Heiraten statt spielen?

Bakry Alahmer
Bakry Alahmer

Kinderheirat im Sudan

Ich erinnere mich noch gut an jenen Morgen, als meine Mutter, meine Schwestern und ich gemeinsam beim Tee saßen und mit unserer Verwandten schwatzten. Sie war über 40 Jahre alt und aus einem anderen Bundesstaat im Sudan angereist, um uns zu Hause in Khartoum zu besuchen. Sie erzählte uns davon, wie sie mit nicht einmal 15 Jahren verheiratet wurde – was in der damaligen Zeit keine Seltenheit, sondern ganz im Gegenteil bei den meisten Mädchen der Fall war. Auch wenn diese Tradition heutzutage nicht mehr im gleichen Ausmaß praktiziert wird wie früher, so sind auch heute noch junge Mädchen von der Kinderehe betroffen.

Unsere Verwandte erzählte uns auch von einer Begebenheit mit ihrer Schwester, die im Alter von 14 Jahren verheiratet wurde: Als die Schwester mit ihrem Mann verreisen sollte und die Frauen der Familie ihren Koffer packten, legte die Schwester ihr Spielzeug neben das Hochzeitskleid im Koffer. Die Frauen lachten sie aus und nahmen das Spielzeug wieder heraus. Sie versuchten, dem Mädchen klarzumachen, dass sie nun ein neues Leben erwarten und es mit dem Spielen vorbei sein würde. Sie sprachen mit ihr über ihre neue Verantwortung, darüber, wie sie den Mann zu bedienen hätte, ihren Gehorsam etc.

Die Kinderehe ist ein alter sudanesischer Brauch, bei dem minderjährige Mädchen verheiratet werden und der auch heute noch zum Teil praktiziert wird. Die Gründe für die Verheiratung von jungen Mädchen sind vielfältig: Erstens gibt es kein Gesetz, das minderjährige Mädchen vor der Kinder- oder Zwangsheirat schützt. Zweitens ist sie sozialen und wirtschaftlichen Faktoren geschuldet, soll heißen: Viele arme Familien verheiraten ihre Mädchen mit Reicheren, um so zu teuren Brautgaben zu kommen, die sie zu Geld machen können. Drittens befürchten einige Familien, dass sich ihre Töchter in späteren Jahren nicht mehr so leicht verheiraten lassen, sie also als alte Jungfer enden könnten. Und dann gibt es noch einen vierten Grund, und zwar: die Angst der Familie vor Schande und der Gedanke, dass eine von ihren Töchtern eine außereheliche Beziehung eingehen könnte, aus der eine uneheliche Schwangerschaft hervorgeht. Das wäre eine Schande für die Familie und das Mädchen würde von ihren Brüdern oder ihrem Vater getötet werden, sobald ans Licht käme, dass sie unehelich schwanger ist. Aus Angst davor, umgebracht zu werden, flüchten manche Mädchen auch in eine andere Stadt.

Vor zwei Jahren wurde die 15-jährige Noura zwangsverheiratet. Sie tötete ihren gewalttätigen Ehemann, der sie in der Hochzeitsnacht mutmaßlich vergewaltigt hatte. Vom sudanesischen Gericht wurde Noura zur Todesstrafe verurteilt, dieses Urteil wurde bislang allerdings aufgrund des Protests vonseiten der Öffentlichkeit und humanitärer Organisationen nicht vollstreckt.

Zahlreiche zivilgesellschaftliche Organisationen und Frauenorganisationen haben der Kinderehe den Kampf angesagt, indem sie die Situation verfolgen und medienwirksam daran arbeiten, die Kinderheirat zu stoppen. Daneben gibt es auch dutzende Organisationen, die sich zusammengeschlossen haben, um der Frühehe mit vereinten Kräften Einhalt zu gebieten, beispielsweise indem sie ein Gesetz fordern, das eine solche Art der Eheschließung verbietet. Denn erst ein derartiges Gesetz würde bei der Zivilgesellschaft für ein Umdenken sorgen und den Weg dafür ebnen, gegen Verstöße der Rechte von Mädchen vorzugehen und ihnen rechtliche Unterstützung und Schutz zu bieten.

 

Ins Deutsche übertragen von Melanie Rebasso

page19image11276224    Anlauf- und Beratungsstellen zur Zwangsheirat

مراكز الدعم والاستشارة

BUNDESWEIT: www.zwangsheirat.de
Das Internetportal www.zwangsheirat.de von TERRE DES FEMMES ist für Fachkräfte, die sich mit den Themen Zwangsheirat und Gewalt im Namen der Ehre beschäftigen. Es enthält Anlauf- und Beratungsstellen in ganz Deutschland mit lokalen Schwerpunkten.

BERLIN: www.zwangsheirat.de/beratung-fp/beratungsstellen- vor-ort/berlin
zum Beispiel:
24-Stunden Hotline von BIG: 030-6110300, www.big-hotline.de/node/53
Jugendnotdienst: 030-61 00 62 / Mädchennotdienst: 030-61 00 63,
E-Mail: info@jugendnotdienst-berlin.de, www-berliner-notdienst-kinderschutz.de/home.html,
Sprachen: Albanisch, Arabisch, Französisch, Hebräisch, Deutsch, Türkisch, Finnisch, Englisch, Kontakte zu Dolmetschern

 

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