Freiheit – eine ständige Veränderung

Grafik: Hani Abbas
Hani Abbas

Als meine Kinder ins Teenageralter kamen, fragten sie mich: Wie soll man sein Ziel im Leben verfolgen? Wie kann man seine eigenen Träume leben, ohne anderen wehzutun? Und wie bleibt man beharrlich und tut das, was man möchte, ohne egoistisch zu sein? Ach du meine Güte! Gibt es auf diese Fragen überhaupt eine Antwort? Zumindest würden viele von uns gern eine darauf finden.

Ich versuchte also, mich mit theoretischen und moralischen Worten aus der Affäre zu ziehen. Etwa damit, dass es in diesem Leben auf gesellschaftliche Werte ankommt, wobei es auch die Privatsphäre jedes Einzelnen von uns sowie sein persönliches, durch individuelle Anlagen bestimmtes Bestreben zu berücksichtigen gilt. Tatsächlich habe ich mich so lange durch ihre endlosen Fragen durch laviert, bis wir bei einem bedeutenden Punkt angelangt waren, nämlich: dem Willen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es in unserer Unterhaltung so hoch hinaus gehen würde.

Auch wenn einem eigentlich klar ist, dass die eigenen Kinder eines Tages groß werden, denkt man als Eltern lange, dass sie für immer kleine Kinder bleiben – nämlich genau so lange, bis sie einen plötzlich mit ihrer andersartigen, unbekannten Denkweise in Staunen versetzen. Die Annahme, man könnte das Leben seiner eigenen Kinder ausmalen oder gar planen, löst sich in Rauch auf, sobald man entdeckt, dass ihnen selbst ein komplett anderer Weg für sich vorschwebt. Und es ist gut, dass sie diese Entscheidungen, wie ihr Leben aussehen soll, selbst treffen; das Beste aber ist, wenn sie es dürfen.

Von ganz früh an entwickelt ein Kind seinen eigenen Charakter, den man nur herausfinden kann, indem man es im Umgang mit anderen Kindern beobachtet. In unserer Gesellschaft überwiegt die Vorstellung von Geboten und Verboten, und manchmal kommen diese auch ohne Begründung daher, insbesondere wenn sie sich an Kinder richten. Die Aufgabe von Erzieher*innen und der Familie in Bezug auf die Kinder ist also insofern grundlegend, als sie die zukünftige Generation heranziehen, indem sie sich mit ihnen beschäftigen, sie beaufsichtigen, ihnen Aufmerksamkeit schenken und sie anleiten – und so ihr späteres Verhalten formen.

Wie die Antwort auf diese neugierigen Fragen der Kinder ausfällt, beeinflusst deren Erkenntnis wesentlich. Das Kind imitiert das Verhalten seiner Eltern und anderer nicht nur, sondern ergänzt diese Imitation auch noch durch etwas Eigenes und probiert sich eventuell auch mit neuen Verhaltensweisen aus. Die Schönheit im Leben liegt schließlich in der Bewegung, in der Veränderung, in der Erfindung von allem Neuen, wo es ebenfalls um kontrollbefreites Handeln geht, bei dem man vorher nicht weiß, wie das Ergebnis später aussehen wird.

Ich glaube, dass die Idee von Freiheit bei genau dieser Beziehung zwischen einem Menschen und seinem Kind beginnt. Denn Restriktionen in Form von Befehlen oder Zwang, etwas Bestimmtes zu tun oder zu denken, wecken in der Persönlichkeit des Kindes klare Konflikte und führen bei ihm zu einem Zwiespalt zwischen der perfekten Welt, von der wir wollen, dass es an sie glaubt, und der Realität, in der sich ihm unterschiedlichste Handlungs- und Verhaltensweisen zur Auswahl stellen. Wenn es die Möglichkeit hat, unter Obhut einfache Entscheidungen zu treffen, erhält das Kind ein besseres Verständnis davon, was Willen bedeutet – dadurch wiederum gelangt es zu Lösungen und neuen Erkenntnissen und merkt, dass auch andere einen Willen haben und dieser ebenso berücksichtigt werden muss.

Es gibt keine feste Definition von Freiheit, deshalb ist es auch schwierig, allgemeingültige Feststellungen dazu zu treffen. Gewiss aber gehört dazu die Vorstellung, dass das Allgemeinwohl der Gesellschaft die Einhaltung der Moral erfordert – das bedeutet, die Meinungen und das Verhalten anderer zu akzeptieren, solange sie einem nicht schaden oder einen in der eigenen Freiheit nicht einschränken. Dies mit dem Ziel, dass jeder auf seine Weise zufrieden ist, selbst entscheiden darf und es ein friedliches, von gegenseitigem Verständnis getragenes Miteinander gibt anstatt Konflikte, die aus kontroversen Möglichkeiten und Verhaltensweisen resultieren.

Über Freiheit lässt sich nicht so einfach sprechen, jedenfalls ist sie relativ. Was mit ihr gemeint ist, hängt von Zeit und Ort ab, außerdem lässt sie sich zumeist in zwei Arten unterteilen: erstens in die individuelle Freiheit, die im Rahmen des eigenen Zuhauses, der eigenen Familie und Bekannten stattfindet; zweitens in die allgemeine Freiheit, die von den Regeln der Gesellschaft, den Normen und dem Gesetz bestimmt ist. Meistens überschneiden sich die beiden Arten. Eine Einschränkung dieser Freiheiten findet dann statt, wenn einem keine Wahl bleibt und eine Autorität, sei es eine gesellschaftliche, religiöse oder politische, den eigenen Willen ausbremst, damit man ohne zu hinterfragen oder kreatives Denken das annimmt, was auch schon von allen davor gefügig angenommen wurde.

Vielleicht ist Freiheit auch der Ausdruck von ständiger Veränderung, die eine wesentliche Komponente ist, um sein Leben immerzu fortzusetzen, oder der Ausdruck des anhaltenden Gedankens, dass in der Gesellschaft Harmonie, Verständnis und Respekt füreinander herrscht. Jedes Individuum hat das Recht, nach seinem eigenen Ziel zu trachten, wie auch immer es aussehen mag. Dadurch aber, dass es auch das Recht dazu hat, aus den sich ihm situativ bietenden Optionen zu schöpfen, könnte es auch sein, dass sich dieses Ziel verändert. Damit könnte die Freiheit zu einer andauernden Suche nach dem Passendsten und einem ewigen Streben nach dem Besten werden.

Heute sitze ich mit meinen Kindern zusammen, die mittlerweile keine Teenager mehr sind und sich über ihre Möglichkeiten und ihre Zukunft klar wurden, und ich bin stolz darauf, auch wenn es nicht immer einfach war.

Es ist unmöglich, dass das Leben einfach und unkompliziert ist. Doch es bietet auch Momente der Ruhe, die dazu da sind, Vorbereitungen zu treffen, um ein neues Ziel oder eine Veränderung in Angriff zu nehmen.

Meiner Meinung nach kann die Vorstellung von Freiheit eine Gesellschaft erst erobern, wenn deren Kinder und Jugendliche sie praktizieren und eine unterschiedliche Auffassung darüber haben. Daher bedeutet Freiheit für mich kontinuierliche Bewegung und Veränderung und die Möglichkeit, aus den verschiedenen Optionen der Veränderung wählen zu können.

 

Ins Deutsche übertragen von Melanie Rebasso

Geschrieben von
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