Vorsicht: Frau am Steuer!

Vorsicht: Frau am Steuer!
Foto: Privat

    Aus dem Alltag einer iranischen Busfahrerin

 

In meinem Land, dem Iran, gibt  es selten eine Busfahrerin. Man lernt schon von Kindheit an, dass solche Berufe die Domäne der Männer sind. Frauen seien nicht im Stande, solche „harten“ Berufe auszuführen. Umso mehr überraschte es mich, als ich auf Instagram das Bild einer iranischen Busfahrerin entdeckte, die offensichtlich ihre Arbeit genoss. Das war für mich sehr spannend. Ich nahm sofort Kontakt mit ihr auf und bat um ein Interview. Sie heißt Roya Mehriyan, lebt seit sieben Jahren in Deutschland und arbeitet seit drei Jahren als Busfahrerin in Torgau, Sachsen.

Wie kamen Sie darauf, Busfahrerin zu werden?
Eines Tages war ich mit einem Freund in seinem Auto unterwegs. Ich fragte ihn, ob ich nicht auch einmal fahren dürfe. Als er dann sah, wie sicher ich fuhr, meinte er spontan, dass ich Busfahrerin werden solle. Zuerst war ich etwas perplex und dann sagte ich zu mir, warum nicht?! Das war für mich sehr ermutigend, zumal ich nicht nur eine sichere Fahrweise hatte, sondern auch einen guten Bezug zu diesem Beruf, da mein Vater und mein Onkel Kraftfahrer sind.

Vorsicht: Frau am Steuer!
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Was haben Sie dann gemacht?
Nun meldete ich mich beim Jobcenter und sagte, dass ich Busfahrerin werden möchte. Dort waren sie zuerst skeptisch und fragten mich, ob ich das wirklich wolle. Dann wurde mir gesagt, dass ich diverse Tests, wie Augen- und Intelligenztest sowie Reaktions- und Fahrtüchtigkeitstest absolvieren müsse. Erst dann dürfe ich mich bei einer Fahrschule anmelden. Für mich reichten damals Sprachkenntnisse auf B1-Niveau. In anderen Bundesländern waren Sprachkenntnisse auf B2-Niveauvorgeschrieben, damit bei Problemen eine bessere Verständigung gewährleistet werden kann.

Was hat Ihre Familie dazu gesagt?
Mein Vater war schon seit meiner Kindheit mein Unterstützer. Er hatte mich auch öfter mal sein Auto lenken lassen. Selbstverständlich fragten aber auch einige Verwandte, ob ich nach Deutschland gegangen sei, um Busfahrerin zu werden? Sie wollten wissen, warum ich nicht von meinen Möglichkeiten Gebrauch mache und an einer Universität studiere. Ich persönlich hatte jedoch keine Intention,  studieren zu gehen.

Und wie reagierte Ihr Umfeld?
Die meisten waren überrascht und fragten, ob ich mit diesem Job klarkäme. Gott sei Dank habe ich die neunmonatige Ausbildung bestanden und fand einen Monat später auch einen Job.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Job besonders?
Ich liebe meinen Job. Ich mag das Gefühl, ein großes Fahrzeug zu fahren. Wenn die Fahrgäste sehen, dass eine kleine, zierliche Ausländerin einen 18 Meter langen Bus lenkt, beobachten sie oft alles ganz genau. Insbesondere beim Abbiegen an Kreuzungen staunen sie, dass ich im Stande bin, solche Lenkmanöver zu meistern. Diese Momente, wenn ich sehe, dass sie mich bewundern, wenn ich das problemlos schaffe, sind für mich einfach großartig.
Und ich liebe den SonnenaufgangFür mich ist das auch eine treibende Kraft, so früh am Morgen mit der Arbeit zu beginnen. Da möchte ich manchmal anhalten und diese Momente in Bild oder Film festhalten. Leider ist die Schönheit solcher Momente nicht konservierbar.

Welche Herausforderungen gibt es für Sie in diesem Beruf?
Ich muss täglich mit hunderten Fahrgästen klarkommen, trage die volle Verantwortung für ihre Gesundheit und muss sie unversehrt zum Ziel bringen. Mein Stress ist die Pünktlichkeit, die ich trotz Staus einhalten muss. Manchmal muss man Umleitungen fahren, die die Fahrten noch komplizierter machen. Eine weitere Schwierigkeit ist die Schichtarbeit. Die Frühschicht beginnt um drei Uhr morgens. Es gibt auch Tage, in denen ich zwei Schichteinsätze habe. Mein Vorteil ist, dass ich unweit von meiner Einsatzstelle wohne. Ich kann dann zwischen den Schichten nach Hause gehen und mich ausruhen und muss diese Zwischenzeiten nicht im Betrieb verbringen.

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Haben Sie als Frau mit besonderen Herausforderungen zu kämpfen?
Frauen können in Deutschland jedem Beruf nachgehen. Dieser Job macht mir Spaß, aber er ist für mich auch gar nicht so einfach. Insbesondere an den Wochenenden. Da kommen oft Betrunkene ohne Ticket oder Gäste, die im Bus etwas essen. Es ist kein gutes Gefühl, diese Leute anzusprechen.

Was empfehlen Sie den Leuten, die diesem Job nachgehen wollen?
Das Wichtige ist, diesen Job von ganzem Herzen zu lieben. Denn das monotone und sich wiederholende Fahren und die langen Fahrzeiten sind nicht einfach. Für manche wird das zu langweilig und für andere zu anstrengend sein. Da muss man sich zunächst die Schwierigkeiten vor Augen führen.

Welchen Einfluss hatte die Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit?
In der Corona-Zeit ist der Kontakt zu den Fahrgästen stark reduziert. Sie kaufen ihre Tickets nicht mehr im Bus, und wir sind gezwungen durch die Schutzscheibe mit den Fahrgästen zu kommunizieren. Im Fahrplan ist es im Grunde genommen keine Veränderung. Was sich drastisch geändert hat,  ist die Anzahl der Fahrgäste. Im Lockdown hatte ich an manchen Tagen nicht einen einzigen Fahrgast. Diese Tage waren für mich sehr öde und traurig. Denn als ein kommunikativer Mensch wünsche ich mir immer einen vollen Bus.

Vielen Dank für das nette Gespräch.


Ins Deutsche übertragen von  Mohammad Schams

 

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: فارسی (Persisch)

Geschrieben von
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