Meine neue Normalität 

Foto: Yvonne Schmitt

Besinnung und Balance: In der Corona-Pandemie wird mir eine neue Lebensrealität bewusst

Die Frühjahrssonne entführt mich in der Corona-Pandemie zu ausgiebigen Spaziergängen an den Schlachtensee. Wenn schon unser Alltag auf ein Minimum heruntergefahren wird, erfreue ich mich umso mehr am Erwachen der Natur. Die Bäume tragen wieder satte grüne Blätter und die Vögel zwitschern um die Wette. Endlich an der frischen Luft ohne Maske durchatmen: Das hat etwas von Normalität. Aber was ist denn normal, frage ich mich, und wer definiert Normalität? Geiz ist geil? Gib Gas, ich will Spaß

Gedankenversunken entdecke ich plötzlich eine Schildkröte, die auf einem Baumstamm, der in den See hineinragt, ein Sonnenbad nimmt. Ich starre auf das reglose Tier und unerwartet überfällt mich tiefe Dankbarkeit, die Natur so intensiv genießen zu können. Gleichzeitig wird mir gerade jetzt bewusst, dass sie in Gefahr ist. Und wir mit ihr, denn wir alle sind ein Teil des gesamten Ökosystems. Natur ist ständige Veränderung und Anpassung. Sie hat diese Schildkröte geschaffen; ein Kriechtier, das es schon vor 220 Millionen Jahren gab. 

Immer öfter verfolge ich Dokumentationen über wissenschaftliche Studien zur Entstehung von Pandemien, zum Klimawandel, zum Artensterben und zu Fluchtursachen, aber auch zu den folgenschweren Wechselwirkungen. All dies lässt für mich nur einen Schluss zu: Der Mensch muss der Natur mehr Raum zur Entwicklung geben und so werde ich noch weitere meiner lieb gewordenen Gewohnheiten zugunsten einer noch achtsameren Lebensweise verändern.

Anstatt ins Ausland zu fliegen, habe ich Deutschland neu entdeckt und Reisen in den Norden und den Süden unternommen. Ein neues Heimatgefühl ist entstanden, weshalb ich künftig grundsätzlicher als bisher auf nachhaltiges Reisen achten und das Fliegen auf ein Minimum beschränken werde. Ich denke an die Bilder eines wieder blauen, lange Zeit durch Smog verhangenen Himmels in Peking und an das klare Wasser in Venedigs Kanälen, in denen sich wieder Fische tummeln. Keine Kreuzfahrtschiffe, keine Touristenmassen, sondern neue Konzepte für ein nachhaltiges Wachstum global definieren: Politische und wissenschaftliche Akteure sprechen von gesellschaftlichen Transformationsprozessen, in denen wir uns befinden. Auch das ist für mich der Wandel in eine neue Normalität.

Neben häufigeren ausgedehnten Wanderungen in meiner Umgebung habe ich mich zudem 2020 in die 18 % mehr Radfahrer in Berlin eingereiht und das soll auch so bleiben. Und ich habe mir jetzt endgültig angewöhnt, möglichst nur noch regional und saisonal einzukaufen, am besten in Hofläden und auf regionalen Märkten. Ich ernähre mich vegetarisch und achte noch mehr auf heimische Qualität, lehne den Online-Handel ab, nicht nur, um das kleine Geschäft an der Ecke zu erhalten, sondern auch, um Anfahrtswege und Müll zu vermeiden.  

Diese Überflussgesellschaft ist keine Normalität. Sie zerstört hier und anderswo Lebensräume für Pflanze, Tier und Mensch. Daraus folgt das Risiko für die Häufigkeit von Pandemien. Aus naturwissenschaftlichen Dokumentationen habe ich gelernt, dass, wenn Menschen in Ökosysteme wie z. B. Wälder, Seen und Meere eingreifen, sie die Balance zwischen allen Lebewesen zerstören. Schon seit den 1970-er Jahren spricht die Wissenschaft von Umweltzerstörung, woraus eine Umweltbewegung und 1980 in Westdeutschland die Partei der Grünen entstanden ist, deren Leitgedanke ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit ist. Ich merke selbst, wie schwer die konsequente Umsetzung ist. Umso mehr steigt für mich die Wertschätzung von Wissenschaft und Forschung. Die Waldrodung kann z. B. eine neue Ansiedlung von Menschen bedeuten, die mit ihnen unbekannten wilden Tierarten in Kontakt kommen. Und wenn diese z. B. gejagt, gestresst und krank werden, können deren Infektionskrankheiten als sogenannte Zoonosen schnell auf den Menschen überspringen. So sorgen z. B. kommerzieller Tierhandel und dessen weltweite Lieferketten für die schnelle Verbreitung auf unserem Planeten. Aus unserer Vergangenheit kennen wir Zoonosen wie HIV, Ebola- und Gelbfieber, Hepatitis-E, Sars CoV2, MERS und viele mehr. Und mit diesem kranken Planeten hängt der Klimawandel zusammen, der das eigentliche lebensbedrohliche Problem ist, das wir jetzt nach all den Jahren unzureichender Gegenmaßnahmen hautnah spüren. Deshalb werde ich auch künftig die jungen Klimabewegungen wie Fridays for Future unterstützen, denn dieser Generation wird absehbar die Lebensgrundlage genommen. Und ihre Forderungen dulden jetzt keinen Aufschub mehr.

Natürlich freue ich mich auch wieder auf Kultur, Feste und Umarmungen. Doch nach gründlicher Besinnung wird auch zukünftig in den Herbst- und Wintertagen neben Abstandhalten und dem Verzicht auf Händeschütteln ein Attribut mein ständiger Begleiter meiner neuen Normalität bleiben: die Maske. Das Robert-Koch-Institut verzeichnet ein deutlich niedrigeres Niveau der Atemwegserkrankungen und die Apotheken verkauften bedeutend weniger Erkältungsmittel. Mich überzeugt das!

 

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