21. Jahrhunderts, die den Blick für formverändernde Kunst hatten. Sie war eine Avantgardistin der Architektur, die sich über viele zurückhaltende Zeitgenoss*innen hinwegsetzen musste, um die Anerkennung zu erwerben, die sie heute in den Augen der ganzen Welt genießt.

Direkt nach dem Abschluss ihres Architekturstudiums bekam Zaha Hadid an der Architectural Association School of Architecture in London einen Lehrauftrag und arbeitete für das Office for Metropolitan Architecture in Rotterdam. Ihre Entwürfe aber galten lange als zu utopisch, um über den Rahmen des Papiers hinauszukommen. Gewürdigt wurden sie im Guggenheim Museum und dem Museum of Modern Art in New York, aber letztlich nie auf festen Boden gesetzt. Was machte ihre Kunst so unnahbar?

Die Zeichnungen, die sie mit den Mitteln der Malerei vervollständigte, lenkten den Blick der betrachtenden Person von der Makroebene auf die Mikroebene. Die grundsätzliche Form eines Gebäudes wurde immer feiner durch Schichten, Elemente und Untergründe vervielfacht. Und sie passten sich dem Blick der Betrachtenden an, der sich ständig wandelte, die Perspektive wechselte und einen Raum imaginierte, der seine eigenen Gesetze und Hierarchien überwand.

Hadid forderte also bereits Kunstliebende heraus, die Grenzen ihres Raumdenkens zu überwinden. Für Bauherren jedoch stellten diese Konzepte eine Überforderung dar und preisgekrönte Entwürfe, wie für das Opernhaus in Cardiff, wurden letztendlich abgelehnt. Für das 20. Jahrhundert schien Hadid noch zu extravagant, zu unerschrocken und wahrscheinlich auch zu weiblich.

Bis zu dem Zeitpunkt, als der Möbelhersteller Vitra sie mit dem Bau einer Feuerwache (heute genutzt als Vitra Design Museum) in Weil am Rhein beauftragte und damit Hadid die Gelegenheit gab, die Umsetzbarkeit ihrer Architektur zu beweisen. 1993 stand die Feuerwache wie eine Skulptur aus Beton auf dem Vitra-Campus: ohne rechte Winkel und von jeder Seite unterschiedlich geometrisch gestaltet.

Hadids Konzepte gingen auf und waren von da an in vielen Teilen der Welt gefragt: In Innsbruck wurde in Windeseile eine neue Skisprungschanze für die internationale Vierschanzentournee errichtet und in Wolfsburg empfängt das Wissenschaftszentrum Phaeno seine Besucher*innen mit Ufo-Optik. International wurden zwei Opernhäuser, in Dubai und Guangzhou, das Performing Arts Center und die Scheich-Zayed-Brücke in Abu Dhabi und das Heydar-Alijew-Kulturzentrum in Baku von Hadid entworfen. Für ihre Heimat Irak entwickelte sie die Pläne für die Zentralbank von Bagdad. Auch Masterpläne zur Stadterneuerung wurden von Zaha Hadid geschmiedet, sie schuf neue Räume und Designs im Bereich der Innenarchitektur und kreierte Schmuck. Das Werk von Hadid ist schlichtweg zu umfangreich, um es in diesem Artikel vollständig zu präsentieren.

Richten wir unseren Blick also zuletzt auf ein einzelnes Werk: das Messner Mountain Museum (MMM) Corones, das die Bilder dieses Artikels zeigen. Es ist das sechste Bergmuseum von Reinhold Messner und scheint, als wolle es sich dem Willen des berühmten Bergsteigers widersetzen. Es kürt nicht, wie vorgesehen, als Krone den Berg. Eher versteckt es sich vor dem äußeren Blick, der aus der Ferne nur vier kurze Auswölbungen erkennen kann. Das Museum zieht sich in das Innere, Unterirdische zurück. Hier muss Messner seine Ausstellungsstücke anpassen an runde, vielschichtige Wände. Die Entwicklung des Bergsteigens erzählt er in einer widerwilligen Umgebung. Und die Inspiration für diese Kunst liegt ganz nah, wenn der Blick nämlich nach Außen gelenkt wird, wo sich die Dolomiten vor den Fenstern erstrecken.

Das Messner Mountain Museum war eines der letzten realisierten Projekte der Stararchitektin, die im März 2016 im Alter von nur 66 Jahren überraschend verstarb. Und doch ist Zaha Hadid weiter präsent im Diskurs über moderne Architektur. Sie bleibt präsent als erste weibliche Architektin, die den Pritzker-Preis verliehen bekam und diesem Nobelpreis der Architekturalle Ehre machte. Und bleibt umstritten in ihrer Vision: Einerseits wird sie ihrer apolitischen Haltung wegen kritisiert und andererseits eines Dekonstruktivismus wegen verehrt, den sie so nie anstrebte. Es wird ganz deutlich: Zaha Hadids Arbeit wirft Probleme auf und stellt Fragen. Ihre Architektur ist autonom und immer im Fluss. Eine Kunst der Postmoderne also; Gebäude einer Welt, die wir noch nicht begreifen.

Geschrieben von
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