„Schon jetzt frieren die Böden“

Mobile medizinische Teams versorgen die Menschen in den Straßen. Foto: Afghanischer Frauenverein

Humanitäre Krise in Afghanistan

 

Nach der Machtübernahme der Taliban sind viele Menschen auf der Flucht, fürchten um ihr Leben und um ihre Zukunft. Die Anzahl der Binnenvertriebenen, die sich schon zu Jahresbeginn auf mehr als 4 Million Menschen belief, ist im Laufe des Jahres noch um eine knappe Million Menschen gestiegen.[1] Viele der rund 30–40.000 Obdachlosen in Kabul sind Frauen und Kinder. Sie leben zum Beispiel schutzlos in den Straßen oder in Parks der Stadt, ohne Essen, ohne Wasser, ohne sanitäre Einrichtungen, und kämpfen täglich aufs Neue um ihr Überleben und das ihrer Kinder. Die Zahl der Infektionen wie Brechdurchfall steigt, erläutert die Geschäftsführerin des Afghanischen Frauenvereins e. V., Christina Ihle. Sie befürchtet, dass zusätzlich zur Corona-Pandemie bald auch weitere Epidemien ausbrechen könnten. Mobile Kliniken des Vereins mit gemischten Teams (aus Ärzt*innen, Hebammen, Psycholog*innen und Pharmazeut*innen) versorgen vor allem Kleinkinder, die zumeist unterernährt sind.

Mobile medizinische Teams kümmern sich vor allem um Kinder, die oft mangelernährt sind und an Infektionskrankheiten leiden. Foto: Afghanischer Frauenverein

Für Frau Ihle ist deshalb die humanitäre Nothilfe eines der dringendsten Probleme Afghanistans; „denn der Winter kommt früh und schnell, und schon jetzt frieren die Böden.“ Die humanitäre Notlage wird durch die schwere Dürre im Land verschärft, und die Preise für Grundnahrungsmittel haben sich – nach ihren Aussagen Ende September – teils verdreifacht.[2]

Die mobilen Kliniken sind nur eines von den insgesamt 13 Projekten des Vereins, die wieder normal weiterlaufen. Und von den 190 Mitarbeiter*innen des Vereins in Afghanistan, davon 60 % Frauen, sind alle wieder beschäftigt und arbeiten trotz der schwierigen Bedingungen und trotz ihrer Ängste weiter. Stolz zitiert Frau Ihle hierbei eine ihrer Schuldirektorinnen mit den Worten: „Wenn wir nicht zur Schule gehen, was sollen dann unsere Schülerinnen tun?“, und bewundert ihren Mut. Der Verein betreibt insgesamt vier Schulen, davon zwei Mädchenschulen. Bis zur 6. Klasse können jetzt auch die Mädchen wieder zur Schule gehen. Und obwohl die Schulwege sehr gefährlich sind, besuchen rund 95 % der Schülerinnen wieder den Unterricht. Wie es für die Mädchen in der Oberschule weitergehen kann, ist noch offen.

14 von 17 Stipendiatinnen, die vom Verein gefördert werden und vorwiegend private Unis besuchen, können seit dem 11.09.2021 – durch einen Vorhang getrennt von den männlichen Studierenden – wieder in die Vorlesungen gehen.

Im Unterschied zur ersten Talibanzeit will sich die Taliban jetzt nicht mehr international isolieren. Für Frau Ihle kommt es jetzt darauf an, „dass die internationale Gemeinschaft weiter gut hinschaut, weiter im Dialog bleibt, weiter versucht, Menschrechtsstandards und Frauenrechte durchzusetzen.“

Seit 1992 betreibt der Afghanische Frauenverein (AFV) als humanitäre Hilfsorganisation unterschiedliche Projekte in Afghanistan, die sich über Brunnenbau, Gesundheitszentren, Mädchenschulen und Ausbildungsstätten für junge Frauen erstrecken.

Unterstützungsmöglichkeit für den Afghanischen Frauenverein e. V.

Spendenkonto: 

Afghanischer Frauenverein
Commerzbank Koblenz
IBAN: DE28 5708 0070 0680 8505 00
BIC: DRES DEFF 570

(siehe auch: https://www.afghanischer-frauenverein.de/so-helfen-sie-uns/)

 

[1] Die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) spricht sogar von ca. 4,7 Millionen Menschen zu Jahresbeginn, zu denen durch das aktuelle Konfliktgeschehen noch weitere 555.000 Menschen hinzugekommen sind. Sie folgert: „Angesichts der immensen Not ist es unerlässlich, die im Land verbliebenen humanitären Organisationen weiter zu finanzieren und die Hilfe für die Bevölkerung auszubauen, unabhängig davon, welches Regime an der Macht ist.“ Quelle: https://www.swp-berlin.org/publikation/flucht-vor-den-taliban-was-nun-getan-werden-kann

[2] Rund ein Drittel der Menschen in Afghanistan sind von Ernährungsunsicherheiten betroffen und litten schon vor dem Zusammenbruch der Regierung unter Nahrungsknappheit. Nun hat sich die Lage dramatisch verschlechtert. Fast die Hälfte der Bevölkerung ist auf humanitäre Hilfe angewiesen. Doch die internationalen Hilfsorganisationen haben mit der Machtübernahme der Taliban das Land verlassen.

Geschrieben von
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