Frauen packen’s an!

Fotos: Ashraf Abu Amra

Im Gazastreifen gehen junge Frauen ihren ganz eigenen Weg und scheuen dabei auch nicht davor zurück, mit ihren zarten Händen in ungewöhnliches Terrain vorzudringen. Eine von ihnen ist die 20-jährige Remah Albuhisi, Grafik-Designerin und Technikerin für Solaranlagen. Mit uns spricht sie darüber, wie sie zu ihrer Arbeit in der Solarbranche gekommen ist.

Wie bist du auf die Idee gekommen, beim Solarzellenprojektmitzuarbeiten?
An der Berufsfachschule in Gaza wurde eine neue Fachrichtung mit einem Pilotprogramm angeboten. Und da habe ich mich sofort eingeschrieben, mich mit Freude in dieses neue Abenteuer gestürzt – und das auch noch ganz erfolgreich.

Warum hast du dich genau für diesen Bereich entschieden?
Ich habe mich wegen der schwierigen Lebensverhältnisse im Gazastreifen dafür entschieden.Wir leiden hier an einer sehr hohen Arbeitslosigkeit und sind im Alltag vielen Beschränkungen ausgesetzt. So finden zum Beispiel die Uniabsolventen hier nach ihrem Abschluss keine passende Arbeit. Deshalb habe ich entschieden, dass ich in meinem eigenen Projekt in diesem Bereich arbeite, damit ich meinen Lebensunterhalt und den meiner Familie bestreiten kann, um trotz dieser schwierigen Umstände zurechtzukommen.

Treibt die schwierige Situation in Gaza aufgrund der ständigen Stromausfälle deiner Meinung nach die Solarzellenprojekte dort an?
Ja, ganz bestimmt. Aber nicht nur im Gazastreifen, sondern auf der ganzen Welt ist die Solarenergie auf dem Vormarsch. Immerhin bietet sie einiges an Vorteilen und ist darüber hinaus umweltfreundlich.

Was motiviert dich, in diesem Beruf zu arbeiten?
Mein wichtigster Ansporn ist meine Familie. Sie ist stolz auf mich, und das ist für mich die größte Motivation. Sie hat mich zu jedem Zeitpunkt motiviert – auch mit ihrer Ansicht, dass eine Frau jede Arbeit machen kann, solange sie es möchte und sich dabei wohlfühlt. Der zweite Ansporn ist, dass ich Tätigkeiten mag, die als Männerdomäne gelten. Ich mag es einfach, mich in solche Abenteuer zu stürzen. Abgesehen davon, bringe ich einen praxisbezogenen Hintergrund mit.

Und wie steht dein Umfeld zu deiner Arbeit?
Mein Umfeld ist erstaunt, dass ich so weit gekommen bin, und zwar trotz der Vorbehalte einiger weniger. In erster Linie aber freue ich mich über die vielen positiven Rückmeldungen.

Was sind für dich die größten Herausforderungen bei deiner Arbeit?
Die Wintertage, Wind und die sengende Sonne, in großen Höhen zu arbeiten, Geräte und Werkzeug zu tragen und noch einiges weitere. Solange ich meine Arbeit gerne mache, halte ich das alles aus. Zu Beginn hatte ich schon ein wenig Bedenken, aber ich kenne mich selbst gut und weiß, dass ich mir diese Arbeit zutrauen kann. Ich weiß, dass ich die Verantwortung für meine Arbeit übernehmen, die Geräte tragen und sie montieren kann. Meine Ausbilder und alle, die mich bei meiner Arbeit gesehen haben, wissen das ebenfalls.

Wie empfindest du die Arbeit in diesem männerdominierten Bereich?
Um in diesem Beruf arbeiten zu können, muss man als Frau körperlich sehr fit sein, mit allen Wetterlagen und Gefahren umgehen können und Durchhaltevermögen mitbringen. Man muss jedes Gewicht tragen und auch mit unterschiedlichen Menschen zusammenarbeiten können. Außerdem muss man passende Arbeitskleidung tragen. All das bereitet mir wirklich Freude. Wer diese Eigenschaften nicht mitbringt, kann in diesem Beruf auch nicht erfolgreich sein.

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Hast du bei deiner Arbeit auch schon mal so was wie Belästigung oder Schikane erfahren?
Ich wurde auf der Straße schon häufig blöd angemacht, wenn ich mit meiner Arbeitskleidung unterwegs war, meine Kleidung von den Geräten oder der Arbeit zerrissen oder ich überall voller Eisenstückchen war. Was auch immer die Leute davon halten: Wir werden mit unserer Arbeit nicht aufhören, denn wir sind glücklich damit. Abgesehen davon hat die Gesellschaft angefangen, dieses Frauenbild zu akzeptieren und uns zu bestärken.

Wie hat sich der letzte Krieg auf deine Arbeit ausgewirkt?
Das Ausmaß der Zerstörung ist groß in jeder Hinsicht. Auch meine Arbeit war stark davon betroffen. Denn eigentlich hätte ich arbeiten sollen, um alles fertig zu bekommen, was ich zu tun hatte.  Allerdings saß ich mehr als elf Tage zu Hause fest, also genau so lange, wie die militärische Aggression gegen Gaza dauerte. Darüber hinaus wurden die Häuser einiger meiner Kunden durch Beschuss oder Abriss ganz oder teilweise zerstört. Das heißt, bei ihnen werde ich meine Arbeit aufgrund der gravierenden Schäden nicht fortsetzen können. Das Ganze hat also folgenschwere Auswirkungen auf meinen Arbeitsbereich.

Was denkst du, wie die Arbeit im Bereich Solartechnik in Zukunft aussehen wird?
Die ganze Welt wird in den nächsten Jahren von der Sonnenenergie abhängig sein. Wir entwickeln uns in diesem Bereich spürbar. Deshalb werden auch die meisten Firmen auf Sonnenenergie umsatteln, insbesondere da sie wissen, dass eine Zukunft ohne sie undenkbar ist.

Was sind deine Ziele und Wünsche für die Zukunft?
Ich wünsche mir, jemanden zu finden, der mich bei meiner persönlichen Weiterentwicklung unterstützt, und ich die nötigen Kurse zur Realisierung meines eigenen Projekts absolvieren kann. Ich hoffe, dass ich reisen und mich im Energiebereich fortbilden kann. Und dass ich eine feste Anstellung finde und vom fürchterlichen Ungeheuer „Arbeitslosigkeit“ verschont bleibe.

Was empfiehlst du Kolleginnen,die ebenfalls in diesem Bereich tätig sind oder sein werden?
Bleibt stark und entschlossen, ihr seid stärker als alles andere. Geht der Arbeit oder Fachrichtung nach, für die ihr brennt. Denn dies ist einzig und allein euer Leben. Das Geschwätz der Leute, ihre Vorbehalte und Meinungen sind Nebensache und spielen keine Rolle, solange ihr selbst an eure Fähigkeiten und euren Erfolg glaubt. Denn euer Leben nimmt mit eurem Traum und eurer Zukunft seinen Anfang. Es liegt in eurer Hand, euer Leben zu gestalten.
Die Zukunft der Arbeit und insbesondere die Zukunft der Sonnenenergie liegt in Frauenhand!

 


Ins Deutsche übertragen von Melanie Rebasso

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: العربية (Arabisch)

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