Kaputte Bänke und Krieg – das Bildungssystem im Jemen

Grafik:

In einem Land, das von einem Kreislauf des Krieges und des Hungers geplagt wird, suchen viele nach einer Lösung, um dieses Leid zu beenden. Viele sehen den Schlüssel zum Frieden in der schulischen Bildung der Kinder Jemens. Doch obwohl die Jüngsten einer jeden Gesellschaft als die Zukunft des Landes gesehen werden, scheint Jemens Schulsystem in der Vergangenheit eingefroren zu sein: Kaputte Bänke, Bücher mit fehlenden Seiten und Fragebögen, die schon vor mehreren Jahren ausgefüllt wurden. Selbst das Curriculum hat sich in den meisten jemenitischen Schulen seit Jahren nicht geändert, manchmal seit mehreren Generationen nicht mehr. Die Inhalte sind oftmals sehr veraltet und die Lehransätze mehr als überholt. Vor allem in den Schulen auf dem Land stellen diese Umstände ein sehr ernstzunehmendes Problem für die Kinder dar, die einfach nur etwas lernen wollen. 

Laut der Meinung einer jungen Frau aus dem Jemen, die als Lehrerin arbeitete, fehlt es vor allem an einer vernünftigen Evaluation, um herauszufinden, was die Schulkinder im Jemen brauchen, damit sie besser lernen können. Solch ein Vorhaben müsste im besten Fall allerdings vom Staat angestoßen werden. Dieser lässt aber vor allem die Jüngsten komplett im Stich. „Wir können uns nicht auf den Staat verlassen. Er hilft uns nicht.“, meinte die ehemalige Lehrerin. Seit der Eskalation des Konflikts im Arabischen Frühling hat sich die prekäre Situation immerzu verschlimmert. Die Schulbildung der Kinder ist meist nach politischen Motiven ausgerichtet und nicht nach den Bedürfnissen der Kinder selbst. Für die verschiedenen Akteure innerhalb des Konflikts steht an erster Stelle die Indoktrinierung ihrer eigenen Wertvorstellungen. Das große Einmaleins steht hintenan. 

Für viele Kinder im Jemen bleibt eine gute Bildung ein Traum und der Besuch einer Hochschule ein bloßes Wunschdenken. Immer mehr Kinder und Jugendliche brechen die Schule ab, bevor sie diese erfolgreich abgeschlossen haben. Viele von ihnen müssen früh arbeiten gehen, um die Familie zu unterstützen. Viele Kinder sehen auch den Sinn einer schulischen Bildung nicht und gehen freiwillig – aufgrund der in ihren Augen aussichtslosen Situation – von der Schule ab. Die Menschen, die ihren Abschluss schaffen, verlassen Jemen, um im Ausland ihre akademische Laufbahn zu absolvieren und ein Leben zu führen, dass ihnen mehr Möglichkeiten bietet als das im Jemen. Selbst Mitglieder der Regierung sind nach Saudi-Arabien umgezogen, um dort ein besseres Leben zu haben.

So auch die ehemalige Lehrerin, die Jemen vor zwei Jahren verlassen hat, um in Ägypten an der American University ihren Master in Vergleichenden Bildungswissenschaften zu machen. Als wir zusammen dort studierten, erklärte sie mir voller Eifer und Drang, was sie alles ändern wird, wenn sie in den Jemen zurückkehrt. Denn anders als viele andere hat sie sich fest vorgenommen, ihre Heimat nicht hinter sich zu lassen. Mit diesen Gedanken ist sie nicht komplett allein. Immer mehr junge Menschen im Jemen wollen gegen die Korruption des Staates und das stagnierende Schulsystem vorgehen. Viele nutzen die sozialen Netzwerke, um innerhalb sowie auch außerhalb Jemens auf die Probleme aufmerksam zu machen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Durch den anhaltenden Konflikt, der Hunger und Tod hervorbringt, scheint dies momentan ein unmögliches Bestreben. Doch der Wille ist da: Auch die Bildung im Jemen muss sich ändern.

 

Schlagworte dieses Artikels
, , , ,
Geschrieben von
Mehr von Roxanne Honardoost

Helfer – nicht nur in Glaubensfragen

Ein Interview mit Dr. Gottfried Martens                                                                   Dr. Gottfried Martens ist...
mehr