„Die Saat der Worte“

Yvoone Schmitt

Wie die Sprache Farsi überlebt hat

Was macht eine Kultur aus? Oder mehr noch: Worin unterscheidet sich eine Nation von anderen Nationen? Man könnte sagen: durch ihre Geschichte, Traditionen, ihre Geographie und politische Situation. Vor allem aber wird allgemein angenommen, dass die Sprache eine entscheidende Rolle für die eigene Nation und ihre politischen Grenzen spielt. Es ist nicht die Architektur Deutschlands, die die Grenze zu Frankreich bildet. Vielmehr ist es die kraftvolle philosophische Sprache Deutschlands, die mutige Philosophen hervorbringt, im Vergleich zum melodisch-literarischen Ton der zahlreichen Poeten der französischen Sprache. Was geschieht nun, wenn eine Sprache ihre Existenz, ihre Anwendung oder ihren Gebrauch innerhalb einer Gesellschaft verliert? Ganz bestimmt wird diese Nation dauerhaften Konsequenzen gegenüberstehen, und ihre natürliche Identität wird als Nebeneffekt heruntergestuft oder zerstört. Hier scheint die Rolle der Sprache mehr als jeder andere Faktor von besonderer Bedeutung zu sein.
Die persische Nation verdankt ihre Identität, Originalität, Geschichte, Kultur und Tradition dem bekanntesten Dichter der Region von Khorasan, einer Region im Nordosten Irans, mit Namen Abul-Qâsem Ferdowsi Tusi, einem der größten Persönlichkeiten der persischen Literatur, dem Dichter des Schahnamehs („Das Buch der Könige“), eines der längsten epischen Gedichte, geschaffen von einem einzigen Dichter.

Seine Bedeutung, die zur Bewahrung und Existenz der persischen Sprache beigetragen hat, ist unermesslich.

Ferdowsi wurde 940 n. Chr. in einer iranischen Landbesitzerfamilie (Dehgan) in einem Dorf namens Paj, nahe der Stadt Tus, in Khorasan geboren.  Er hatte eine Frau und zwei Kinder.

Vor allem die islamische Eroberung und Überfälle  durch die Araber brachten im 7. Jahrhundert sprachliche und kulturelle Veränderungen für das iranische Hochland mit sich. Doch im späten 9. Jahrhundert waren es iranische Patrioten und Dichter wie Rudaki und Daqiqi, die die iranische Kultur und Sprache retten wollten. Sie verfassten zahlreiche Prosatexte, doch keiner von ihnen hatte eine derart intensive und dauerhafte Auswirkung auf die persische Sprache wie Ferdowsi. Ohne Ferdowsis National-Epos hätte die persische Sprache Farsi vielleicht ihre Identität verloren, wie in so vielen anderen Ländern, in denen nach den arabischen Eroberungen die ursprünglichen Sprachen verschwanden, obwohl sie sogar eine größere Geschichte und Zivilisation hatten. Ferdowsi begann sein legendäres Epos um 977 n. Chr. und verbrachte die längste Zeit seines Lebens – fast 30 Jahre – damit, dieses einzigartige Werk zu erschaffen.

So wie er in einem seiner Gedichte schreibt:
„Viel habe ich in diesen dreißig Jahren gelitten.
Yvonne SchmittIch habe Persien wiederbelebt mit meinen Versen.
Deshalb werde ich nicht sterben,
sondern in der Welt lebendig bleiben,
Denn ich habe die Saat des Wortes verbreitet.
Wer immer auch Sinn, Pfad und Glauben kennt,
wird mich nach meinem Tode loben.“
Dies sind die wahren Worte von Ferdowsi, die auch nach mehr als tausend Jahren und Hunderten von Streitigkeiten, Kriegen und Eroberungen immer noch Bestand haben. So wie auch die Bedeutung seiner Unsterblichkeit in der persischen Sprache, die von mehr als 120 Millionen Menschen in vier Ländern und in Einwanderergemeinschaften in vielen weiteren Ländern der Welt gesprochen wird.

 

Der Beitrag wurde von Navid Raeessi in englischer und persischer Sprache verfasst und ins Deutsche übertragen von Yvonne Schmitt.

 

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